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WIEN / Leopold Museum: OSKAR KOKOSCHKA

WIEN / Leopold Museum:
OSKAR KOKOSCHKA
EXPRESSIONIST, MIGRANT, EUROPÄER
Vom 6.April 2019 bis zum 8.Juli 2019

Die Vorteile
des hohen Alters

Er gehörte ganz und gar zu Wien um 1900 – und war noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein hoch geachteter Künstler: Vom Aufreger zum Überetablierten führte der Weg des Oskar Kokoschka (1886-1980), dem ein langes Leben ein reiches Schaffen ermöglichte. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich, wo die Ausstellung bereits viel beachtet zu sehen war, zeigt das Leopold Museum nun „Oskar Kokoschka. Expressionist, Migrant, Europäer“. Ein Leben im 20. Jahrhundert, in übersichtlicher Chronologie dargeboten, von einer Fülle, wie sie nur viele Lebensjahrzehnte ermöglichen.

Von Heiner Wesemann

Oskar Kokoschka    Er wurde am 1. März 1886 im niederösterreichischen Pöchlarn (einer Nibelungenstadt) geboren, wo sein Geburtshaus heute als Museum (mit Wechselausstellungen) zu besichtigen ist. Bald darauf zog die Familie nach Wien. Nach der Jahrhundertwende nahm er sein Studium auf, ab 1905 malte er in Öl, 1908 stellte er in der Internationalen Kunstschau aus und machte auf sich aufmerksam. Ein Doppeltalent als Schriftsteller und bildender Künstler, bewegte er sich im Kreis der Secessionisten, etablierte sich aber früh als Expressionist. Der Erste Weltkrieg und die Begegnung mit Alma Mahler wurden entscheidend für seine Entwicklung. Ab 1917 in Dresden, war er schon in jungen Jahren Professor an der Kunstakademie, beteiligte sich an großen Ausstellungen, unternahm weite Reisen (bis Nordafrika). Vor den Nationalsozialisten, die ihn bald als „entarteten Künstler“ einstuften, zog er sich nach Prag zurück, wo er seine Frau Olda kennen lernte, und ging 1938 rechtzeitig nach England ins Exil. Nach dem Krieg ließ er sich in der Schweiz nieder, machte auch seinen Frieden mit Österreich und pflegte – nicht zuletzt mit den Porträts von Berühmtheiten – sein Image als Repräsentationskünstler. Er starb am 22. Februar 1980 in Montreux, ist am nahe liegenden Friedhof von Clarens begraben.

Die Chronologie      Die Ausstellung, deren Wiener „Fassung“ von Kuratorin Heike Eipeldauer betreut wurde, folgt mit rund 270 Exponaten, darunter 79 Gemälden (8 Gemälde im Eigenbesitz des Hauses, plus 6 Dauerleihgaben), dem Lebensweg Kokoschkas. Dabei ist nicht nur „historisch“ ein typisches Schicksal des 20. Jahrhunderts zu betrachten, das nicht zuletzt von den politischen Entwicklungen geprägt wurde (auf die Kokoschka viele Antworten hatte). Die Werke zeigen auch, wie ein Künstler sich selbst treu blieb – auch in dem Entschluß, die figurative Malerei nie aufzugeben. (Ganz vereinzelte Werke wie eine Ansicht von Amsterdam 1926 streifen an die Abstraktion an.) Einflüsse – von Schiele, den deutschen Expressionisten, Picasso – sind immer wieder zu beobachten, aber Kokoschka hat früh „seinen“ Stil gefunden und bis ins Alter durchgehalten. Erkennbar und doch fern jedem Realismus, in jeglicher Freiheit von Farbe und Form, zwischen provokant und spielerisch. Die Wiener Ausstellung hat Beispiele zu jeder Lebensphase – und am Ende nur zwei Desiderata: „Die Windsbraut“ (er und Alma in expressionistischer Umarmung) darf Basel nicht verlassen. Und als man in Deutschland nach dem 1966 entstandenen Porträt von Konrad Adenauer fragte (das hinter dem Schreibtisch von Angela Merkel hängt), wurde höflich mit „Eigenbedarf“ abgewinkt.

Zeitgenosse der Berühmten   Der frühe Kokoschka hat mit expressionistischen Plakaten für seine frühen expressionistischen Dramen geworben, tatsächlich aber war er schon bald ein außerordentlicher Porträtist. Es gibt wunderschöne Frauenbildnisse aus dieser Zeit (Helene Kann, 1909, oder Bessie Bruce, 1910), über die Glätte Klimts hinausgehend, aber doch „gefällig“ genug, dass er damit vermutlich lukrativ hätte Karriere machen können. Er wollte es nicht. „Seelenaufschlitzer“ nannte man ihn als Porträtisten, er malte viele Berühmtheiten seiner Zeit, am nachdrücklichsten wirkt Karl Kraus (mit geradezu Schiele’scher Handhaltung). Die Ausstellung zeigt auch einen anmutigen, 1907 von ihm entworfenen Rock: Er hätte auch in der Wiener Werkstätte eine Zukunft gehabt. Aber er ging strikt seinen eigenen Weg.

