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Zum Thema MAX REINHARDT

Zum Thema MAX REINHARDT

 

Sibylle Zehle: Max Reinhardt: Ein Leben als Festspiel  
320 Seiten, Verlag Brandsätter, 2020

Max Reinhardt: Regiebuch zu Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“
2 Bände, Faksimile / Edition & Kommentare
Hg. vom Salzburger Festspielfonds, Hollitzer Verlag, 2020

2020 – heuer im Sommer – feierte man „100 Jahre Salzburger Festspiele“, und kein Name ist in diesem Zusammenhang öfter gefallen als jener von Max Reinhardt. Und das zu Recht. Natürlich gelten auch der Dichter Hugo von Hofmannsthal und der Komponist Richard Strauss als „Begründer“ der Salzburger Festspiele, aber sie schufen Werke, Reinhardt schuf, was nötig war, nämlich die Realität des Theatererlebnisses, um dessentwillen Menschen seither (fast) jeden Sommer nach Salzburg pilgerten.

Als die Max-Reinhardt-Forschungs- und Gedenkstätte auf Schloß Arenberg noch aktiv war, geführt von Gisela Prossnitz und Edda Fuhrich, herrschte an Publikationen über den großen Regisseur kein Mangel, zahllose Spezialthemen wurden behandelt. Eine Art von „Biographie“ hat eigentlich nur vor Jahrzehnten sein Sohn Gottfried geschrieben, aus persönlicher Sicht („Der Liebhaber“, 1973).

Die Biographie zum Jubiläum stammt nun aus dem Computer von Sibylle Zehle, ihrerseits Journalistin, die versucht hat, überall dort zu recherchieren, wo noch Reinhardt-Wissen aus erster Hand zu bekommen war – bei Edda Fuhrich, die einen Großteil ihres Lebens mit Forschungen zu seiner Person verbracht hat, oder auch bei Michael Heltau, schließlich hat Max Reinhardts Witwe Helene Thimig ihre letzten Lebensjahre bei ihm verbracht.

Und Journalisten nehmen ihr Thema auch ganz persönlich – wenn Sibylle Zehle zu Beginn den berühmten Reinhardt-Ausspruch zitiert „Ich bin auf der vierten Galerie geboren“, so begibt sich die Autorin ihrerseits auf den Galeriestehplatz des Burgtheaters und macht die Erfahrung, wie klein von dort oben alles aussieht. Das „Alte Burgtheater“ am Michaelerplatz, das 1888 abgerissen wurde, war allerdings viel kleiner. Aber auch Reinhardt empfand es so: „Wenn der Vorhang aufging, schienen diese Großen zuerst überraschend klein. Aber sie wuchsen von Szene zu Szene, füllten schließlich das ganze Haus und kamen mir zum Greifen nahe. Ich atmete mit ihnen, weinte, lachte, liebte, hasste, tötete, starb mit ihnen, und wenn der Vorhang fiel, schlug ich jauchzend in die Hände, glücklich, dass das ganze prächtige, stürmische und erschütternd aufregende Leben nur ein Spiel war. Es war meine zweite Kindheit.“ Wie gut, wenn man auf Aussagen erster Hand zurück greifen kann. Wie gut, wenn die Faszination Theater, die Reinhardt ein ganzes Leben lang nicht verlassen hat, solcherart klar wird. Die Autorin greift auf Reinhardts Aussagen auch immer wieder zurück.

Seinem Leben wird chronologisch nachgegangen, es gibt unendlich viel Material, auf das Sibylle Zehle sich beziehen kann, und zu erzählen ist viel, auch ohne dass man die alte Floskel vom „Magier“ dreht und wendet. Er war ein Besessener des Theaters, aber nie ein Idealist, sondern immer ein Pragmatiker, der auch die richtigen Mitarbeiter hatte, um sich zwischen Berlin, Salzburg und Wien ein Imperium aufzubauen, das erst ein Ende fand, als in Europa kein Platz mehr für Juden war. Er machte ein Theater, das verzaubern sollte und verzauberte, und solcherart ist er – den heutigen Zeitgeist zugrunde gelegt – ein Mann von gestern. Der aber hier sehr lebendig wird.

Dazu kommt für die Wirkung des großformatigen Buches, dass es aus dem Brandstätter Verlag stammt, der für seine „schönen Bücher“ bekannt ist – viele Fotos, viele davon großformatig, auch aussagestarkes dokumentarisches Material, viele wirkungsvoll eingepasste Zitate. Ein Buch, nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Schauen, ein Buch, das in seiner Opulenz dem Mann entspricht, den es darstellt.

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Max Reinhardts Regiebücher waren berühmt, er arbeitete (im Gegensatz zu vielen Regisseuren heute, die unbeleckt zu Proben kommen) jedes Detail einer Aufführung aus, hatte genaue Vorstellungen, wie der Text zu sprechen war, was sich szenisch abspielen sollte – dieser Regisseur überließ nichts dem Zufall, jede seiner Inszenierungen war in seinem Kopf fertig, bevor sie „lebendig“ wurde.

Dass nun zum Salzburger Festspiele-Jubiläum Max Reinhardts Regiebuch des „Jedermann“ herausgegeben wird, ist eine Huldigung an den Regisseur und an das „Juwel der Krone“ der Festspiele – denn nichts, absolut nichts ist so untrennbar mit Salzburg verbunden wie die Aufführung von Hofmannsthals Stück auf dem Domplatz. Das zumindest will absolut jeder (jedermann) gesehen haben…

Man hat das Unternehmen mit aller Sorgfalt ediert, in zwei Bänden, der erste enthält das exakte Faksimile des kleinen braunen Buches, wo Reinhardt mit seiner unverkennbaren eckigen Handschrift auf die jeweils freie Seite neben dem Text seine Anmerkungen eintrug. Niemand könnte das auf die Dauer mit Gewinn lesen. Dazu bietet der erste Band noch Hintergrundinformation, vor allem Grundsätzliches zu Reinhardts Regiebüchern, diesen „vollkommenen Partituren“.

Damit man der Jedermann-Partitur auch auf den Grund gehen kann, gibt es das zweite Buch: Hier sind Stücktext und Reinhardts Anmerkungen (erheblich größer und auf weiß) so dargestellt, dass man alles lesen und nachvollziehen kann. Bedenkt man, wie viele Verformungen die Inszenierung des Stücks in den Jahren nach Reinhardt erfahren hat, ist es hoch interessant hier in Details zu gehen. Völligen Durchblick kann man allerdings nicht gewinnen, da Reinhardt das Stück mehrfach inszeniert hat, Eintragungen also aus verschiedenen Zeiten stammen. Aber das ist sekundär – wen es interessiert, der kann Sprache und Gestik der Darsteller, wie Reinhardt sie imaginierte, verfolgen.

Natürlich erfordert dies ein Spezialinteresse des Lesers – aber vielleicht stellt man sich den Doppelband auch einfach als theaterhistorische Kostbarkeit in die Bibliothek. Die Veröffentlichung ist jedenfalls ein Akt des Respekts an den Mann, dem Salzburg mehr verdankt als jedem anderen – Mozart natürlich ausgenommen.

Renate Wagner

 

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