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WIEN/ Staatsoper: PIQUE DAME

25.01.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper:  „PIQUE DAME“ am 24.1.2013

„…die Gräfin war das Ereignis des Abends, um sie zu hören versammelten sich Kenner… !“ – Nein, wir sind nicht im Ariadne-Vorspiel, sondern hingegeben sind wir stumm, wenn Grace Bumbry als alte Gräfin, die ihr einstiges Kartengeheimnis hütet, traumverloren im mezzavoce ihr französisches Chanson zu Gehör gibt. Da ist Magie im Spiel, diese Zauberin der Bühnenkunst und Verwandlung am Werk zu sehen und zu hören, ist noch einmal singuläres Erlebnis. In Erscheinung voller Majestá besingt sie raunend mit unnachahmlicher sprachlicher Delikatesse und Aussprache und scheinbar ungebrochen in Timbre und Stimmschönheit, einen Abschied auf die guten alten Zeiten des „ancien régime“ und läßt den Hörer in der Aufzählung der Versatzstücke historischer Personen diese unmittelbar erstehen. Die Raumverdrängung der Bumbry in dieser Szene ist so umwerfend, daß selbst die schwer Verkühlten im Auditorium vergaßen zu husten und den Atem anhielten.

 Die Inszenierung von Vera Nemirova mit ihrem DDR-Chic bzw. strengem Realen Realismus wenn es gilt – falsch verstandenes – hochpolitisches Musiktheater zu machen, war in diesen Momenten ganz nebensächlich, wenn Grace Bumbry, diese Ikone der Opernwelt von damals ihre Phrasen spann. Sie verwehrte sich auch die stets so geschmacklose Notzucht-Szene von Herrmann oben auf dem Klavier in ihrer ursprünglichen Gestalt durch zuspielen und milderte ihren plötzlichen Bühnen-Tod auf einem etwas weiter entferntem kleinen Bänkchen.

 Neil Shicoff, als Hermann, obwohl noch etwas indisponiert am Beginn entschuldigt, schien hörbar nicht viel anders in Form als sonst und hatte nur die 1. Vorstellung der Serie ganz abgesagt. Er spielt wieder einmal den „Neurosen-Kavalier“ und lebt ihn wiederum voll im Körper und der hysterisierenden Spielastik aus. Doch sind diese „seine“ Rollen noch immer vertretbar, wenn es geht um „Hoffmann“, Captain Vere in „Billy Budd“ oder seine Leib-Partie der Eleazar in „La Juive“. Zum Glück hat er hoffentlich auch für noch kommende Abende in Zukunft in seinem Tenor-Fach die reinen Liebhaber- und oder gar Belcanto-Rollen (wie Gounods „Romeo“) beiseite gelegt. Sein „singing in the pain“, als Ausdruck von übergroßem Schmerz der Seele ist eben nicht jedermanns Sache, meine sicherlich nicht – halten schon zu Gnaden…

 Die Armenierin Hasmik Papian hat ganz an ihrem Anfang in Wien noch bei Klaus (nun Nikolaus) Bachler, als damals neuer Volksopern-Direktor, die Partie der Norma gesungen, was trotz der befremdlichen Lehnhoff-Inszenierung – alles spielte indoor in einem Musik-Salon des 19. Jh. mit vielen Stühlen und einem befeuerten Kamin – für sie einen schönen persönlichen Erfolg ergab, als sie noch am Beginn ihrer Karriere stand. Die Stimme mit dem apartem Timbre scheint ungebrochen, doch in der Darstellungskraft ist sie nun merkwürdig phlegmatisch und bleibt blaß. Ihre große Szene, ehe sie in die Newa geht, (eine der wenig bemerkenswerten Bilder mit den schwarzen Regenschirmen als bewegendes Wellenmeer) verpufft in der sonst durchaus effektvollen phantasievollen-Bühnen-Wirkung. Man durfte dabei gar nicht an Martina Serafin als Lisa denken, die nicht nur mehr stimmlich und ausdrucksmäßig, sondern auch darstellerisch in der Partie aus dem Vollem schöpfte.

 Von den Nebenfiguren positiv aufgefallen sind u.a. der kraftvolle Tomski von Tómas Tómasson, der Jeletzki des Eijiro Kai und der scharf charakterisierende Tschekalinski von Herwig Pecoraro. Die lyrische Szene des Ensembles der Mädchen veredelte Nadia Krasteva als Polina.

 Einen besonderen Gewinn am Pult speziell für das Aufrauschen von Dramatik und Dämonie und besonderer Betonung der slawischen Gefühlswelt der Tschaikowski-Oper brachte der slowenische Dirigent Marko Letonja ein.

Norbert A. Weinberger

 

 

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