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WIEN/ Volksoper: DER TEUFEL AUF ERDEN – von Franz von Suppè in die Hölle und ins Frauenkloster geschickt

Premiere in der Wiener Volksoper:

„DER TEUFEL AUF ERDEN“ – von Franz von Suppè in die Hölle und ins Frauenkloster geschickt

grtz
Christian Graf, Robert Meyer. Foto: Barbara Palffy/ Volksoper

Grüß Gott, lieber Satan, großer Herr Oberteufel! Willkommen in der Wiener Volksoper! Hier ist er. Doch …. hoppla, wo sind einige der anderen Höllengeister geblieben? Beelzebub, Luzifer, Samuel, Asrael, Astaroth, Ariel? Operettenmeister Franz von Suppè hatte sie alle uns doch singend vorgeführt. Anno dazumal, 1878, in der guten alten Wiener Operettenzeit, wurde im volkstümlichen Carl-Theater in der Leopoldstadt sein „Der Teufel auf Erden“ uraufgeführt – allerdings ohne ein langes Bühnenleben führen zu dürfen. Denn im Originalibretto rufen in der Hölle die Hilfsteufelchen zur Revolte auf, fordern Pressefreiheit, eine liberale Gesetzgebung, Aufhebung der Leibeigenschaft und so einiges mehr – und solches ist zu den Zeiten des guten Kaiser Franz Josef ganz sicher nicht erwünscht gewesen.

Also, wie es damals auch wirklich auf der Bühne zugegangen ist wissen wir ja nicht. Doch so ein alter Teufel, wie auch immer, lockt mit einer gewissen Neugierde zu einer neuen Begegnung. Her mit eine zeitgemäßen Textfassung! Die Wiener Volksoper und das Theater von Chemnitz haben sich zusammengefunden, und nun ist diese Produktion in der Inszenierung wie Ausstattung von Hinrich Horstkotte auch in Wien zu sehen. Gleich gesagt: Die textliche Neufassung von Alexander Kuchinka zielt nicht auf all die unzähligen Teufeleien von heute – na ja, in einem Couplet ist wohl von den wackern Schwindlern Kurz & Blümel zu hören. Doch vor einer geistig brisanten Abrechnung politischer Unmoral und Falschheiten machen das neue Libretto und Regisseur Horstkotte einen großen Umweg. Horstkotte liebt ein üppiges Design in kräftigen Farben, große Sprüche, ein ständiges Auf und Ab, ein stimmiges synchrones  Bewegungsspiel. Das erfordert von den Akteuren frische Lebendigkeit, dralle Situationskomik und spielerische Souveränität, führt jedoch zu keinen subtileren Charakterzeichnungen und -entwicklungen.

Im Höllenrachen beginnt´s. Das Volk drängt sich um rein zu kommen, denn hier scheint es sich ganz gut leben zu lassen. Doch hallo, wer ist nicht da? Der Höchste aller Teufel. Satan zieht es vor, oben auf der Erde seine Spuren zu hinterlassen. Robert Meyer als der hinkende Höllenknecht wird deshalb hinauf geschickt, um den Chef zurück zu finden und zurück zu holen. Er trifft in einem zartbesaitetem ‚Engel außer Dienst‘ (Christian Graf) einen helfenden Freund. Die Stationen auf der Suche sind ein Nonnenkloster (noch am nettesten), eine Kaserne (eine schreiende und so gar nicht feine Soldateska) und die Tanzschule Höllmayer (körperlich o.k., textlich bisserl müd). Hier wird für den Wiener Opernball geprobt – auf dem es schließlich für alle in teuflischer Kostümierung endet. Na ja, Satan meldet sich dann noch infernalisch attraktiv aus dem Orchestergraben.

Der an und für sich originelle Verwandlunsgtricks: Die Sänger, Operettenmanderl und -weiberl, ändern für jeden Akt ihre Identität.  

Ist lustig – ohne jedoch dass die Gags so überzeugend wären und die Dialoge auch nach Spannung suchen würden. Schauspielerisch weitaus am stärksten zu profilieren vermag sich Marco Di Sapia als Satan alias g´strenge Klosteroberin Aglaja oder diktatorisch donnernder Oberst Donnersbach. Dem etwas ruppigen Höllenknecht Robert Meyer hätte man ruhig mehr spitze Sarkasmen zuteilen können. Johanna Arrouas oder Michael Havlicek beherrschen gut gestylt ihre Rollen. Gesanglich insgesamt? Man kommt durch.

Nun, am wichtigsten ist eigentlich ja die Musik? Franz von Suppè, Komponist (wie auch Dirigent) vieler komödiantischer Bühnenwerke und Schöpfer der allerersten Wiener Operette in frecher Offenbach-Manier (der Einakter „Das Pensionat“, 1860 im Theater an der Wien) hat den Schmeichelton seiner Zeit schon sehr, sehr gut beherrscht. „Boccaccio“, Die schöne Galathee“, „Banditenstreiche“, das sind echte Meisterwerke – welche dem heutigen Publikum (auch dem der Volksoper) bereits eher entschwunden sind. Die so populäre „Leichte Kavallerie“–Ouverture hat sich hier als zündende Zwischenaktmusik eingestellt. Die vielen beschwingten Melodien werden von Dirigent Alfred Eschwé flott wie bedachtsam an die Akteure weiter geleitet. Vielleicht aber: das Orchester ist sehr groß besetzt und die revidierte musikalisch Fassung von Jakob Brenner ist stärker auf deutschen Schmiss als auf Suppèsches Wohlgefühl ausgerichtet. 

Am Premierenende im Pandemie-bedingt nur zur Hälfte gefüllten Haus (mit freundlichem Personal) wurde dem Ensemble schließlich lang anhaltender Beifall gezollt. Das Stammpublikum scheint froh gewesen zu sein, als Eröffnungsgeschenk nicht allzu viel wirklich Höllisches vorgesetzt bekommen zu haben. Somit: Alles ist willkommen. Das Publikum wieder im Opernhaus, willkommen das Team der Volksoper, willkommen dieses harmlose Teufelszeug!

Meinhard Rüdenauer

 

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