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WIEN / Staatsoper: ELEKTRA von Richard Strauss

Expressive, hochkonzentrierte Gesangsleistungen im Kohlenkeller

10.02.2020 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Waltraud Meier (Klytämnestra) mit Zoryana Kushpler (Schleppenträgerin) und Simina Ivan (Die Vertraute). Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: ELEKTRA von Richard Strauss

9. Feber 2020

22.Aufführung in dieser Inszenierung

Von Manfred A. Schmid

So rundum zufrieden mit einer Elektra-Vorstellung war man – sieht man von der ärgerlichen Inszenierung Uwe Eric Laufenbergs und der grottenschlechten Bühne von Rolf Glittenberg (ein Kohlenkeller mit Paternoster-Aufzug) ab – schon lange nicht mehr. Das liegt zunächst an der fulminanten Christine Goerke in der Titelpartie, aber auch an den Leistungen der übrigen Hauptakteure sowie an der mehr als rollendeckenden Besetzung der zahlreichen Nebenrollen, die sich geradezu luxuriös ausnimmt – wenn etwa Monika Bohinec, Margarita Gritskova, Ulrike Helzel, Lydia Rathkolb und Ildikó Raimondi als Mägde aufgeboten werden. Gerade bei Richard Strauss ist dieser Aufwand jedoch mehr als angebracht, hat doch jede noch so kleine Rolle ihren gewichtigen Platz im Gesamtgefüge. Das gilt für den jungen Diener Thomas Ebenstein ebenso wie für den Pfleger von Marcus Pelz oder die Schleppenträgerin der Zoryana Kushpler.

Für den großen Bogen, der das hochdramatische Geschehen – vom ersten Ton bis zum erschütternden Ende – unerbittlich vorantreibt und beinahe durchgehend für elektrisierende, schier unerträgliche Spannung sorgt, zeichnet Semyon Bychkow verantwortlich. Unter seiner souveränen Leitung präsentiert sich das Orchester in Strauss-gerechter Hochform. Expressiv werden die Klangballungen aufgebaut, um dann in geradezu explosiver Wucht in höchster Erregung zu kulminieren. Gerade bei diesen Stellen musikalischer Zuspitzung überzieht Bychkow allerdings einige Male den aus dem Orchestergraben kommenden Lautstärkepegel so sehr, dass die Stimmen, wenn auch meist nur kurz, übertönt werden. In den aufschlussreichen Gesprächen, die Elektra mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und mit ihrem Bruder Orest führt und in denen die jeweilige seelische Verfassung der zentralen Figuren klar zutage tritt, wird die orchestrale Fülle hingegen gehörig zurückgenommen und zur psychologisch feinen Klangmalerei.

Wie Elektra, sie geschickt umschmeichelnd, ihre Schwester als Mittäterin bei der Ermordung der Mutter zu gewinnen sucht und sie, als ihr das misslingt, wütend verflucht, ist mit großem Gespür gezeichnet und geht ebenso unter die Haut wie die aufrichtige Beteuerung der Chrysothemis, dass sie einfach nur fortwill aus der bedrückenden Umgebung. Sie fordert ihren Anteil an Liebe und (Mutter-)Glück ein, und sei es auch nur als Frau eines Kleinbauern.  Simone Schneider singt und spielt das so überzeugend, dass man Ihre Hoffnungen gut nachvollziehen kann und Verständnis für sie und ihre Position aufbringt. Christine Goerke als Elektra hingegen zeigt sich stets und unbeirrbar als ein einzig und allein von der ihm auferlegten Pflicht zur Rache angetriebener Mensch. Ihr Sopran klingt kraftvoll und modulationsstark. „Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir,“ lautet eine Schlüsselstellen im genialen Libretto von Hugo von Hofmannsthal. Sie trifft an diesem Abend tatsächlich voll auf die Christine Goerke zu. Fast die ganze Zeit ununterbrochen und höchst präsent auf der Bühne, gelingt ihr eine bezwingende Darstellung dieser unglücklichen Frau, die, als ihr einziges Lebensziel erreicht, ihre Mutter tot und ihr ermordeter Vater endlich gerächt ist, nach einem kurzen Tanz im Siegestaumel kraftlos zu Boden sinkt: All ihre Lebensenergie ist aufgebraucht.

Christine Goerke (Elektra) mit dem untrüglichen Regietheater-Accesoire Reisekoffer

Waltraud Meier, jüngst als Herodias stimmlich hart an der Grenze zur Zumutung, macht als Klytämnestra eine entschieden bessere Figur. Freilich:  Zu dieser Klytämnestra, hier eine körperlich hinfällig gewordene Frau im Rollstuhl, von Angstträumen und schlechten Gewissen heimgesucht, passt auch eine schwächelnde Stimme ohne Glanz. Besonders dann, wenn die Darstellung so überzeugend gelingt, wie das hier der Fall ist. Würde sie trotz ihrer Hinfälligkeit nicht doch noch genug Bosheit und dämonischer Schlechtigkeit ausstrahlen, man könnte glatt Mitleid für sie aufbringen.

Norbert Ernst ist ein solider, unspektakulärer Aegisth. Besondere Klasse zeichnet Michael Volle als von seinen Schwestern heißersehnter und kurz totgeglaubter Orest aus. Die heikle Erkennungsszene mit Elektra – Die Hunde auf dem Hof erkennen mich und meine Schwester nicht? – berührt zutiefst. Mit seinem wohltönenden, Sicherheit verströmenden Bariton bringt er kurz Ruhe in das durchgängig von Hektik geprägte, aufgeregte Geschehen, bis er sich alsbald ernsthaft-entschlossen auf den Weg macht, die Rache zu vollziehen. Zurück bleibt Elektra, die ausflippt, weil sie vergessen hat, ihrem Bruder das Beil auszuhändigen. Während oben schon die ersten gellenden Todesschreie zu vernehmen sind und die ersten Hingerichteten, blutüberströmt drapiert, im Paternoster-Aufzug nach unten fahrend, präsentiert werden.

Viel begeisterter Applaus für eine musikalisch den grauen Repertoirealltag hinter sich lassende Vorstellung in gräulichem Bühnenbild.

 

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