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WIEN/ Volksoper im Kasino: POWDER HER FACE von Thomas Adès

Blas-Musik der etwas anderen Art

15.04.2019 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

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Ursula Pfitzner als Herzogin. Foto: Barbara Palffy/Volksoper

WIEN / Volksoper im Kasino 
Powder Her Face von Thomas Adès
2. Aufführung in dieser Inszenierung (Premiere war am 13.4.)
Sonntag, 14. April 2019   Von Manfred A. Schmid


Blas-Musik der etwas anderen Art

Mit seiner Oper The Tempest nach William Shakespeare an der Wiener Staatsoper konnte der englische Komponist Thomas Adès einen Erfolg verbuchen, 2016 folgte dann Exterminating Angel bei den Salzburger Festspielen. Nun zeigt die Volksoper Wien im Kasino am Schwarzenbergplatz erstmals seinen im Alter von 23 Jahren uraufgeführten musikdramatischen Erstling Powder Her Face, der seit seiner Uraufführung 1993, vor allem wohl wegen seines Rufes, die erste Blowjob-Arie der Operngeschichte zu beinhalten, „um die Welt gegangen“ ist, wie der Librettist Philip Hensher in einem Interview augenzwinkernd vermutet.

Erzählt wird – angelehnt an den Lebenslauf einer realen, in der britischen yellow press breit dokumentierten und kommentierten Persönlichkeit – das Leben der allerdings nie mit Namen genannten Ethil Wigham, geschiedene Sweeney, die sich, aus reichem Haus kommend, im englischen Adel emporgeheiratet hatte und als sexbesessene Herzogin von Argyll fragwürdige Berühmtheit erlangte. Ihr exzessiver Lebenswandel, gespickt mit Seitensprüngen und Skandalen, führte schließlich zur Scheidung. Jahrzehntelang lieferte sie mit ihren sexuellen Eskapaden weiter Stoff für die sensationslüsternen Klatschspalten, bis sie schließlich, 1993, völlig verarmt, vereinsamt und verlassen, im Alter von 80 Jahren in einem Londoner Pflegeheim verstarb.

„Über die ließe sich freilich eine interessante Oper schreiben“, erkennt der Komponist Alwa in Alban Bergs Lulu über die Titelfigur. Das haben sich offensichtlich auch der Komponist Adès und sein Textdichter Hensher gedacht, als sie bei der Suche nach einem geeigneten Opernstoff auf die chronique scandaleuse der Duchess of Argyll stießen. Ihre Kammeroper beginnt – nach einem schrägen, eher an Kurt Weill denn an Astor Piazzolla erinnernden Tango – mit einer Szene aus der letzten, materiell und seelisch heruntergewirtschafteten Phase ihres Lebens. Das Hotelpersonal macht sich lustig über die kauzige, lächerlich gewordene ehemalige Society-Lady. Der Lack ist ab, ihr Glamour längst verblasst. Geblieben ist der unbeirrte Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben nach ihren sehr eigenwilligen, höchst unkonventionellen Vorstellungen. In Rückblenden folgen Szenen aus ihrem mehr als bewegten Leben, naturgemäß vor allem Sexszenen mit wechselnden Partnern und Partnerinnen. Spitze Schreie, orgiastisches Röcheln, viel Bodengymnastik – und der ewige Hunger nach Neuem. Das hat – in seiner Repetivität, Rastlosigkeit und Unersättlichkeit – schon etwas Enervierendes, Verzweifeltes an sich. Man ist ziemlich erleichtert, als es endlich in die Pause geht.

Nach der Pause beginnt mit dem Scheidungsprozess, den der Herzog gegen seine Frau führt, ihr tragischer, immer rasanter voranschreitende Abstieg. Trotzig beharrt sie auf ein Festhalten an ihrem bisherigen, luxuriösen und gegen alle gesellschaftlichen Normen verstoßenden, queeren Lebensstil. Bis schließlich all ihr Geld aufgebraucht ist und die Delogierung aus dem Hotel vor der Tür steht. Es dauert, bis sie sich in einem überaus schmerzlichen Prozess – ihrer prekären Lage bewusstwird und die niederschmetternde Wahrheit – „Alle, die je in meinem Leben gut zu mir waren, wurden dafür bezahlt!“ – zur Kenntnis nehmen muss.

