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WIEN / Musikverein: TONKÜNSTLER-SILVESTERKONZERT

Sumi Hwang~1

WIEN / Musikverein:
SILVESTERKONZERT TONKÜNSTLER ORCHESTER
28. Dezember 2015

Der „Goldene Saal“ des Wiener Musikvereins sieht ein paar Tage vor dem Neujahrskonzert wenig einladend aus – bereits riesige Batterien von Scheinwerfern, Podien mit Kameras, aber nichts davon schon von Blumenschmuck verborgen oder abgemildert. Aber das Publikum, das den Saal für ein (bezüglich der Karten) leichter zugängliches und offenbar sehr beliebtes Silvesterkonzert bis zum letzten Platz füllte, ließ sich in seiner Stimmung nicht im geringsten beeinträchtigen.

Es war ja auch ein bemerkenswert heiter-beschwingter Abend, den das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich hier unter der Leitung von Alfred Eschwé bot. Wobei man gleich zu Beginn das Orchester loben muss, dass nicht nur bei prächtiger Stimmung, sondern auch in prächtiger Verfassung war, die es benötigte, um die nur scheinbar „leichten“, aber in ihren musikalischen Raffinessen und Exzessen enorm schweren Stücke zu exekutieren.

Das Programm war natürlich nicht auf Subtilität, sondern auf Effekt ausgerichtet, da rasten die Polowetzer Tänze und Carmens Zigeuner, und auch Suppé oder Fucik ließen hören, dass die Österreicher genau so lautstark Unterhaltungsmusik machen können. Es gab allerdings auch Raritäten, vor allem die „Künstler-Quadrille“, in der Johann Strauß bei nicht weniger als zehn Kollegen (von Mozart über Weber zu Mendelssohn und Paganini) „bestohlen“ und deren wirkungsvollste Passagen collagiert hat.

Damit man bei einem solchen bunten Patchwork-Programm nicht dauernd auf den Programmzettel schauen muss, übernahm Alfred Eschwé auch noch die Rolle des Conferenciers, launig, pointiert und am Schluß (wie das zum Jahreswechsel schon mal so ist) mit einem guten Rat. Blaise Pascal soll gesagt haben, dass alle guten Vorsätze schon einmal gefasst wurden – jetzt ginge es eigentlich nur noch darum, sie einmal zu realisieren? Wie recht er hat.

Viele der Besucher kommen, wie man in Pausengesprächen erfahren konnte, jedes Jahr, weil die Garantie der besten Unterhaltung besteht. Der Anteil von Asiaten im Publikum ist bei Wiener Musikveranstaltungen traditionell groß. Diesmal schien er noch stärker als sonst – vielleicht haben sich neben den üblichen Japanern noch sämtliche Koreaner Wiens aufgemacht, um ihre Landsmännin (Landsfrau?) Sumi Hwang zu hören. Sie ist erst „jung“ im Geschäft, gewann 2014 den renommierten „Queen Elizabeth Wettbewerb“ in Brüssel und ist seit der Spielzeit 2014 /15 Mitglied des Opernensembles des Theaters Bonn, wo sie große Rollen verkörpert. Die bildhübsche Koreanerin debutierte an diesem Abend nicht nur im Musikverein, sondern überhaupt in Wien und nahm das Publikum im Sturm schon mit der ersten Arie.

Für „Je veux vivre“, der Arie von Gounods Juliette, ließ sie einen sehr schön timbrierten Sopran hören, der in fabelhafter Technik mühelos zwischen Piano und Forte changierte und vor allem mit den schwebenden Koloraturen beeindruckte. Das ist eine Stimme, die sich in der Höhe sehr wohl fühlt und viel kann – in Bonn singt sie Mozart, an diesem Abend trat sie noch als Leila in den „Perlenfischer“ beherzt in die Fußstapfen von Diana Damrau und zeigte mit dem Vilja-Lied und vor allem mit „Meine Lippen, die küssen so heiß“ (mit triumphierend-strahlendem Schlußton), dass sie auch Operette „kann“. Die attraktive junge Dame, zuerst in Rosa, dann in Schwarz, gehört zu jenen Künstlern, die quasi ein unsichtbares Lasso auswerfen und das Publikum in ihren Bann ziehen…

Im Zuschauerraum herrschte helle Begeisterung, nicht nur, weil man angehalten wurde, im Vilja-Lied den nicht vorhandenen Chor zu ersetzen, was der volle Zuschauerraum mit Enthusiasmus tat. Mit genau so viel richtiger Intonation, wie später akkurat der Rhythmus stimmte, als man – vom Dirigenten mit exakten Anweisungen versehen – den als „Kehraus“ unvermeidlichen „Radetzky-Marsch“ mitklatschte. Beim Hinausgehen sah man lauter glückliche Gesichter. Wie oft passiert das schon?

Die Tonkünstler spielen dieses heitere Silvester-Konzert (wie es wohl nach Neujahr heißt?) nicht weniger als 21mal in Wien und in Niederösterreich (mit drei verschiedenen Sopranistinnen). Vielleicht besteht Gelegenheit, den Abend irgendwo zu „erwischen“.

Renate Wagner

 

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