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WIEN / Staatsoper: Gaetano Donizetti ANNA BOLENA

14.04.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Oper
Anna Netrebko mit Margarita Gritskova

Anna Netrebko mit Margarita Gritskova

Wiener Staatsoper
“ANNA BOLENA” von Gaetano Donizetti
13.April 2015 / 12. Aufführung in dieser Inszenierung

 

Kalt-warm

Keine Frage, die Entscheidung, strikt darauf zu achten, dass nach dem Schließen der Türen keine Zuspätkommenden mehr in den Zuschauerraum dürfen, die ist zu begrüßen, auch wenn man selbst Opfer dieser drastischen aber erzieherisch wertvollen Aktion wird. Und so gab es gestern Abend für mich KALT-WARM. Zuerst vor dem Haus KALT, also nur einen coolen Empfang im englischen Königshaus vor der riesigen “Leinwand” und erst nach der Pause das umso mehr willkommene WARM und die warm timbrierte Stimme der Titelrollenträgerin.

Als das wahre Vergnügen, im Hinblick auf den Operstoff also eher das wahre Mitleiden, stellte sich angesichts des Ambientes ständigen Verkehrslärms, ständigen Hin-und Hergehens, einer nicht optimalen Tonwiedergabe und einer grauslichen Wiedergabeoptik diese Übertragung vor das Haus nicht ein, so löblich und gut gemeint diese Aktion auch ist. Wenn sie allerdings die Sehnsucht nach ungestörter Wiedergabe und eine Einladung zum Kartenkauf  darstellen soll, dann hat sie ihren Sinn tatsächlich erfüllt, da nimmt man im gemütlichen Innenraum der Staatsoper doch lieber die ungemütlichen Sitze, heimliches Geraschel in den Handtäschchen, Gehüstel oder gar Hustenanfälle und die ständig aufblinkenden elektronischen Spielzeuge in Kauf. Wohlgemerkt, die erwachsenen Besucher frequentieren diese Geräte, um inzwischen eingetroffene Mitteilungen noch schnell zwischen zweier Arien zu entziffern.

Nun, der positive Eindruck der sich vor der Fassade und vor der Pause erahnen ließ, der bestätigte sich im Haus. Auch der Eindruck der etwas leblosen Regie von Eric Genovése, teils natürlich bedingt durch einen, einer Nummernoper innewohnenden Steh-und Schreitcharakters in den Abfolgen, dieser wurde durch die attraktiven Kostüme nicht aufgehoben, aber immerhin gemildert durch die teils gemäldeartigen Wirkungen.

Hauptattraktion dieser Serie war naturgemäß Anna Netrebko, die gut beraten war, den Arienrummel am Vortag nicht mitzumachen um ihre volle Leistung in dieser Aufführung bringen zu können bzw. nicht zu gefährden. Man bestaunt die Tatsache, dass die immerhin schon einige Zeit laufende Karriere und das Herantasten an dramatischere Rollen Verdis und Donizetti der Flexibilität der Stimme nichts anhaben konnte, dass die gesanglichen Mittel richtig mitgewachsen sind und sich heute ein gereifter Spinto-Sopran mit großem Atem, Klangfülle und Durchhaltevermögen dem begeisterten Publikum präsentiert. Ausdrucksvermögen und Spiel sind ausreichend und wenn einem etwas abgeht, dann höchstens jener gewisse Schuss an schrillem Wahnsinn und klagender Verzweiflung, der dem Gesanglichen bei Donizetti von großen Vorgängerinnen beigemischt wurde.

Luca Pisaroni als Enrico VIII

Luca Pisaroni als Enrico VIII

Mit Ekaterina Sementschuks hellem Alt stellte sich zwar nicht effektvoller Kontrast zum eher dunkel timbrierten Sopran der Titelfigur ein, die Sängerin bot aber per se eine emphatische Leistung als zukünftige Königin, die ihre Vorgängerin neben dem Thron und neben dem König im Bett erst aus dem Weg räumen soll. Diese Verzweiflung machte sie, deren Alt in den letzten Jahren größer, sicherer und flexibler geworden ist auch stimmlich deutlich. Die dritte Dame im Bunde, auch in Männerkleidern sehr attraktiv, war bei Margerita Gritskova in besten Händen und in bester Kehle, aber spätestens, wenn sie ihr Wams aufreißt hätte Heinrich VIII erkennen können, was sich hinter dieser Verkleidung verbirgt, aber Luca Pisaroni erblickte in seiner Eifersucht nur das Amulett, an dem er die pupertären Sehnsüchte des Pagen zu entdecken glaubte. Pisaroni, den wir als guten Leporello kennengelernt haben, muß –   trotz des untadeligen  Einsatzes seiner schönen stimmlichen Mittel sollte das nicht verhehlt werden – in die Rolle dieses seltsamen und zynischen Brutalos erst hineinwachsen.

Celso Albelo tut sich noch gesanglich schwer mit der Partie des Percy, hoch und laut trafen hier aufeinander, Belkanto klingt, auch mit verzweifeltem Ausdruck interpretiert, doch anders. Carlo Osuna als Hervey hatte unauffällig die librettobedingte Meldefunktion inne.

Andriy Yurkevych formte mit dem Staatsopernorchester und dem Chor unter Thomas Lang einen im Tempo eher bedächtig klingenden und auf die solide Begleitung seiner Protagonisten zielenden Donizettiklang.

Herzlicher bis jubelnder Schlussapplaus von viertelstündiger Länge, ein herzliches Gewinke der brillanten Anna war der Dank.

 

Peter Skorepa
MERKEROnline
Foto: Michael Pöhn

 

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