Der Regisseur Martin G. Berger nützt die räumlichen Gegebenheiten im Kasino geschickt aus und lässt das Ganze auf einem rechteckigen, hinten offenen Catwalk (Bühnenbild Sarah-Katharina Karl) stattfinden. Dazwischen ist das Kammerorchester platziert. Projektionen mit knospenden, sich im Zeitraffer schamlos öffnenden, roten Blumenkelchen suggerieren, ebenso wie eine mit Trauben gefüllte Badewanne, fordernde Sinnlichkeit. Der Laufsteg dient als Schauplatz hemmungslosen Treibens in stetig wechselnden Konstellationen. Obwohl die Herzogin, intensiv und schonungslos dargestellt von Ursula Pfitzner, alles andere als sympathisch ist und gesellschaftliche Ressentiments von sich gibt – so beklagt sie sich, dass man auf den Straßen keine weißen Gesichter mehr sieht, und gibt auch antisemitische Äußerungen von sich – bekommt man gegen Schluss Mitleid mit ihr und ihrem Schicksal. Als sie sich verzweifelt auf dem Boden wälzt, reißt ihre dreireihige Perlenkette, die letzte Erinnerung an ihren aufwändigen Lebensstil. Die Perlen kullern auf dem Boden, dazu ihr erschütternder Kommentar: „Jetzt gibt es nichts mehr von mir auf der Welt.“  Am Schluss erinnert sie sich an die sie liebevoll pflegende Nanny und ruft – auf der panischen Suche nach Geborgenheit – kläglich nach ihr. Wie Pfitzner diese verzweifelte Frau beim Abschiednehmen von der Welt proträtiert, mit ausdrucksvoll ins Nichts starrenden Augen nahe dem Wahnsinn, geht unter die Haut.

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David Sitka, Bart Driessen, Morgane Heyse und Ursula Pfitzner. Foto: Barbara Palffy

Bart Driessen ist nicht nur der Hotelmanager, sondern auch der Scheidungsrichter, der ansgesichts der Ungeheuerlichkeiten, die er im Prozess erfahren muss, einen Blutsturz im Schritt erleidet und als eine zappelnde Marionette dargestelltt wird, und der Herzog. Eine Partie, die nicht nur darstellerisch fordernd ist, sondern ihm auch hinsichtlich des Stimmumfangs einiges abverlangt. In Vielfach-Rollen ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen können auch Morgane Heyse als Zimmermädchen, Vertraute, Kellnerin, Geliebte des Herzogs und der Herzogin sowie Gafferin und Gesellschaftsjournalistin, und der Tenor David Sitka, der abwechselnd einen Elektriker, Salonlöwen, Kellner, Gaffer und Lieferjungen darzustellen hat, die alle in die Fänge der erotisch nimmersatten Herzogin geraten. Eine Glanznummer der beiden ist ihr Auftritt mit Affenmasken, in dem sie das Geschehen bissig kommentieren. Dazu kommt noch eine Schar von Statisten, die zu dem insgesamt unterhaltsamen und in Spektakel ihren Beitrag leisten. Ein bisschen viel Oberflächlichkeit, der Blick hinter die Fassaden wird zu wenig oft gewagt.

Die Musik von Thomas Adès schöpft aus vielen Quellen. Außer Kurt Weill vernimmt man Anklänge an Pop, Musical, Jazz, die aber meist zu eher fragmentarischen Schnipseln verarbeitet werden. Das alles passt gut zu dem schillernden Geschehen auf der Bühne und dem Nacheinander von Glanz und Elend im Spannungsfeld zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Vorwiegend viel postmoderne Collagetechnik also, doch in den Zwischenspielen gibt es längere Passagen, in denen Adès eine sehr eigene Handschrift in Harmonik und Überlagerung von Stimmlinien erkennen lässt. Die musikalische Realisierung ist Dank der souveränen, distanziert-ironischen und die farbige Partitur trotzdem ernstnehmende Stabführung von Dirigent Wolfram-Maria Märtig sehr gelungen. Das durch erweitertes Schlagwerk, Ziehharmonika, Saxofon und Pfeifen ergänzte, 16-köpfige Kammerorchester der Volksoper, das im Repertoirealltag andere musikalische „Kost“ gewohnt ist, leistet hervorragende Arbeit. Man verspürt, dass diese Abwechslung – nach Manfred Trojahns Limonen aus Sizilien und Marilyn Forever von Garvin Bryar nun schon zum dritten Mal Mal im Spielort Kasino zu erleben – äußerst wohltut. Nicht nur den Musikern, sondern auch dem Publikum. Starker, kurzer Beifall für ein Stück, dass nur für über 16-jährige zugänglich ist.

Manfred A. Schmid

 

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