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WIEN/Staatsoper: L´ELISIR D´AMORE von Gaetano Donizetti

09.11.2018 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Aida GARIFULLINA, die reiche Capricciosa fittaiuola    (Foto Wiener Staatsoper/M.Pöhn)

WIEN/Staatsoper

L´ELISIR D´AMORE   von Gaetano Donizetti
Donnerstag, 8.November 2018

245.Aufführung in der Regie von Otto Schenk

 

Kein Eselchen mehr

 

Als diese Inszenierung von Donizettis Liebestrank schon vor einigen Jahren das erste Mal in die Wohnstuben der Österreicher übertragen wurde – der ORF lieferte damals immerhin eine Netrebko, einen Villazon in einem Star-Gourmet-Menü mit, war auch noch ein Eselchen vor dem Karren des Wunderdoktors Dulcamara angespannt, das heißt man führte das Eselchen behutsam, von Hand gelenkt neben dem riesigen Fahrzeug auf die Bühne hinaus. Es scheint in die Pension geschickt worden zu sein, anders als so mancher andere alte Esel, nämlich ohne Orden und Event. Und von Ersatz weit und breit keine Spur. Ein Opfer der militanten Tierschutzlobby.
So bleibt nur noch Otto Schenk als Attraktion mit seiner altvorderen abonnentenfreundlichen Regie für die Zuschauer im Haus und beim Stream des heutigen Abends übrig.

Das Gourmet-Menü

Keine Frage, die beiden Hauptrollensänger lieferten im Hauptgang tadellose Leistungen ab, die beiden bildeten ja auch die Attraktion des Menüs:
Aida Garifullina, die äußerst fesche capricciosa fittaiuola, eine reiche Pächterin in dieser kleinen Baskischen Siedlung, die mit silberhellem Sopran und jener mädchenhaften Spielfreude welche Sympathien einbringt und ihre Begehrlichkeit beim ortsansässigen Männervolk glaubhaft macht.
Und der aus Paris gebürtige Benjamin Bernheim, stimmlich über einen tenore leggero bereits hinaus, was auch seinem derzeitigen Rollenangebot entspricht mit Partien wie Rodolfo und Alfredo. Er präsentiert seinen Nemorino mit einem leichten, lyrischen und angenehm klingenden, warm timbrierten Tenor, allerdings mit nicht zu überhörender Neigung, in der Höhe für die Piano notierten Phrasen das reine Kopfregister zu bevorzugen. Insgesamt aber scheint er bei seinen absolvierten Meisterklassen bei Giacomo Aragall und Carlo Bergonzi gut aufgepasst zu haben! Im Zusammenspiel mit seiner Adina ist er jedenfalls der Schüchterne und eher Hölzerne im Spiel, allerdings mit großer sympathischer Ausstrahlung.

Die Beilagen

Mit den Beilagen zum Menü sah es an diesem Abend weniger gut aus. Ein Quacksalber und Doktor mit müder Stimme, dem die Luft in den irrwitzig schnell dirigierten Phrasen bei der Aufzählung der Krankheiten in seiner großen Auftrittsarie wegbleibt, der seinem bemüht witzigen, manchmal schon überdrehtem Spiel zu wenig kongenial Gesungenes entgegenzusetzen vermochte: Paolo Rumetz, der es wenigstens zu zeigen verstand, wie man in einer Buffa agiert, was in unserem Hause nichts Selbstverständliches ist.

Und ein fader Lackel von einem Belcore mit trockenernster Stimme wirkte etwas verirrt in einer Buffooper: Orhan Yildiz sang und spielte den eitlen und aufdringlichen Offizier mit viel zu wenig Witz, Charme und Ironie.

Die süße Nachspeise

Eine gute Probe ihres Talentes bot in der Rolle der Gianetta Mariam Battistelli, eine Äthiopierin – groß und schlank und fesch und singen kann sie auch. Aus dieser kleinen Rolle haben sich schon viele in die erste Garnitur des Hauses hinaufgesungen, mit einer Zwischenlandung bei der Adina und manchmal zu noch höheren Weihen.

Die Köchin mit dem schnellen Löffel

Speranza Scappucci am Pult schien besorgt, irgendwie Langeweile mit ihrem Dirigat zu erwecken. Also machte Sie einen Geschwindmarsch aus den meisten Nummern und ließ den Musikern kaum Zeit für Finessen.

Das Ende der Nostalgieoper?

Stéphane Lissner, seines Zeichens Chef der Opéra de Paris zeigte sich vor einigen Wochen in einem Interview nicht sehr optimistisch über die Zukunft des Genres Oper. Er warnt in Bezug auf sein Haus vor dem Fehler einer Rückkehr zur Nostalgie-Oper und rät, als einzigen Weg für die Zukunft der Oper Produktionen zu bringen, die in einer Beziehung zu unserer Welt stehen.

Nein, diese Angst habe ich bei uns nicht, dass im Baskenland Donizettis bald die Guerrilleros auftauchen oder französische Armeeverbände, um separatistische Bewegungen niederzumetzeln. Viva la Musica heißt hier, bei uns, die Parole und wenn ein Regisseur glaubt, mit seinen „bizarren“ Ideen das dösende Publikum wecken oder erschrecken zu wollen, dann wird lieber eine Aufführung in der theaterfremden konzertanten Version angesetzt. Doch wie bekommt man aber mit so etwas ein neues und jüngeres Publikum in die Opernhäuser?

„Keine abstruse Inszenierung störte, attraktive Sänger in eleganten Roben mit vortrefflichen darstellerischen Qualitäten schmeichelten dem Auge“ So las man es heute in einer deutschen Kritik über eine konzertante Traviata: Das soll Oper sein? Welcher Jüngere lässt sich da schon begeistern?

Das junge taiwanesische Pärchen vor mir, dem ich in der Pause freundlich erklärte, dass der ständige Gebrauch der Handys (ja, jeder hatte sein eigenes) während der Aufführung störend für andere Besucher wäre und obendrein nicht erlaubt sei, dieses Pärchen also war nach der Pause schon wieder verschwunden. Blöd auch, so eingeschränkt zu werden, auch die werden kaum mehr kommen.

Viel Arbeit wartet auf künftige Direktionen.

Fünf Minuten blieb man noch für den Schlussapplaus.

Peter Skorepa
OnlineMERKER

 

 

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