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ZÜRICH: THE TURN OF THE SCREW – ein heikles Thema subtil umgesetzt. Premiere

03.11.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Zürich: THE TURN OF THE SCREW – Opernhaus, Premiere am 2.11.2014

Ein heikles Thema subtil umgesetzt  

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Foto: Monika Rittershaus

Just zu Halloween oder zu Allerseelen–Allerheiligen wurde Benjamin Brittens „The Turn oft the Screw“ in der sauber gearbeiteten Neu-Produktion von Jan Essinger (Regie) am Opernhaus Zürich präsentiert. Das Leading Team hatte sich entschlossen, das in der Viktorianischen Epoche angesiedelte Werk nach der Novelle von Henry James, dem britischen Amerikaner (!), in die verklemmten 1950er Jahre zu versetzen. Nach dem 2. Weltkrieg war man am Wiederaufbau und der Rekonstruktion interessiert und verdrängte alles, was einem nicht passte, in das Unterbewusste. So handelt Brittens Meisterwerk nicht von einer eigentlichen Horrorstory, sondern legt die beunruhigenden Unterströme frei, ohne sie überdeutlich zu benennen. Das macht gerade das Besondere dieses Werks aus, dass das Unaussprechliche nicht eigentlich ausgesprochen, sondern in der Musik und somit bei den Darstellern zum Ausdruck kommt. Die junge Frau, die ihre erste Stelle als Gouvernante für zwei Kinder in einem abgeschotteten Haus annimmt, ist unerfahren, wurde wohl puritanisch erzogen und hat gelernt, ihre Triebe zu unterdrücken. Die sogenannten Geister-Erscheinungen von Mr. Quint und Miss Jessel verunsichern sie zutiefst. Die Kinder, die sie als unschuldig ansieht, will sie unbedingt und somit auch sich selbst retten. Miles und Flora aber stehen unter dem schlechten Einfluss von Mr. Quint und Miss Jessel, die ihr Handeln aus dem Jenseits bzw. dem Unbewussten bestimmen. Miles gilt als „bad boy“ und wird von der Schule gewiesen, da er dort seine Mitschüler verderben würde. Den wahren Grund erfährt man durch die Geschichte nicht (!). Miles fühlt sich zwar Miles schuldig, kann es sicher aber nicht begreifen, ahnt nur etwas von seiner Tragik. Unausgesprochen liegt hier wohl der Kindesmissbrauch durch Quint vor. Die Gouvernante ahnt etwas, vermag es aber auch nicht zu fassen. Als sie Miles zwingt, den Namen Quints zu beschwören und somit den bösen Einfluss zu brechen, vergeht Quint, aber auch Miles stirbt. Wenn die Gouvernante an Schluss der Oper verzweifelt singt: „We destroyed him together“ weiss man nicht, ob sie und Miles den Quint zerstört oder gar sie und Quint den kleinen Miles zerstört haben…

Diese beunruhigende Geschichte erzählt der Regisseur Jan Essinger in den an Edward Hoppers Gemälden angelehnten Bühnenbildern von Wolfgang Gussmann, die in ihrer „Ungeschütztheit“ mit dem effektvoll gesetzten Licht von Franck Evin ebenso surreale wie reale Atmosphäre ausdrücken können. Die an die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts angelehnten Kostüme von Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza unterstreichen diese Wirkung. Nicht umsonst erinnert die Gouvernante in ihrem Outfit etwas an Kim Novak in Hitchcocks „Vertigo“. Und ist auch dieser Vertigo, dieser Schwindel, diese Drehung der Schraube, die im langsam, aber unaufhaltsam sich drehenden Bühnenbild der Handlung diese unausweichliche, dem Abgrund zusteuernde Wirkung verleiht.

In diesem fabelhaften Umfeld sind alle Darsteller hervorragend von der Regie geführt: Ihre Körpersprache geht bis in die kleinste Drehung des Kopfes, der Schulter. Höchst beeindruckend das Rückwärtsgehen des kleinen Miles, wenn er von Quint aus dem Jenseits gerufen wird. Dieser wurde von James Dillon, wenn auch mit etwas schwacher Stimme, hervorragend verkörpert. Schon das von ihm am Klavier gedoubelte Spielen beherrschte er gekonnt. Als seine Partnerin war Emma Warner eine merkwürdig sich zwischen Kind und junger Frau unsicher bewegende Flora. Hedwig Fassbender war die Haushälterin Mrs. Grose, die nicht begreift und begreifen will – die typische Verdrängerin. Im Prolog Pavol Breslik, der auch im Stück den Quint übernahm, so wie es Benjamin Britten für Peter Pears bestimmt hatte. Pavol Breslik ist ein herausragender Sänger-Darsteller und hat das richtige Britten-Timbre für diese Rolle. Als seine ebenfalls untote Partnerin Miss Jessel war Giselle Allen eine wahre Zombie-Erscheinung, was in diesem Rahmen nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, da die Inszenierung ja eigentlich auf solche Effekte verzichtet. Auch die sechsfache Verdoppelung von Miss Jessel wird bemüht, um die Bedrängnis der Gouvernante bildhaft auszudrücken. Dieser Horror-Effekt wäre eigentlich in dieser subtilen Umsetzung des Stoffes nicht nötig gewesen. Ganz fabelhaft ist Layla Claire als die Gouvernante, hier in ihrem Rollendebut am Opernhaus Zürich. Ihre etwas gläserne Stimme, technisch hervorragend geführt, entspricht dem jungfräulichen Charakter ihrer Darstellung. Sie konnte mit ihrer berührenden Verkörperung den verdienten Sonderapplaus entgegennehmen.

Und erstaunlich ist schon, was in Benjamin Brittens Partitur von nur 13 Musikern an Klangfarben und –Entfaltung aus dem Orchestergraben hervorgezaubert wird. Darin nicht unähnlich Richard Strauss, der ja mit seinem Ariadne-Orchester durch die gekonnte Instrumentierung eine anders geartete Klangwirkung hervorruft. Britten aber zeichnet mit dem Silberpinsel, vermag Stimmungen auch beunruhigend umzusetzen, zeichnet mit dem Orchester die psychischen Befindlichkeiten der Bühnenfiguren als auch deren Wirkungen auf das Publikum nach. Ein faszinierendes Werk.

Der Dirigent Constantin Trinks erfüllte mit den 13 solistisch agierenden Musikerinnen und Musikern der Philharmonia Zürich alle Anforderungen dieser subtilen Partitur auf das Optimale. Er war der Maestro, der die Fäden in der Hand hielt, auch des unfassbaren Mr. Quint…

John H. Mueller               

 

 

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