
Die „Fledermaus“ zum Jahresende
Ja, genau so sollte es sein
Also, ehrlich gesagt und ganz persönlich: Nach dem, was ich in letzten Jahren an Silvester-Fledermäusen an der Wiener Staatsoper erlebt habe, lieblos besetzt und lieblos exekutiert, hatte ich eigentlich keine weitere Lust darauf. Aber wenn man mir Kaufmann / Damrau kostenlos live ins Haus liefert, dann lege ich mich aufs Sofa und genieße den auf meinen Fernsehschirm gelegten Stream auf großem Bildschirm und bei tadelloser Tonqualität.
Man kann ja immer etwas lernen. Was müssten wir tun, um Triest wieder zu bekommen? (Also, ich perönlich fände das herrlich1) Nach alter Habsburger-Methode müsste Stocker nur Signora Meloni heiraten, und schon hätten wir es. Diese Erkenntnis jedenfalls verdanke ich dem exzellenten Kabarett-Sketch, den Michael Niavarani im dritten Akt eingelegt hat. Keine Frau als Frosch, glücklicherweise. Obwohl ein Amtskappel natürlich auch aussehen kann wie die Reinsperger. Aber genderfluid muss ja nicht immer sein, damit hat man uns 2025 in Burgtheater und Volkstheater genug gequält. Ein arges Theaterjahr. Wie schön, dass es mit dieser „Fledermaus“ geradezu triumphal zu Ende ging.
Denn es war tatsächlich ein Abend zum Genießen, nicht zuletzt dank der Schenk-Inszenierung, die das Werk geradezu aufblühen lässt. Man hat genügend dumme, ja idiotische und auch sinnlos ideen-überbordete Fledermaus-Interpretationen gesehen, um hier geradezu aufzuatmen. Und die Abendregisseure der Staatsoper sind auch hoch zu loben – wie sie das Werkel laufen lassen, jeden Schmäh zu präziser Wirkung bringen, die Persönlichkeiten der Interpreten ausschöpfen,.. Kompliment!
Und natürlich dankt man einen Großteil des Genusses auch den Philharmonikern unter Markus Poschner. Ja, man weiß, die Legende sagt, dass die Herrschaften (und Damenschaften) so was auch allein spielen, wenn kein Dirigent sie stört, aber es ist schon ein wunderbares Feeling vom Pult ausgegangen, für die Lockerheit, Spritzigkeit, Drehungen und Wendungen dieser Musik, die Rubati, die Prestissimi, die herrlichen Soli einzelner Bläser, das Schwelgerische… schön.. Endlich einmal Johann Strauß original, nachdem uns Produktionen des Strauß-Jahres (es werden sich schon Leute finden, die Roland Geyer dafür loben) oft die grausigsten Verstümmelungen seiner Musik geliefert haben.
Wenn ich es recht verstehe, war es der erste Eisenstein von Jonas Kaufmann, und man hatte den Eindruck, dass es ihm Riesenspaß machte, hier einmal „Operetten-Blödeln“ zu dürfen. Er platzte geradezu vor Persönlichkeit, Charme, Übermut und wohl tuender Selbstironie. Und Diana Damrau stand ihm um nichts nach. Wie gehemmt war sie doch vor zwei Jahren in dem Kosky-Regie-Schrott der Münchner „Fledermaus“, und wie ist sie hier geradezu entfesselt! Abgesehen davon, dass nur eine Sängerin ihres Kalibers den verdammt schweren Csardas so singen kann! Ein Traumpaar, die beiden, sie werden für lange Zeit Maßstäbe setzen.
Auch der Rest der Besetzung war sehr gut – schön, wie elegant, souverän und verkniffen Adrian Eröd (war er nicht einst eine Stütze des Hauses?) Falkes Rache in Szene setzte (samt einem Kopfstand, den früher Eberhard Wächter als Eisenstein machte), wie sich Jochen Schmeckenbecher hemmungslos in den Frank hinein warf, und wie Jörg Schneider genau die Art von Tenor war (mit echten Jubeltönen), als der dieser Alfred angelegt ist – da gab es keine Ausfälle.
Auch nicht bei den Damen, wo Ilia Staple zur Adele gefunden hat (bei der letzten Begegnung war sie es noch nicht) und wo Daria Sushkova einen urigen Prinzen Orlofsky spielte (und sang), fast wie im Kino.
Der Abend zeigte, wie man Operette machen muss – auf hohem bis höchstem Niveau in der Besetzung und mit präziser Vor- und Probenarbeit. Passiert nicht alle Tage. Wenn die Staatsoper zwischen Kaufmann / Damrau eine (für Wien, nicht für Linz) Nobody-Besetzung schiebt, wird es am 1. Jänner wohl einige enttäuschte Gesichter geben.
Renate Wagner

