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Wiener Staatsoper: FIDELIO von Ludwig van Beethoven

04.05.2016 | Allgemein, KRITIKEN, Oper
Adam Plachetka, Robert Dean Smith und Alexandra LoBianco im Schlussbild

Adam Plachetka, Robert Dean Smith und Alexandra LoBianco im Schlussbild

Wiener Staatsoper
“FIDELIO” von Ludwig van Beethoven
3.Mai 2016
232.
Aufführung in der Inszenierung von Otto Schenk

 

Keine Frage, mit dieser Serie und diesem Dirigenten kehrt merklich wieder die Normalkost in unser Repertoirehaus zurück. Und wenn sich in den Foren noch immer die vermeintliche “Fachwelt” um den Grad der Gnade eigener Erkenntnis und um den Besitz der absoluten Wahrheit in Bezug auf Dirigat und Operngesang streitet, hat die Unaufgeregtheit und Abgeklärtheit wieder Platz gegriffen.

Mit Peter Schneider am Pult wird sich keine Forumsgemeinschaft mehr in den Haaren liegen, sein Dirigat scheint so ruhig und ausgeglichen wie man das in den Beschreibungen alter Dirigentenvorbilder liest. So soll man, von hinten gesehen, etwa einem Richard Strauss nicht angemerkt haben, dass er Dirigierbewegungen macht, ein erhobener Blick und ein stärkerer Fingerzeig brachte angeblich den nötigen Fortissimofuror im Orchester zum erklingen.

Das hat sich im Verlauf vieler Jahrzehnte gründlich geändert, ein Wiegen, ein Hüpfen, ein wildes Gestukulieren und ein ans Herz greifen hat sich da, durchaus im Sinne publikumsgerechter Show eingeschlichen und wer das berühmte Konzert mit Danny Kaye und den New Yorker Philharmonikern kennt, wird seiner Idee zustimmen, dass sich der Maestro gleich mit dem Gesicht Richtung Auditorium aufstellen könnte, was der Schauspieler dann zum Gaudium der Zuschauer auch demonstrierte. Je intensiver der Dirigent in seiner Gestik, desto intensiver das Feedback aus dem Orchester: Keine Frage, da gibt es jetzt auch schon Nachweisbares durch wissenschaftliche Untersuchungen!

Zurück zu Peter Schneider, er hält es mit der Stabführung ganz mit Richard Strauss und verwendet natürlich auch die Partitur, was ihm sicher einen Zwischenruf aus dem Haus erspart. Trotzdem, der singspielhafte Ton des ersten Aktes, der dem ersten Teil des Abends zuwenig von der drohenden Katastrophe des ankommenden Governeurs spüren und zu wenig Spannung aufkommen läßt, herrscht auch im zweiten Teil zu stark vor. Erst mit der dritten Leonorenouvertüre vor dem Finale, die vom Haus mit geradezu auffällig starkem Applaus bedacht wurde, kam ein wenig Dramatik in die Wiedergabe.

Ileana Tonco bei ihrem Debüt als Marzelline

Ileana Tonca bei ihrem Debüt als Marzelline

Auffallend gealtert scheint, entgegen anderen Arbeiten von Otto Schenk, gerade diese Inszenierung aus dem Jahr 1970, die einstens so umjubelt wurde! Sind es nur die Persönlichkeiten, die dereinst sowohl am Pult als auch auf der Bühne agierten, damals im Theater an der Wien und später im Staatsoperngebäude? Jetzt ist nur mehr ein Schleier des Musealen über dem Ganzen wahrzunehmen. Was ist alleine aus dem Schlussbild geworden, als die fallende Zugbrücke und die bewegten Massen zur Musik begeistert haben?

Als Leonore debütierte die Amerikanerin mit dem schönen Namen Alexandra LoBianco, mit einer Menge dramatischer Rollen im Gepäck immer wieder auch Richtung Europa unterwegs. Sie musste Anne Schwanewilms ersetzen und tat dies in Spiel und Gesang durchaus gekonnt und mit entsprechender “Gattenliebe”. Eine Stimme jedoch, die nicht unbedingt im Ohr hängen bleiben muss. Ebenfalls Debüt in ihrer Rolle feiernd, sang mit richtigem Singspielton unsere Ileana Tonca die bügelnde und hübsch anzusehende Marzelline, während Joseph Dennis als abgeblitzter Freier Jaquino mit seinem jugendlichem Tenor gefallen konnte. Er kam über die Santa Fe Opera, die Des Moines Metro Opera und die Palm Beach Opera in unser Ensemble, dem er seit September 2015 angehört.

Robert Dean Smith gab seinen schon bewährten Florestan und Lars Woldt einen kantigen Rocco, Bonhomie wie einst, scheint in dieser Rolle des widerlichen Mitläufers nicht mehr gefragt zu sein, Tiefe offensichtlich auch nicht mehr.

Die tiefen Töne waren auch beim nächsten Debütanten als Don Pizarro kaum vorhanden. Wenig Gefährlichkeit vermittelnd machte Egils Silinš nur mit seinen Höhen Furore. Am Ende blieb nur Adam Plachetka als Luxusbesetzung übrig.

Gleichmäßig aber nur kurz ergoss sich zuletzt der Applaus über die Sänger, der Dirigent wurde ein wenig mehr damit bedacht. Ob es nicht ohne Partitur spannender geworden wäre?

 

 

Peter  Skorepa
MerkerOnline
Fotos: Copyright Michael Pöhn / WSO

 

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