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WIEN / Theater an der Wien: LA STRANIERA (Premiere 1)

15.01.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Straniera_Gruberova

WIEN / Theater an der Wien: 
LA STRANIERA von Vincenzo Bellini
Premiere 1 am 14. Jänner 2015 

Es gibt dumme Libretti, sehr dumme, und manche kommen einem gar unvorstellbar dumm vor. „La Straniera“ von Vincenzo Bellini zählt mit einiger Sicherheit dazu. Warum spielt man ein solches Werk dennoch? Nun, dafür gibt es natürlich einige Gründe, die teilweise auch gut sind.

Erstens ist Oper ein Genre an sich, dem mit Logik und Rationalität wirklich nicht beizukommen ist. Zweitens mag ein Komponist wie Bellini auch zur dümmsten Geschichte, die ihm offenbar spannend erschien, großartige Musik geschrieben haben – wenn sie auch nicht so vordergründig effektvoll ist wie etwa „Norma“ oder auch Teile der „Capuleti“ und solcherart keinesfalls die Bühnen der Welt erobert hat. So etwas fungiert nicht unter dem Motto „Repertoire“, sondern als „Rarität“, wenn es wiederum einen guten Grund dafür gibt.

Und der heißt drittens: eine Diva. Nun ist die geheimnisvolle Alaide, die „Fremde“ in einer nicht näher bezeichneten Gesellschaft mit italienischen Namen, wo am Ende ein nicht auftauchender französischer König angeblich der Schlüssel zum Rätsel ist (er ist es eigentlich nicht…), eine Traumrolle für eine Koloratursopranistin höchst virtuosen Zuschnitts, Bellini eben, italienische Romantik. Sie tritt zwar erst nach einer halben Stunde auf, die sich ein wenig zieht, tut das aber dann die längste Zeit mit Pianissimo-Höhen aus dem Off – enorm effektvoll. Sie hat vor der Pause, einen blutigen Degen in der Hand, eine leidenschaftliche Szene, und schließlich gehören die finalen zehn Minuten ihr, wo sie nach allen stimmlichen Kunststücken mit einem gewaltigen Schrei in höchster Höhe (die absoluten Gehöre mögen uns sagen, um welchen Ton der Tonleiter es sich handelt) über dem selbst gemordeten Geliebten zusammen bricht…

Es schreit nach Edita Gruberova (bzw. der Edita Gruberova von einst), die ja im Interview offen sagt, dass sie bei ihren Rollen großen Wert auf die Schlussszenen legt (man gibt schließlich den finalen Applaus nicht ab, teilt ihn am liebsten nicht einmal). Und es gibt auch heute noch Häuser, die ihre Wünsche erfüllen, natürlich ihre neue Heimat Zürich (aber tatsächlich ist wie erinnerlich sogar Holender, bevor er sich endgültig mir ihr zerstritt, vor der Gruberova in die Knie gegangen und holte einst die „Linda di Chamonix“ aus Zürich an die Staatsoper). Und heute ist es das Theater an der Wien, das sich als Co-Produzent zur Verfügung stellt, wohin ein solches Werk in seiner Raritäten-Schiene sehr gut passt.

Man holte also die Inszenierung von Christof Loy, in der er sich zurückgehalten hat wie selten – und zu Recht. Was soll man an dem Unsinn der geheimnisvollen Fremden, vom Tenor geliebt, der den Bariton für den Rivalen hält, obwohl er ihr Bruder ist, schon inszenieren? Dass der Bariton vom Tenor „ermordet“ wird, man die Fremde anklagt, ihr den Prozess macht, dann kommt der Tenor, gesteht die Tat, dann aber – das muss man sich ohne Lachanfall geben – kommt der Tote aus dem See hervor, ist also offenbar nicht tot, flüstert dem Ankläger, dass seine Schwester eigentlich die Königin von Frankreich ist, die wartet, heimgeholt zu werden, worauf dann der Tenor von seiner eigenen Hochzeit mit Sopran Nr. 2 des Abends davonläuft, sich vor seiner Straniera ersticht und ihr die Gelegenheit zur großen Schlussszene gibt, die dann schon ein bisserl von Wahnsinn an sich hat. Was soll man da inszenieren?

