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WIEN / Leopold Museum: MACHEN SIE MICH SCHÖN, MADAME D’ORA!

WIEN / Leopold Museum:
MACHEN SIE MICH SCHÖN, MADAME D’ORA!
Vom 13. Juli 2018 bis zum 29. Oktober 2018

Machen Sie mich interessant, Madame!

Das Einzige, was an der besonders vorzüglichen Ausstellung „Machen Sie mich schön, Madame d’Ora!“ im Leopold Museum nicht gänzlich passt, ist der Titel. Dora Kallmus machte die Menschen, die sie fotografierte, zwar oft auch „schön“, aber das war nicht entscheidend. Vielmehr machte sie der Person vor ihrer Kamera interessant, hintergründig, mysteriös. Sie hatte den ganz gewissen, genialen Fotografen-Blick, der aus einem Foto ein ganz bestimmtes, unverwechselbares „Bild“ macht. Dazu kam auch die „Inszenierung“, die sie rund um ihre Porträtierten schuf und die das Endergebnis unverkennbar machte. Letztendlich waren es „Röntgenbilder der Seele“, wie die damalige Presse es ausdrückte. Dass der Begriff „Madame d’Ora“ nicht auf die mondäne Welt der Monarchie reduziert werden darf, zeigt nun das Leopold Museum in drei Räumen im Untergeschoß.

Von Heiner Wesemann

Dora Kallmus (1881-1963) Geboren am 20. März 1881 in Wien als jüdische Großbürgerstochter, wäre sie gerne zum Theater gegangen, aber das gestattete die Familie nicht. Die Ausbildung zur Fotografin, damals für Frauen auch noch nicht üblich, verlieh Dora Kallmus einen Sonderstatus, als die erst 26jährige in Wien ihr eigenes Atelier unter dem wirkungsvollen Künstlernamen „d’Ora“ eröffnete. Kollege Arthur Benda, den sie in Berlin kennen gelernt hatte, fungierte zuerst als Assistent und übernahm später ihr Atelier, machte sich auch einen eigenen Namen. Die Wiener Zeit (1907 bis 1925) sah sowohl den Kaiserhof, den Hochadel, das jüdische Großbürgertum und die Künstlerwelt vor ihrer Kamera. Nachdem Dora Kallmus 1923 erstmals in Paris gewesen war und dort enge Bindungen an die Illustrierte „L’Officiel“ knüpfte, ließ sie Wien hinter sich und begann in der französischen Hauptstadt eine nicht minder glanzvolle Karriere als Modefotografin. Damals aber reihte sie sich auch anerkannt unter die großen Fotokünstler der Epoche (Man Ray u.a.) ein. Den Zweiten Weltkrieg überlebte sie versteckt in einem französischen Bergdorf. Nach dem Krieg stand sie zwar noch immer inmitten der geistigen Elite Frankreichs, die sie nach wie vor porträtierte. Aber die nunmehr über Sechzigjährige wandte ihr Interesse auch den dunklen Seiten des Lebens zu und fotografierte nicht nur menschliches Elend, sondern auch jenes der Schlachthöfe von Paris… Dora Kallmus, die das Haus ihrer im KZ getöteten Schwester im steirischen Frohnleiten restituiert bekommen hatte, übersiedelte mehr als 80jährig nach Österreich zurück und starb dort am 30. Oktober 1963.

Die breite Perspektive     Man kann nicht sagen, dass „Madame d’Ora“ in Österreich zu den vergessenen Persönlichkeiten zählt. Sie hat als Frau mit eigenständiger Leistung durchaus Anerkennung gefunden. Tatsache bleibt allerdings, dass man eher ihre Fotos kentt, als etwas über sie persönlich zu wissen. Sie hat die berühmten Porträts von Arthur Schnitzler und Alma Mahler geschaffen, die tausendfach reproduziert wurden. Das Foto von Elsie Altmann-Loos mit wildem Haar und halb entblößtem Busen, das auch das Plakat der Ausstellung ziert, ist ebenso berühmt wie ihre Bilder von Josephine Baker. Mit diesen hat sie übrigens deren Image als unverwechselbare Mischung von Exotik und Erotik zementiert. Aber über die Wiener Zeit und die Welt der Reichen und Schönen hat man kaum hinausgesehen. Das unternimmt jetzt die auch sehr biographisch konnotierte Ausstellung von Monika Faber und Magdalena Vukovic, die in enger Zusammenarbeit mit dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und deren Kuratorin Esther Ruelfs entstanden ist. In Hamburg – wo die Ausstellung mit anderen Schwerpunkten schon zu Beginn des Jahres gezeigt wurde – ist auf Umwegen ein großer Teil des Nachlasses von Dora Kallmus gelandet, der es erlaubt, auch die Pariser Jahre ausführlich zu dokumentieren. Somit gelingt es auch, Madame d’Ora vom Haugout der „berufenen Fotografin der Wiener Komtessen“ abzulösen. Dass die Ausstellungsarchitektur (Walter Kitpicsenko) besonders gelungen ist, verdankt man auch der geschickten Integration von Kleidern, Hüten und Zeitschriften in die Welt der ca. 390 ausgestellten Fotografien, die mit ganz wenigen Ausnahmen schwarz / weiß sind – auch noch in einer Nachkriegsepoche, wo schon die Farbe regierte.

