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WIEN / Kammeroper: DIE NASE

23.09.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

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Alle Fotos  © Armin Bardel

WIEN / Kammeroper:
DIE NASE von Dimitri Schostakowitsch
Eine Aufführung der Neuen Oper Wien
Premiere: 22. September 2015

Ein Gastspiel, man spart, und allen ist gedient. Das Theater an der Wien muss in seiner Kammeroper eine Aufführung weniger produzieren, die Neue Oper Wien, stets durch verschiedene Räume vazierend, kommt für seine Produktion der „Nase“ von Dimitri Schostakowitsch in einem wohl ausgestatteten Opernhaus unter. Nur dass in diesem Fall die Inszenierung so „üppig“ ist, dass ein größerer Raum als die schöne Biedermeier-Schachtel am Fleischmarkt vielleicht angemessener gewesen wäre. Denn auch die Musik ufert aus, dazu die exzessive Schrille der Darbietung – im kleinen Raum wurde das alles nachgerade zum Overkill.

Absurdes ist haltbar, vermutlich, weil es in die Zukunft zielt. Gogol hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit seiner Gesellschaftssatire der verlorenen Nase (die man noch und noch interpretieren könnte), schon weit voraus gegriffen. Für einen Mann der wilden zwanziger Jahre, wie es Dimitri Schostakowitsch hundert Jahre später war, bot Gogols Erzählung eine ideale Spielwiese, um auf musikalischem Sektor regelrecht zu „wüten“ und den Begriff „Oper“ fast in Stücke zu schlagen.

Nase Plakat  OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Den letzten Schritt dazu setzt nun die Aufführung der Neuen Oper Wien in der Kammeroper, die auf jeden Fall eine Schwäche hat: Man kann das Werk nicht voraussetzen. Ein geringer Prozentsatz der Zuschauer wird der russischen Sprache, in der es gesungen ist, mächtig sein. Und die Übertitel, hellgrau auf dunkelgrau, sind absolut nicht zu lesen. Selbst wenn man sich vor der Vorstellung noch sorglich über den Inhalt im Programmheft informiert hat – man wird dennoch nicht tief in die Inszenierung von Matthias Oldag eindringen. Oder, besser gesagt: Man wird das Stück nicht so recht finden.

Absurdes noch zu verfremden, wie es der deutsche Regisseur, der aus dem Osten kam, so nachdrücklich tut, potenziert Unverständliches zum Quadrat. Ausstatter Frank Fellmann bietet zwar etwas zum Lesen (tatsächlich, der Zeitungsartikel über die Ukraine-Krise, der im Hintergrund der Bühne eine Art Tapete bildet, ist im Gegensatz zu den Übertiteln exzellent zu lesen – hat nur nicht so wahnsinnig viel mit dem Gezeigten zu tun), im übrigen aber eine Irrsinns-Welt, wo beispielsweise der Postsaal des Originals zu einem verrückten Wartesaal mit von der Decke herabhängenden Koffern wird und die Belästigung einer jungen Frau zur Vergewaltigung.

Die Polizei ist eine militärische Einsatzgruppe von heute, die sich auch so benimmt (und mit ihren Gewehren in den Zuschauerraum zielt, was man nach alter Theaterübereinkunft nicht tun soll), die „Volksszenen“ wälzen sich von der Bühne herab ins Publikum (wofür das Theater ein bisschen zu klein ist) – kurz, was an diesem ohnedies schon hysterisch übersteigerten Stück noch übersteigert werden kann, hier geschieht’s.

Man muss sich allerdings fragen, ob das wirklich ein Schaden ist, denn absurd bleibt absurd und kann viele Formen annehmen. Ob es nicht am besten wirkt, wenn man es aus scheinbarer Normalität erwachsen lässt, sei dahingestellt. Auf diese Idee ist jedenfalls an diesem Abend niemand gekommen.

Ganz vorzüglich, was das amadeus ensemble-wien unter der Leitung von Walter Kobéra leistet, eine in alle Stile und Einzelteile auseinander fallende, irre, wirre, schrille, grelle Musik zu einem Opernabend zusammen gebunden und von dem Wiener Kammerchor als „Masse“ beispielhaft exekutiert.

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Die Solisten haben – in Übereinstimmung mit Regie? mit dem Dirigenten? – den Stil der Aufführung übernommen: Es wird nicht gesungen, es wird geschrieen, jeder legt gewissermaßen noch „ein Schäuferl“ drauf, obwohl alle letztendlich im Rahmen dessen, wozu sie sich entschlossen haben, exzellent sind – vor allem Marco Di Sapia in der Hauptrolle des Kowaljoff, Igor Bakan als reger Barbier und Alexander Kaimbacher, der aus einer goldenen Riesenmonsternase erklingt. Pablo Cameselle bietet als Wachtmeister, der hier der reinste „Cobra“-Kommandant ist, einen Tenor, der durch und durch geht, gleiches leistet Megan Kahts als Frau des Barbiers. Mit Ausnahme der Hauptrolle sind die anderen – dazu noch Tamara Gallo, Ethel Merhaut, Karl Huml, Georg Klimbacher, Lorin Wey und Kurt Huml – in mehreren Rollen unterwegs.

Gogol mal Schostakowitsch, Absurdes zum Quadrat, dann noch diese Inszenierung dazu: Mann o Mann, es geht wild zu an diesem Abend.

Renate Wagner

 

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