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WIEN / Staatsoper: NIJINSKY

Genie und Wahnsinn

ballett vaslav nijinsky in xxs, 1909~1

WIEN / Staatsoper:
NIJINSKY
Ballett von John Neumeier
Premiere: 20. Oktober .2026 

Genie und Wahnsinn

Wer sich nur ein bißchen aus Ballett macht, dem ist der Name Vaslaw Nijinsky (1889 – 1950) ein Begriff, legendärer Tänzer und Choreograph, größter Star der von Serge Diaghilew gegründeten Ballets Russes. Wenn einem jungen Mann, aus dem einmal John Neumeier wird, ein Buch über Nijinsky in die Hände fällt, wird diese lebenslange Faszination auch ein künstlerisches Ergebnis bringen.

Im Jahr 2000, zum 50. Todestag von Nijinsky, hat Neumeier – ein Meister biographischer Handlungsballette – für sein Hamburg Ballett seine Version dieses Künstlerlebens zwischen Glanz und Untergang auf die Bühne gebracht. Nun bescherte er damit dem Wiener Ensemble und dem Wiener Publikum einen großen Abend.

Künstlerisch trat Nijinsky, der virtuose Ausnahmekünstler (hier stimmt diese inflationär gebrauchte Bezeichnung einmal),  mit Figuren wie dem „Faun“, dem „Goldenen Sklaven“ oder dem „Harlequin“ hervor und schrieb sich (obwohl es keine Filmaufzeichnungen von ihm gibt) in das Goldene Buch der Ballettgeschichte. Und das alles im Lauf einer Karriere, die weniger als ein Jahrzehnt währte.

Die Rollen kommen in Neumeiers „Nijinsky“-Ballett als Prunkbeispiele vor, oft als raffinierte Spiegelung des originalen Nijinsky, aber tatsächlich interessiert sich dieser Abend mehr noch als für den Künstler für den Menschen mit seinem unendlich tragischen Schicksal.

Darum beginnt der Abend auch mit dem Ende, mit jenem 19. Januar 1919, als Nijinsky in der Halle eines Luxushotels in St. Moritz (wohin er nach dem Krieg mit seiner Frau gezogen war) letztmals tanzte. Ein idealer Rahmen, in den Neumeier Szenen aus dem Leben des Tänzers einfließen lassen kann – flüchtig die Familie, entscheidend die Konfrontationen mit Serge Diaghilew, dem Mann, der ihn als Mentor „gemacht“ hatte, und mit Romola, der Frau seines Lebens.

Gerade in diesen Szenen zeigt sich die absolute Meisterschaft Neumeiers, Psychologie durch die Körper auszudrücken, Beziehungsgeschichten (ob homo-, ob heterosexuell) in einer atemberaubenden Deutlichkeit zu erzählen: Diaghilew, der Nijinsky um jeden Preis, auch mit Gewalt, halten will, ihn aber dann, als er merkt, dass es nicht mehr geht, brutal fallen lässt (zu Gunsten von Leonid Massine).

Und ungeheuer fesselnd die Beziehung, die Neumeier zwischen Vazlaw und Romola aufbaut, vom der gegenseitigen Anbahnung auf dem Schiff (mit dem „Faun“ als dritter Person, denn Romola wollte den Künstler und den Mann) – bis zur gemeinsamen Verzweiflung, als sie sich mit seiner Geisteskrankheit konfrontiert sieht.

Denn schon nach dem „Großen Krieg“, der ihn möglicherweise wahnsinnig gemacht hat, brach bei Nijinsky 1919 die Schizophrenie aus. Die letzten dreißig Jahre seines Lebens verbrachte er in psychiatrischen Anstalten (darunter auch mehrfach in Wien in Steinhof).

Beschwört Neumeier im ersten Teil des Abends noch den Glanz der Balletts Russes-Abende (etwa mit „Scheherazade“, denn damals war Exotismus noch nicht verpönt wie in der heutigen vernagelten woken Welt), so dringt im zweiten Teil so gut wie kein Licht durch die Finsternis von Krieg (zu harter Schostakowitsch-Musik), wo der „Petrucchio“ verzweifelt durch tote Soldaten wankt, und Wahn. Und doch – wenn Nijinsky am Ende, in rote und schwarze Tücher gehüllt, allein vor dem Publikum steht, hat auch dieser Untergang etwas von Verklärung, denn Neumeier ist ein Mann, der auch im Grauen noch das Schöne sieht und dieses in Tanz umsetzt.

Der Abend hat in Alessandro Frola einen berührrenden Hauptdarsteller, der Virtuosität und Psychologie perfekt verbindet. Ketevan Papava ist schlechtweg großartig als Romola, und Eno Peci liefert als Diaghilew eine faszinierende Studie brutalster Machtausübung.

Nijinskys berühmteste Rollen treten quasi neben ihm auf, und Victor Caixeta, Davide Dato und Rinaldo Venuti erhalten die Gelegenheit zu glänzen. Olga Esina zählte zu den ersten russischen Ballettstars, die 2006 nach Wien kamen, und zählt zu den wenigen, die  dem Haus a treu geblieben sind. Schade, dass es für sie nach zwanzig Jahren zum Abschied nur eine Nebenrolle gab.  Man wartet auf ihre Romola.

Die Musik von Rimski-Korsakow, Schostakowitsch. Chopin und Schumann war bei Nathan Brock in guten  Händen. John Neumeier hat als Gesamtkunstwerk (von ihm stammen auch Ausstattung und Lichtregie) wieder einmal ein Schicksal zwischen Glanz und Tragik in ein ganz großes Stück Ballettkunst verwandelt. Das Publikum war begeistert und feiere den 87-jährigen ganz besonders.

Renate Wagner

 

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