Saal 1: Tout Vienne    In Wien begann es, schon der Schriftzug ihres Ateliers zeigt, dass Dora Kallmus etwas von Design, Werbung und Selbstvermarktung verstand. Nicht nur die Welt des großbürgerlichen Judentums, aus dem sie stammte, ging bei ihr aus und ein. Die jüngeren, „modernen“ Mitglieder der kaiserlichen Familie setzten sie für die brillant inszenierten Familienbilder ein. Als aus dem Thronfolger Karl dann der Kaiser wurde und der ganze ungarische Adel anlässlich seiner ungarischen Krönung sich in Wien (!) effektvoll fotografieren lassen wollte, geschah das bei Dora Kallmus, die hier mitten im Krieg zweifellos einen Höhepunkt persönlicher Popularität erlebte. Ihre Fotos waren aber auch zu interessant, vor ihrer Kamera stellten die Damen auch ihre reich geschmückten Hände oder ihre exquisiten Schuhe aus, gingen spürbar Wagnisse ein. Und wenn sich Gräfinnen im Fliegerdress oder adelige Damen in Rot-Kreuz-Schwestern-Tracht ablichten ließen, waren auch das „Inszenierungen“. Natürlich kamen auch die echten Schauspieler und Theaterleute, die Dichter wie Schnitzler (solo und samt Familie), die Regisseure (wie Max Reinhardt), die Tänzerinnen (die Wiesenthal, die Pawlowa), eine Welt der Posen, die die jeweiligen Akteure charakterisierte und die weit über das brave Porträt hinaus ging.

Saal 2: Paris     Schon in Wien hatte Dora Kallmus auch für Modehäuser (Zwieback beispielsweise oder auch für die Wiener Werkstätte) gearbeitet und für die Zeitschrift „Die Bühne“ fotografiert. In Paris wurde dann die Mode (auch die Hüte von Madame Adèle) und die Arbeit für Illustrierte der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Es ist, als ob ihre Fotos da einen gewissen „mondänen“ Hüftschwung erlangten… Aus dem Jahr 1929 stammt auch das einzige Selbstporträt, das gezeigt wird – man sieht faktisch nur die Augen unter dem Ponyhaarschnitt. Der untere Teil des Gesichts wird von einer großen schwarzen Katze bedeckt, wobei Madames Hände ganz ungewöhnlich drapiert erscheinen.  Sie hat auch für sich selbst eine rätselhafte Inszenierung gefunden.

Saal 3: Nach dem Krieg     Interessanterweise hat Dora Kallmus die Zwangsschließung ihres Pariser Ateliers 1940 als eine Art von Befreiung empfunden – und sie ist auch nach dem Krieg nie mehr in den Zwang eines „Betriebs“ zurück gekehrt. Sie schuf weit eher „Homestories“, indem sie bei den Prominenten selbst fotografierte. Besonders ausführlich wird hier Maurice Chevalier dokumentiert, mit dem sie eng befreundet war. Die Fotos hinterfragen den „sexy“ Entertainer durchaus… Und Somerset Maugham in seiner Villa auf Cap Ferrat 1955 zu fotografieren, zeigt nicht den Erfolgsautor, sondern die androgyne Erscheinung des Alters, die nur noch Rätsel aufgibt. Picasso lacht bei ihr unwiderstehlich, und Serge Lifar schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen: Nichts ist, wie man es erwartet. Auch nicht die Fotos von menschlicher Tragik aus den Flüchtlingslagern und die abgeschnittenen Kalbsköpfe, die hängenden Kadaver, die am Ende regelrechte schocken. Cocteau bescheinigte der „Frau ohne Alter“ im Jahr 1958, „kühner als irgendein junger Mann“ zu sein. Sie war es.

Leopold Museum, Ebene -2:
Machen Sie mich schön, Madame d’Ora!
Bis 29. Oktober 2018,
Juli und August täglich von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Ab September am Dienstag geschlossen

 

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