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Fotos: Theater an der Wien / Monika Rittershaus

Christof Loy hat eigentlich die Aufgabe erfüllt, das Ganze so wenig lächerlich wie möglich zu machen – nicht wirklich zu verfremden, aber andeutungsweise doch, sich nie auf irgendwelche realistische Aspekte zu setzen, sondern einen eigenen Kosmos sinnlos herumschwebender Figuren zu schaffen: Opernwelt, eine Welt für sich. Die auf der Bühne von Annette Kurz in einer Art Palastraum spielt, wo man im Hintergrund einen See (als Gemälde) hinhängen und gelegentlich (von den Protagonisten selbst herbeigedreht!) ein paar zart bemalte Zwischenvorhänge fallen lässt. Es ist egal, es bedeutet nichts, auch die Stricke nicht, die gelegentlich herabhängen, es ist einfach ein ästhetischer, bedeutungsfreier Rahmen für zweidreiviertel Opernstunden, in denen der Arnold Schoenberg Chor hören lässt, dass ihm Bellini Prachtvolles zu singen gegeben hat.

Dabei leitet Paolo Arrivabeni das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das nicht nur die Gesangslinien begleiten, sondern auch viele, viele mit Solo-Stückchen geschmückte Passagen bewältigen muss, sehr ordentlich. Und die Herrenbesetzung ist wirklich sehr gut.

Dario Schmunck mag keinerlei Heldenstatur aufweisen, aber einen für das Bellini & Co.-Fach hervorragenden, heldischen und in der Höhe wirklich leuchtenden Tenor. Franco Vasallo klingt im Theater an der Wien weit besser und resonanzreicher als in der Staatsoper und sorgte für einige Höhepunkte des Abends. Aufhorchen ließ noch Stefan Cerny mit auffallend schönem Baß im zweiten Teil des Abends, und Vladimir Dmitruk vom Jungen Ensemble des Hauses gab mit scharfem Tenor und scharfem Umriß einen Intriganten, der eine größere Rolle verdient hätte. Eher wenig blieb für Martin Snell als Brautvater zu tun.

Dieser Braut des Tenorhelden, Isoletta, gehört der Beginn der Oper und vor dem Ende noch eine große Szene: Wenn Theresa Kronthaler so zierlich und anmutig gesungen hätte, wie sie aussah, wäre der Figur mehr gedient gewesen als mit ihrer eher harten, scharfen Stimme.

la_straniera_taw_122 Gruberova mit Krone~1  la_straniera_taw_Gruberova mit Strick x~1

Es war der Abend für Edita Gruberova, der Primadonna Coloratura Assoluta der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die hier in den Kostümen von Ursula Renzenbrink (obwohl es scheint, dass sie ein paar Kilo zugelegt hat) sehr elegante Figur macht. Einmal erscheint sie auch als „Frau Königin“ mit Krone – nicht logisch, aber Forderungen dieser Art haben wir ja schon beiseite gelassen. Mehr als Händeringen ist in ihrer Rolle auch nicht drinnen. Es geht um den Gesang.

Seit Jahren schreibt man aus Respekt darum herum, dass auch die beste Technik die Natur nicht austricksen kann, dass auch die größte Entschlossenheit, sich vom Alter nicht unterkriegen zu lassen, keine Wunder vollbringt. Die Stimme der Gruberova, einst tatsächlich ein „Wunder“, erfüllt heute die Anforderungen des „bel canto“, des schönen Gesangs, nicht mehr: Es ist großteils nicht schön, was man hört, Gesangslinien zerreißen, die Stimme gleitet ab, die dramatischen Höhen werden quälend schrill, die ganze Virtuosität ändert nichts daran, dass man einem Seiltanzkunststück zuhört (!), wo zwar das Ziel erreicht wird, man aber zwischendurch des öfteren den Atem angehalten hat – und das nicht immer aus Faszination.

Aber solange ein großer Teil des Publikums frenetisch jubelt, entweder mit nostalgisch verklebten Ohren (dass man hört, was man früher gehört hat oder was  man hören will) oder mit faszinierter Bewunderung für eine Persönlichkeit, die nicht aufgibt – so lange wird Edita Gruberova wohl weitermachen. Und die anderen werden mit der Goethe’schen Bitte „Rettet euer Bild in meiner Seele“ ungehört bleiben.

Renate Wagner

 

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