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WIEN/Staatsoper Richard Wagner LOHENGRIN

Lautstarke Bauernhochzeit mit Hindernissen

09.11.2018 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Der sehnsüchtig erwartete Louis Trenker Typ als Lohengrin: Andreas SCHAGER mit Elza van der Heever   Foto: M.Pöhn

WIEN/Staatsoper

Richard Wagner „LOHENGRIN“

Von Valentino Hribernig-Körber
7.November 2018

Lautstarke Bauernhochzeit mit Hindernissen

Zum vierten (und vorerst letzten) Mal fand sich die Solisten-Schar aus Rollen-Debutanten und altvertrauten Kräften um den viel beachteten Andreas Schager in der Titelrolle zur deftigen und konfliktreichen Bauernhochzeit im rustikalen Hinterzimmer eines Dorfwirtshauses nach der Vorstellung von Wolfgang Gussmann ein, brachte das ländliche Drama a la Schönherr, das sich Andreas Homoki ausgedacht hat, zur Aufführung und sang dazu den Text und die Musik der romantischen Oper Lohengrin von Richard Wagner, worauf das Publikum, so es sich nicht ohnehin am Display orientiert hat, zu Beginn und am Ende durch einen Plastikschwan in Spielzeugformat hingewiesen wird. Der Niederösterreicher, der derzeit eine steile internationale Karriere absolviert, ließ erwartungsgemäß sein imposantes Material (mit gelegentlich großzügiger Intonation) hören, sodass alle auf ihre Rechnung kamen, die sich einfach einmal an einer großen Stimme, wie sie selten geworden sind, erfreuen und nicht (wie vielleicht beim einen oder anderen Kollegen Schagers) mitfiebern wollen, ob er „durchhält“ – und die dafür aber auch bereit sind, auf feine Zwischentöne zu verzichten. Denn Schagers Lohengrin ist ein Naturbursch, dem die Trachten-Staffage durchaus gut steht, den aber eigentlich kein Geheimnis umgibt. Ein wenig wird man bei allem Volumen und aller Höhensicherheit auch ihm zur vokalen Ökonomie raten müssen, denn auch ihm war es anzuhören, dass  die Gralserzählung nicht mehr viel länger hätte dauern dürfen.

Um Einiges differenzierter legte Elza van den Heever ihre Elsa an, die bis zuletzt und auch in der Stunde der Rechtfertigung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft eine verunsicherte, zerbrechliche und warmherzige Frau darstellte. Gesanglich gelingen ihr sehr berührende zarte Passagen, so sie nicht ins Flackern gerät, was vor allem zu Beginn der Fall war; die Stärken ihrer Stimme (vor allem in der Mittellage und Höhe), die mit Wohl und Weh im Timbre ein wenig an die junge Silja erinnert, vermag sie vor allem im 2. Akt auszuspielen.

Auf der dunklen Seite der Macht waren Petra Lang als Ortrud und Evgeny Nikitin als Telramund zu erleben und erhärteten wiederum ein Stück weit die Meinung des Rezensenten, dass diese beiden Partien kaum adäquat zu besetzen sind. Nikitin wirkt blass, als Gestalt zu unauffällig, von der Stimme her zu hell, als dass man sich vorstellen könnte, dass von ihm eine echte negative Kraft ausgehen kann. Zudem kaschiert er seine Höhenprobleme nur teilweise, indem er an exponierten Stellen in expressiven Sprechgesang ausweicht. Frau Lang tut sich und dem Publikum mit der Ortrud keinen Gefallen, die Stimme spricht in der Tiefe und Mittellage nicht an und lässt sich dann auch noch meistens nur mit Mühe in die Höhe schieben, wo sie scharf und unsauber klingt. Dieser Eindruck wird auch durch die rückhaltlos forcierten „Entweihten Götter“ und einen ebensolchen finalen Auftritt nicht wettgemacht, im Gegenteil. Darstellerisch agiert sie plump und am Rande zur unfreiwilligen Komik.    

 Als König Heinrich berührt Kwangchoul Youn durch menschliche Anteilnahme mit warmer, leider streckenweise von sehr starkem Vibrato verunklarter Stimme, der man anhört, dass es nicht der erste Reichstag ist, den er abhält. Explizit heraus zu heben ist die auffallende Wortdeutlichkeit des Koreaners, der für die Wirkung, die ihm das Kostüm mit Gamsbart und Trachtenjoppe antut, freilich nicht verantwortlich gemacht werden kann. Nach Adrian Eröd fungierte nun mit  Clemens Unterreiner als Dorfschreiber ein weiteres Mitglied des Ensembles mit für die „eigentliche“ Rolle des Heerrufers eher hellem, wenig heldischem, aber ansonsten einwandfrei geführtem Bariton. Inmitten rauher Recken wäre diese Besetzungsstrategie vielleicht kritischer zu sehen, aber von solchen ist in der gegenwärtigen Produktion ja nichts zu sehen.

Roman Lauder, Martin Müller, Hiro Ilichi und Herrmann Thyringer (brabantische Edle) sowie Irene Hofmann, Irena Krsteska, Anna Lach und Victoria McConnell (Edelknaben) stellen einmal mehr die gute Qualität des Ensembles des Hauses unter Beweis, ebenso wie der Chor unter Thomas Lang, der quasi im Dauereinsatz befindlich seinen kraftvollen Beitrag zum üppigen Klangerlebnis bringt, zu welchem das Orchester unter Simone Young vom Graben aus das Fundament legt. Die Australierin wird ihrem Ruf, eher für einen kraftvollen Zugriff zu stehen, über weite Strecken gerecht, wozu einige der Solisten auch beste Voraussetzungen mitbringen, um mithalten zu können, andere garnicht – was aber nicht ausschließt, dass sie etwa zu Beginn der Szene im Brautgemach, aber auch schon im Vorspiel dem Orchester ganz zarte, ätherische Farben entlockt – was am Beginn des Abends leider nicht in vollem Ausmaß genossen werden konnte, da noch eine Weile im Bereich Galerie Mitte und Halbmitte, anscheinend unterstützt von den Billeteuren, eifrig die „Reise nach Jerusalem“ gespielt wurde.

Valentino Hribernig-Körber

 

 

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