 

Alma, Puppe, Olda     Die Affäre mit Alma Mahler, die Kokoschka bis in die Grundfesten erschütterte (eine freie Frau, die nicht nach seiner Pfeife tanzte und der der „Wilde“ dann zu wild war), ist oft genug beschrieben worden. Die Ausstellung zeigt das verhältnismäßig „ruhige“ Doppelbildnis von 1912 (kein Vergleich mit der „Windsbraut“ und ihrer unendlichen Erregung), Landschaftsmalereien aus gemeinsamen Aufenthalten – und eine plastische Nachbildung jener „Puppe“, die sich Kokoschka als „Frau-Ersatz“ herstellen ließ, weil man mit dieser machen konnte, was man wollte… (Denkt man an die lebensgroßen „Spielzeug“-Sex-Puppen heute, war Kokoschka geradezu ein Vorreiter.) Erst ein gemäßigt schönes Bildnis seiner Frau Olda (1937) läutete wohl später ein harmonischeres Verhältnis zu Frauen ein.

Blick auf die Welt     Es gibt interessante Bilder von Kokoschkas zahlreichen Reisen, er ist in vielen Stilen (es gibt erstaunlich viele malerische Zugänge) ein Meister der Landschaft, der Stadtansichten geworden, besonders beeindruckt ein Blick in die algerische Wüste. Kokoschka hat bekanntlich später, 1956, als Auftragswerk die Wiener Staatsoper gemalt, das Bild fehlt in der Ausstellung (war der Weg vom Belvedere zu weit?), hingegen gibt es den Blick auf Wien vom Schloß Wilhelminenberg von 1931 (aus dem Wien Museum).

„Entartet“ und widerständig   Die Ausstellung hat eine hoch interessante Dokumentationswand zum Thema „Entartete Kunst“ gestaltet, nicht nur mit Zeitungsausschnitten, sondern auch mit einer Filmsequenz, die das deutsche Publikum zeigt, wie es damals durch die Ausstellung (die die Nazis durch viele Städte schickten) schritt: Mit unbeweglichen Gesichtern, damit ja nicht die vielleicht mögliche Zustimmung zu dieser Kunst daraus herauszulesen sei… Kokoschka hat seinerseits im Exil knalligste politische Gemälde gemalt, am berühmtesten „Das rote Ei“ von 1940, im Detail sehr interpretationsbedürftig, aber erkennbar mit der Mussolini-Fratze riesig rechts sichtbar.

Der Promi-Künstler     Die Ausstellung, die dankenswert reich ist an Dokumenten, zeigt Kokoschkas Ruhm in der Nachkriegszeit nicht nur an einem „Spiegel“-Titelbild (damals der Gipfel an Popularität im deutschen Sprachraum, nur wenige Österreicher schafften das, die Bachmann auch). Gewaltige Auftragswerke kamen herein – die Ausstellung kann, und das ist ein Höhepunkt, zwei Triptycha zeigen: das Prometheus-Triptychon von 1950 (das London-Besucher normalerweise im Courtald House an der Themse sehen können) und das Thermopylae-Triptychon, 1954 für Hamburg entstanden, mythologische Riesenwerke. Man weiß, daß Kokoschka sich immer um Porträt-Aufträge bemühte (er hätte auch gerne Stalin gemalt…), und dass das durchaus lukrativ war (die „Quick“ zahlte 200.000 Mark für das Adenauer-Porträt), aber Kokoschka, der Humanist (und Europäer im umfassenden Sinn) spendete große Summen an wohltätige Institutionen.

Österreich holte sich ihn zurück   Bis zum Ende unermüdlich, war er in Salzburg mit seiner „Schule des Sehens“ vertreten und stattete für die Festspiele auch eine „Zauberflöte“ aus, für das Burgtheater Raimund-Stücke. Zeitungsausschnitte zeigen ihn von den Großen seiner Zeit umworben – Bruno Kreisky brachte ihn dazu, wieder die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen: „Später Triumph in der Heimat“ titelten die Zeitungen. Er wurde überschüttet, Staatspreis, Ehrenzeichen, Ehrenbürgerschaft, Denkmal. Und er ließ zu, dass man sich mit ihm schmückte.

  

  

  

Stets Selbstreflexion    Im übrigen ermöglicht die Ausstellung, wenn man den Blick dafür schärft, eine Idee vom Selbstverständnis des Künstlers, der sich immer wieder als eigenes Modell betrachtete – nicht nur in Selbstdarstellungen, sondern auch als „Kopf“ in vielen seiner Bilder. Schon ein frühes Foto zeigt (und alle anderen belegen es), dass er eine ausgesprochen „eckige“, quasi rechteckige Kopfform hatte, die er selbst variierte und mit stets anderem Gesichts-Ausdruck bedachte. Kokoschka-Suchen und –Finden ist ein Seiteneffekt inmitten der Reichhaltigkeit dieser Ausstellung.

Leopold Museum:
OSKAR KOKOSCHKA – EXPRESSIONIST, MIGRANT, EUROPÄER
Bis zum 08.Juli .2019
Täglich außer Dienstag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 21 Uhr
Juni, Juli, August: täglich geöffnet
Der besonders schöne und übersichtliche Katalog ist im Kehrer Verlag erscheinen

 

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