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Fotos: © Marco Sommer / Volksoper Wien
WIEN / Volksoper:
SPRING AWAKENING
von Duncan Sheik (Musik) und Steven Sater (Buch und Gesangstexte)
Premiere: 21. Februar 2026
Die „Kindertragödie“ mit Musik
Wer meint, „Musical“ sei eine relativ schwerelose Unterhaltungsform, und wer Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (Untertitel: „Eine Kindertragödie“) kennt, eines der düstersten Stücke der deutschen Dramatik, wird diese beiden Elemente a priori nicht zusammen denken können (ungeachtet dessen, dass es auch – man denke an „Cabaret“ – erfolgreiche Musicals mit schweren Themen gibt. Allerdings nicht viele…).
Aber „Spring Awakening“, von der Volksoper aus der Mottenkiste ungespielter „Musicals“ hervor geholt, zwanzig Jahre alt und nie richtig populär geworden, ist doch etwas anderes. Erstens als „Rock-Musical“ bezeichnet, und zweitens tatsächlich ein Stück mit Musik. Denn die Sprechszenen, die dem Original einigermaßen nachgezeichnet sind, nehmen bei weitem den größten Raum des zweieinviertelstündigen Abends ein. Gott sei Dank, muss man sagen, denn sie sind auch entschieden der effektvollere Teil.
Die Musik von Duncan Sheik ist einfach nur Allerweltsware und erreicht bloß dann bescheiden mitreißende Qualität, wenn die Ensembles der Jugendlichen „rocken“ dürfen und auch ein wenig Choreographie gefragt ist, also jene Art von Musical, die man unter dem Genre versteht. Die „Arien“ und „Duette“ sind vor allem lauwarm und labrig, wobei die Volksoper allerdings eine richtige Entscheidung getroffen hat (die dem Theater an der Wien bei seiner Zarzuela auch gut getan hätte). Tadellose Spielszenen mit Darstellern, die die deutsche Sprache beherrschen, die ihre Songs aber fehlerfrei auf Englisch singen. Was da von sich gegeben wird, muss man nicht verstehen, auf Deutsch wäre die Banalität noch schlimmer.
Nun ist „Frühlings Erwachen“ aber alles andere als ein banales Stück, und es wird hier glücklicherweise nicht wirklich unter seinem Wert verkauft. Natürlich ist die Geschichte, die in dieser Form nur im Deutschen Kaiserreich spielen kann, wo sie 1891 entstand, „historisch“ – denn wer kümmert sich heute noch um die sexuellen Nöte der Fünfzehnjährigen, die Wedekind hier so meisterlich „verstanden“ hat. Jungs, von ihren neu entdeckten Trieben gequält, Mädchen ratlos, je nachdem ängstlich oder neugierig, aber jedenfalls eine von Unsicherheit getriebene Jugend, der man damals weder Verständnis entgegen brachte noch Hilfe bot. Lange her – heute quälen sich die halben Kinder mit ihren Schönheitstipps und Mobbing Plagen in den Sozialen Medien…
Zwang in der Schule, Zwang zuhause, und dazwischen blüht die Liebe von Wendla Bergmann und Melchior Gabor, außerdem geht Moritz Stiefel in den Tod, weil er weder mit den Leistungsansprüchen noch den sexuellen Nöten fertig werden kann.
Und das Musical ist darauf bedacht, auch nach heutigen Ansprüchen alles auf die Bühne zu liefern, was zu dem Thema relevant ist – Onanie, Mißbrauch, körperliche Gewalt (prügelnde Eltern), Beischlaf, homosexuelle Umarmung. Ein ziemlicher Zwiespalt für ein Haus, das ein solches Stück über Jugendliche auch einem jugendlichen Publikum verkaufen und nicht in die Bredouille geraten will (folglich führt man im Stab auch eine Dame als „Intimacy Coordinator“ an… in #me.too-Zeiten kann ja alles explodieren…
Darum auch ist die Inszenierung von Frédéric Buhr nie exzessiv, außer vielleicht in den Gewaltszenen in der Korrektionsanstalt, wohin man Melchior gesteckt hat, nachdem er Wanda geschwängert hat. die an einer erzwungenen Abtreibung stirbt… Im übrigen gibt es saubere Theaterszenen, die das Drama klar formulieren.
Für die weniger häufigen „Musical“-Szenen ist wohl vor allem Choreograph Klevis Elmazaj zuständig. Und das Bühnenbild von Agnes Hasun, die das Orchester in das Zentrum der Drehbühne gesetzt hat (Dirigent: Christian Frank), sorgt reichlich für Gestänge, wo sich die turnfreudigen der Ensemblemitglieder teils effektvoll herumschwingen dürfen.

Paula Nocker, für die sich der Wechsel an das Volkstheater rollenmäßig noch nicht ausgezahlt hat, kehrt nach ihrem Erfolg als Eliza Doolittle zweifellos gern an die Volksoper zurück. Ihre Wendla ist anmutig, neugierig, gefühlvoll, liebenswert und findet in dem Volksopern-Debutanten Paul Aschenwald einen stürmischen Liebhaber. Dennoch ist der problematische Moritz Stiefel stets ein ganz wichtiges Element in der Struktur der Geschichte, und Til Ormeloh (auch er ein Debutant am Haus wie so gut wie alle anderen) spielt sich mit seinem Kummer in die Herzen der Zuschauer. Im übrigen gibt es unter den jungen Leuten nur noch zwei ein wenig größere Rollen, Martha, die von ihren Eltern geschlagen wird (Isabel Saris) und das „Männer-Opfer“ Ilse, von Hannah Severin schillernd gestaltet.

Sehr gut die Idee, alle Erwachsenen von immer denselben Darstellern spielen zu lassen, wobei Martina Dorak (gute Mutter, böse Mutter, Beauftragte am Gymnasium) und Peter Lesiak (böser Vater, gleichgültiger Vater, eifernder Professor, Priester) bemerkenswerte Verwandlungen hinlegen.
„Frühlings Erwachen“ ist auch für seine gruselige Schlußszene am Friedhof bekannt (die genau so kaum je gespielt wird) – wo Moritz, seinen eigenen Kopf unter dem Arm, aus dem Grab steigt, Melchior zu sich hinunter ziehen will und nur die undefinierte Figur des „vermummten Herren“ diesen rettet.
Keine Spur davon im „Musical“. Da tauchen zwar Moritz und dann auch, nicht vorgesehen, die (tote) Wendla auf, und alle anderen Schüler kommen dazu und stimmen eine Art Choral an, der gewissermaßen die Hoffnung auf eine bessere Welt verkünden soll. Sehr effektvoll, sehr applaustreibend, am Ende fühlte man sich angesichts der vielen Pfiffe wie in einem Rock-Konzert. Was ja der Vorgabe dieses Abends entspricht…
Renate Wagner

