Fotos: Theater in der Josefstadt
WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
LEONCE UND LENA von Georg Büchner
Frei bearbeitet von Torsten Fischer
Premiere 09. April 2026,
besucht wurde die Generalprobe
Die Absurdität zur Potenz
In Georg Büchners Stück von 1836 sind Leonce und Lena ein Prinz und eine Prinzessin jeweils aus einem kleinen deutschen Fürstentum, zwei sehr junge Geschöpfe mit eigenen Vorstellungen von der Welt und dem Leben, phantasievoll und störrisch. Keinesfalls bereit, sich den Zwängen ihres Standes zu opfern, laufen sie ihrem Schicksal scheinbar davon – und sich in die Arme. Hier entfaltet sich der Zauber eines Stücks, nicht nur in dieser Geschichte des Jugendprotests, sondern auch in Büchners überironischer Schilderung eines Kleinstaats mit einem ebenso allmächtigen wie dummen Herrscher. Man kann sich in diese Welt eines jungen Dichters (Büchner war 23. als er das Stück schrieb, und er starb im Jahr darauf…) nur so liebe- und lustvoll vergraben, wie es gemeint war.
In den Josefstädter Kammerspielen freilich ist Büchner samt seinen Figuren im Altersheim gelandet. Eine Notlösung, da die Hauptdarsteller ja nun auch nicht mehr jung sind, sondern in der langen Ära Föttinger an der Josefstadt – na, sagen wir: gereift? Um das zu rechtfertigen, wird von Regisseur Torsten Fischer in einer – am Programmzettel zugegebenen – „freien Bearbeitung“ (gibt es dafür eigentlich noch Extra-Gage bzw. Tantiemen?) auf das schrecklichste herumgedichtet.

Wehmütig bzw. wehleidig erklingt die Klage über das Alter, das alles so trocken und uninteressant macht. Sehnsucht nach Jugend. Nach einer halben Stunde legen Leonce und Lena ihre Altersgesichter ab und gehen in die Rückblende (richtig jung sind sie auch da nicht, aber was soll’s). Auch diese scheinbare Rückkehr zu Büchners Stück erzählt nicht die Geschichte, sondern bestenfalls Brocken davon und diese auf die seltsamste Art verballhornt. Falls sich der Bearbeiter / Regisseur auf die Absurdität des Originals ausreden will – Absurdität zur Potenz ergibt nur Dummheit. Wer das Stück nicht gut kennt, bekommt keine Ahnung davon, was es wirklich ist. Und was bekommt der, der es gar nicht kennt? Theatergeschwurbel der schlimmsten Art.
Da sind die führenden Figuren auf einer kahlen Bühne auf fünf Protagonisten zusammen gedampft. Das alte Paar, das nicht wirklich jung wird. der verblödete Vater, der auch sein eigener Höfling ist, der Gefährte von Leonce als Clown verkleidet, in einer Szene im Glitzerkleid auch trans (das sollte es wohl sein?), und eine Dame für alle anderen Rollen. Im Hintergrund ein Greisenverein, der die Altersheim Atmosphäre noch verstärkt.
Der eiserne Vorhang senkt sich immer wieder, hebt sich immer wieder, ohne dass sich dahinter viel verändern würde (Ausstattung: Herbert Schäfer). In den „Rückblenden“ versinkt die Szene meist in weißem Nebel. Wenn Leonce und Lena als „Automaten“ erscheinen (bei Büchner genial) wird ihr chorisches Sprechen durch Technik so blechern verfremdet, dass man kein Wort mehr versteht. Macht nichts, man versteht ja auch vom Rest nichts.
Am Ende ein ganz mieser Trick. Nachdem Leonce und Lena, wie im Original vorgesehen, von Italien geschwärmt haben, singen sie nichtsdestoweniger (und natürlich auf Französisch) „La Mer“ und wanken dabei mit den Armen – weil man schließlich weiß, dass Musik am Ende den Beifall (der sonst vielleicht ausbleiben könnte?) hoch reißt…

Für Sandra Cervik und Michael Dangl könnten es die Abschiedsrollen von der Josefstadt sein (Genaues darüber, wer von der Föttinger-Nachfolgerin gekündigt wird, weiß man ja noch nicht). Hätten sie doch „Virginia Woolf“ spielen dürfen oder etwas, das ihrer Potenz entsprochen hätte, statt in dieser Inszenierung herumirren zu müssen. Das ist auch für Marks Blohm, Tonio Arango und Susanna Wiegand kein ergiebiger Spaß. Und für das Publikum schon gar nicht.
An diesem Abend geht Georg Büchners Absurditäts-Tiefsinn über in den Unsinn einer willkürlichen Inszenierung, da wir in einer Welt leben, wo jedermann nur nach dem Regisseur fragt und nicht nach dem Dichter. Dabei hat sich so gut wie immer herausgestellt, dass diese Dichter viel klüger und weiser sind als alle, die sich blind tapsend an ihnen vergreifen.
Renate Wagner

