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WIEN / Volksoper: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Die zweite Besetzung

13.03.2019 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Volksoper

WIEN / Volksoper:
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER von Richard Wagner
Zweite Vorstellung der Neuproduktion am 12. März 2019

Die Wogen gingen hoch, zumindest auf Kritiker-Seite. Wenn man die „Holländer“-Premiere der Volksoper versäumt hatte, glaubte man, über eine wahre Erregung nachzulesen. Wenn man dann in die zweite Vorstellung geht, merkt man, dass außer Spesen kaum etwas gewesen ist. Was die „Berechtigung“ des Hauses betrifft, großen Wagner zu spielen – nun, das Programmheft versucht heftig, diese zu beweisen. Immerhin hätte die Wiener Erstaufführung 1908 hier stattgefunden. Nicht ganz – das damalige Kaiser-Jubiläums-Stadttheater war ein ganz anders konzipiertes Haus. Und nach dem Zweiten Weltkrieg konnte man Wagner hier mit der Lupe suchen. Immerhin, Opernfans erinnern sich an die „Mielitz-Meistersinger“ von 1998, als sich plötzlich das Orchester hob (und keiner wusste, warum) – und Johan Botha langhaarig als Stolzing auf die Bühne stürmte. Das war schon was.

Ähnliches wird man von der nunmehrigen Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ kaum in Erinnerung behalten. Diese typische Stadttheater-Aufführung (und das ist nicht allzu positiv gemeint) sucht Anschluß an „modernes“ Regietheater, verwechselt aber – wie es allzu oft geschieht – ein Bühnenbild (Frank Philipp Schlößmann) mit einem Konzept. Keine Schiffe, sondern auf vielen Bildern aufgemaltes Meer. Ein mit Kisten verstellter erster Akt, wobei man den Chor hinter den Kisten verstecken kann und zu keinerlei Aktion gezwungen ist. Ja, und dass es ums Handeln geht und Daland ein ziemlich geldbewußter Kapitalist ist – na, das haben uns schon alle Regisseure als „aktuellen“ Aspekt erzählt. Also sitzt er am Schreibtisch, statt als Kapitän sein Schiff zu lenken. Im zweiten Akt haben die Mädels Chorprobe, im dritten Akt begibt sich auch nicht viel. Zu Beginn ist der Holländer rücklings zum Publikum in magische Ferne geschritten, am Ende tut das Senta, da sie sich ja in kein Meer stürzen kann, das nur gemalt ist… Übrigens trägt sie einen nicht sehr kleidsamen Faltenrock, wie er vor 50 Jahren üblich war (Kostüme: Franziska Jacobsen), ja, die Handlung ist ja so aktuell (ach ja?), und mehr kann man über die Inszenierung von Aron Stiehl (der 2017 schon am Haus ähnlich unspezifisch „La Wally“ gemacht hat) nicht erzählen, denn Konzept ist keines erkennbar.

Hörbar ist, dass ein Orchester, das vermutlich (außer höchstens die ältesten Mitglieder) noch nie Wagner gespielt hat, nicht auf Anhieb zu Qualität hochzupeitschen ist, Dirigent Marc Piollet hat es jedenfalls nicht geschafft, da wackelt schon die Ouvertüre, und es wackelt weiter. Der Chor (Einstudierung Holger Kristen) schreit so unschuldig drauf los, dass es gelegentlich fast parodistisch klingt – woher sollten sie es auch auf Anhieb können? (Was jetzt keinerlei Aufforderung darstellt, an der Volksoper öfter Wagner zu spielen, um Gottes Willen!)

Und dann bot die zweite Vorstellung mit zwei Ausnahmen die zweite Besetzung. Nur Holländer Markus Marquardt war derselbe, ein ordentlich singender, farbloser Herr im langen Mantel, und Martina Mikelić „dirigierte“ als „Amme“ Mary den Chor, jede Bewegung überreizend und quasi ins Publikum schielend: Seht mal her, wie komisch ich bin…

Der Daland der ersten Besetzung bekam viel Lob, der Interpret der zweiten wohl kaum: Andreas Mitschke hat eine trockene, angestrengte Stimme zu bieten. Szabolcs Brickner ist ein Steuermann, der kaum auffällt. Was man – im besseren Sinn – von Vincent Schirrmacher nicht sagen kann. Von Wagner-Stil hat er nicht viel Ahnung, aber eine Stimme, mit der er die Rolle (in der man schon Vogt kieksen hörte) erstaunlich kraftvoll durchsang.

Kristiane Kaiser warf sich der Senta in die Arme, und da man weiß, wie schwer diese Partie ist, sagt man ihr gern, dass sie diese ehrenvoll bewältigt hat. Was man vom Rest des Abends (um Wagner gekämpft, aber nicht gesiegt) nicht wirklich behaupten möchte.

Renate Wagner

 

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