Fotos: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
WIEN / Volksoper:
DER ZAREWITSCH
Operette von Franz Lehár
Spielfassung und Neufassung der Dialoge von Jürgen Bauer
Premiere: 13. April 2026
Bitte, worum geht es da eigentlich?
Grundsätzlich ist es auf dem Theater natürlich erlaubt, Dinge neu zu betrachten und neu zu interpretieren. Die Frage ist nur, was man dem Original „antut“, wenn irgendwelche inszenatorische Willkürakte gesetzt werden, die niemandem einleuchten außer dem „Täter“ selbst.
Lotte de Beer hat schon in eigener Inszenierung aus Mozarts „Zauberflöte“ eine Art ComicStrip gemacht, der dem Werk wahrlich nicht genützt hat (im Gegenteil). Nun erlaubt sie eine ähnliche Zugangsweise ihrem Landsmann Steef de Jong, der eine von der Besetzung und den Schauplätzen her so opulente Operette wie den „Zarewitsch“ von Franz Lehar auf vier Personen und ein paar Zeichnungen auf der Videowand eindampfen darf, eindreiviertel Stunden ohne Pause. Von „Operette“ im hergebrachten Sinn kann nicht mehr die Rede sein, aber dass Lotte de Beer für dieses Genre kein Verständnis hat, haben schon einige schlimme Beispiele (am verheerendsten die „Csardasfürstin“) gezeigt.
Was sieht man also? Nicht eine Sekunde lang die Geschichte, die heutzutage wohl nicht mehr erzählenswert erscheint: Standesdünkel (heute ist das anders, aber einst heiratete man in Fürstenhäusern nur untereinander), Manipulation (man setzt einem störrischen jungen Mann eine schöne Frau vor die Nase, damit er Appetit auf Beischlaf bekommt und später die nötigen Kinder zum Erhalt der Dynastie zeugen wird), große Liebe (soll es geben, auch heutzutage), tragischer Verzicht, Nicht der Rede wert, das „menschelt“ zu sehr? Da muss man sich doch etwas anderes ausdenken?. Und wenn man bei dem, was Steef de Jong dem Volksopern-Publikum vorsetzt, auch wirklich nicht weiß, worum es da gehen soll… Lotte de Beer hat wieder einmal dafür gesorgt, dass Operette in der Volksoper zu Tode geprügelt wird.

Was bekommt man also geboten? Diesmal ist übrigens alles von Steef de Jong (Regie, Bearbeitung, Bühne und Kostüme, plus einer zusätzlichen Spielfassung und Neubearbeitung des Textes von Dramaturg Jürgen Bauer). Eine Bühne, die in den oberen Dreivierteln aus einer Videowand besteht, das Viertel darunter drückt auf die paar Menschlein, die dort in Hosen, Bluse und schäbigem Sakko die vier verbliebenen Rollen verkörpern. Nie als Zarewitsch, Sonja, Iwan und Mascha, sondern als Schauspieler, die Zettel verteilen, wenn sie Textpassagen sprechen. Und die immer gewissermaßen in Brecht’scher Verfremdung etwas vorspielen – und glücklicherweise gelegentlich auch singen. Der Chor ist übrigens links und rechts in vier Logen verteilt, zweimal darf er auf die Bühne, singen, Abgang.

Links an einem Tischchen sitzt Steef de Jong und schiebt seine minder begabten Zeichnungen unter einer Lampe hin und her, so dass sie auf die Videowand geworfen werden. Machmal ist das Papier auch geknickt, da kann man dann Tür auf / Tür zu spielen und dergleichen Niedlichkeiten, die schon für das Kindertheater zu albern wären. Manchmal ist auch ein kleines gezeichnetes Video eingeblendet. Die Volksoper preist dies als „ästhetischen Kosmos aus Operette, Zeichenkunst und Animationsfilm“ an, „der perfekt zu Lehárs Musik passt“ Dazu kann man anderer Meinung sein. Ein Inszenierungs-Ersatz findet da oben jedenfalls nicht statt, und man wird es in Minutenschnelle müde, dieser gezeichneten Einfallslosigkeit zuzusehen.
Bleiben vier Sänger, die keine Menschen, keine Figuren verkörpern, keine Rollen spielen, sondern einfach singen. Dass Alfred Eschwé sie am Pult des Volksopern-Orchesters begleitet, ist der größte Gewinn des Abends, bei ihm schmelzt, schmilzt und schmalzt Lehars prachtvolle Trauerrand-Musik zu ihrer höchstmöglichen Wirkung..

David Kerber und Hedwig Ritter sind zu bedauern, denn sie wurden um zwei Rollen gebracht, die sie zweifellos mit Kostümen, in Dekorationen und mit ein bißchen Regie glaubhaft hätten verkörpern können. So lassen sie ihre großen Stimmen erschallen, er mit leicht dunklem Tenor und den nötigen (Richard Tauber-) Höhen, sie mit glanzvoller Fülle in allen Lagen. Wie gesagt, sie hätten mehr sein können als leblose Figuren in schwarzem Hemd und weißer Hose (mit einer Ausnahme, wenn sie im letzten, im Neapel-Akt, noch zwei andere Rollen übernehmen)..

Ein bißchen mehr Farbe ist (auch kostümlich) für Martin Enenkel und Juliette Khalil vorgesehen, vor allem sie darf sich gelegentlich einen Bart umbinden und einen Großfürsten spielen, weil ja doch ein paar Handlungsdetails erklärt werden müssen. Nicht, dass dies den Abend besser machte. Aber als Buffo-Paar sind diese beiden stark, inklusive den forcierten Tanz-Einlagen.. Auch sie könnten in einer „echten“ Inszenierung reüssieren.
Vor gefühlten hundert Jahren gab es Langspielplatten mit Operetten-Querschnitten. Mehr bietet dieser Abend auch nicht, den man ohnedies nur mit geschlossenen Augen ertragen kann. Ein Teil des Premierenpublikums klatschte brav. Diejenigen, die das Gebotene als unzumutbar empfunden hatten, verließen fluchtartig das Haus.
Renate Wagner

