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WIEN / Volksoper: DIE PIRATEN VON PENZANCE

Very british – indeed?

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Fotos © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

WIEN / Volksoper:
DIE PIRATEN VON PENZANCE
Operette von Arthur Sullivan und W. S. Gilbert
Textadaption- und überschreibung von Jennifer Gisela Weiss
In deutscher und englischer Sprache
Premiere: 27. März 2026

Very british – indeed?

Mentalitäten von Völkern sind nicht leicht „übersetzbar“, und Humor schon gar nicht. Die einen lieben Monty Python, Topsy Turvy und Gilbert & Sullivan, die anderen zucken darob die Achseln. Das mag auch der Grund dafür sein, dass die 14 Werke, die der Komponist Arthur Sullivan und der Librettist W.S. Gilbert gemeinsam schufen und die den Grundstock der „englischen Operette“ bilden, außerhalb des englischen Sprachraums selten gespielt werden. Diese Art von Blödel-Komik macht es einem Publikum, das dergleichen schlicht nicht gewohnt ist (es gibt ja bei uns auch keine Music Halls…), eher schwer, das Gebotene lustig zu finden…

In der Volksoper hat man nun alle Anstrengungen unternommen, „Die Piraten von Penzance“ aus dem Jahr 1879 in einer Mischung aus optischer Nostalgie, Ironie, Nonsense und sehr viel Gewure auf der Bühne Wien-tauglich zu machen.  Man engagierte dafür „Spymonkey“, laut Definition ein „physisches Comedy-Ensemble“ aus Großbritannien, in diesem Fall in Gestalt der Regisseure Toby Park und Aitor Basauri, die in der Ausstattung von Julian Crouch auf der Bühne den denkbar größten Wirbel entfalteten und veranstalteten.

Das ist für das bis in die Fingerspitzen unernste Werk durchaus legitim, findet aber in einer Mischung aus Englisch und Deutsch statt, die einfach zu vage ist, um durchwegs verstanden zu werden. Desgleichen erstaunt, dass die Regisseure, die ja wissen müssen, dass die zackigste Slapstick-Präzision Grundlage einer hoch stilisierten Komik ist, die sich hier entfalten müsste – und es nicht wirklich getan hat. Keine Frage, dass Chor und Tänzer Riesenspaß an der Sache hatten (zumindest vermitteln sie den Eindruck), aber das allgemeine Gehüpfe entgleitet meist in Wirbel. Da hat wohl noch einiges an Proben gefehlt. Da reicht es nicht, mit reichen Zitaten aus den „Piraten der Karibik“ allerlei skurriles, absurdes Getier auf die Bühne zu schicken…

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Die Geschichte ist an sich so simpel, wie sie nur sein kann – Frederic ist als kleiner Junge von seiner Gouvernante irrtümlich zu den „Pirates“ statt zu „Private“ (eine Privatschule) gekommen – in der deutschen Fassung erklärt man dies damit, dass die Dame eine Schweizerin und damit akustisch nicht leicht verständlich ist. Der junge Mann will die „bösen“ Piraten mit seinem 21. Lebensjahr verlassen und künftig bekämpfen, aber sie tricksen ihn mit einem Schmäh aus. Sonst gibt es noch seine Liebste, deren Vater, einen alten Militär, und einen Polizeisergeanten mit Truppe – eine denkbar mikrige Handlung, mit viel Chor und Ballett aufgeputzt. Am Ende soll als Dea ex Machina Queen Victoria erscheinen…

Nun ist man in der Volksoper der Lotte de Beer, und die kann es nicht lassen, ihr Publikum immer zu belehren. Dass sie den Piratenkönig und seinen Leutnant mit Frauen besetzt und auch sonst einiges nach dem gängigen Zeitgeist zurecht gebogen hat, könnte Einwände geben. Um diese selbst zu thematisieren und damit natürlich total auszuhebeln, hat Dramaturgin Jennifer Gisela Weiss eine „Textadaption- und überschreibung“ geliefert, die als „Komikerinnen“ zwei angebliche Nachfahren von Gilbert und Sullivan auf die Bühne bringt, vor allem aber einen „Direktor der Volksoperette“ namens Kitzler, der für ordentliches Theater schwärmt, Cross-Over-Besetzungen ablehnt und Überschreibungen auch… kurz, der Mann, der die Meinung des breiten Publikums, aber nicht der derzeitigen Volksoper vertritt. Darum wird er am Ende auch durch Sonne und Mond gejagt… und Lotte hat es uns wieder einmal hinein gesagt.

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Man besetzt in der Volksoper natürlich gern gegen den Strich. Frederic, das 21jährige Bürschchen, ist hier kein schlanker Jüngling, sondern in Gestalt von Timothy Fallon der rundliche Komiker, der in Nicole Chévalier als Mabel eine kraftvolle Partnerin erhält, die sich auch in Koloraturen versucht. Den Vogel schießt allerdings Johanna Arrouas ab; Mag ihr Schweizerisch auch nicht durchwegs verständlich sein, als hochironische Ziehmutter des Piratenlehrlings weiß sie, wie Operette jeder Nationalität geht. Zwei Damen als Herren – Katia Ledoux konnte aus ihrem Piratenkönig nicht viel herausholen, Katharina Pizzera aus ihrem Leutnant etwas mehr.

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Sie war auch am Vorspiel beteiligt, das als Rahmenhandlung und Kommentar immer wieder ins Geschehen einbricht. Da musste Marcel Mohab als der konventionelle Direktor von Anfang an klar stellen, dass er der Prügelknabe des Geschehens ist. Für die „Nachkommen“ Sullivans und Gilbert waren zwei „originale“ Britinnen aufgeboten, Petra Massey im Knallchargen-Modus und Lucy Hopkins, die auch die Queen spielen durfte und etwas zu penetrant nach Beifall haschte.

Grotesk Jakob Semotan als Generalmajor-Vater – man kennt ihn auf der Volksopernbühne nur als den jungen Mann, der er ist, hier als „Alter“ verkleidet, musste man dreimal hinsehen, ihn zu erkennen. Der Beste unter den Herren war allerdings Stefan Cerny, der als Polizeisergeant mit seiner Truppe im Hintergrund singend und staksend etwas von der Stilisierung mitbrachte, die den Regisseuren entrutscht, der Choreographin Gail Skrela hingegen etwas besser gelungen ist.

Man kann die Musik nicht durchwegs als meisterlich bezeichnen, aber sie hat ihre schwungvollen Nummern. Dirigentin Chloe Rooke ließ zu Beginn mit einer wahrlich geschleppten Ouvertüre Schlimmes befürchten, warf sich aber dann mit dem Orchester doch noch zu einer schwungvollen Leistung auf.

Das Premierenpublikum war fest entschlossen, alles gut, richtig und lustig zu finden und klatschte heftig.

Renate Wagner

 

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