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WIEN / Burgtheater: WIR SIND NOCH EINMAL DAVONGEKOMMEN

Vom Blödel-Galopp zum triefenden Pathos…

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Fotos: Tommy Hetzel

WIEN / Burgtheater: 
WIR SIND NOCH EINMAL DAVONGEKOMMEN von Thornton Wilder
Premiere: 20. März 2026 

Vom Blödel-Galopp
zum triefenden Pathos…

Thornton Wilder (1897-1975) ist mit zwei Stücken weltberühmt geworden. Mit „Our Town“ (Unsere kleine Stadt, 1938), worin er still und poetisch das einfachreLeben einfacher amerikanischer Kleinstädter schilderte, und „The Skin of Our Teeth“ (Wir sind noch einmal davongekommen, 1942), worin es schrill und absurd um nicht weniger gehen soll als um eine Menschheitsgeschichte. Vielmehr, genauer gesagt: Um die grenzenlose Fähigkeit der Spezies Mensch, Katastrophen zu überleben und immer wieder von Neuem zu beginnen… Diese beiden besonderen Stücke waren den Amerikanern verdientermaßen zweimal den begehrten „Pulitzer Preis“ wert.

Nun ist die Geschichte der Davongekommenen von Wilder her zumindest zwei Akte lang als  Parodie angelegt. Das amerikanische Ehepaar Antrobus steht mit Sohn, Tochter und einem Dienstmädchen für die „Familie“ mit ihren Problemen schlechthin. Im ersten Akt frieren sie ganz schrecklich in der Eiszeit, im zweiten geht es ihnen recht gut, bis die Sintflut kommt, und im dritten Akt haben sie eben einen siebenjährigen Krieg hinter sich und sind recht lädiert…

Nichts davon ist auch nur eine Sekunde real-realistisch gemeint, wenn die Familie im ersten Akt einen Dinosaurier und ein Mammut als Haustiere hält und Homer und Moses zu Besuch kommen, die dem ohnedies selbst belesenen Hausherren von Odysseus oder Adam und Eva erzählen. Der zweite Akt begibt sich, ebenfalls amüsant, auf die tiefere Ebene des Allzu Menschlichen, wenn das Hausmädchen Sabina (offenbar eine Dame aus dem Raub der Sabinerinnen…) den Hausherren verführen will. Der obligate Seitensprung endet abrupt wenn man schnell  in die Arche muss, um seine Haut zu retten.

Der dritte Akt schlägt dann einen neuen Ton an – da brechen die Probleme auf, der Haß des Sohnes gegen den Vater, die Gebrochenheit von Herrn Antrobus, der nicht mehr die Kraft in sich fühlt, schon wieder und noch einmal neu zu beginnen. Aber da scheut der Autor dann nicht eine Hymne auf die nie versiegende Kraft des Menschen…

Direktor Stefan Bachmann hat sich das Stück als Regisseur selbst vorbehalten, so dass man hoffen konnte. Ihm sei etwas Besonderes dazu eingefallen. Ist es nicht. Zudem hatte er, wie er im APA-Interview erklärte, „Bauchweh“ angesichts des „konventionellen“ Familien-Rollenbildes (tatsächlich wird immer nach dem Mann und Vater als Retter gerufen)  und des Predigtcharakters des Finales.

Also flüchtete Bachmann in eine Blödel-Orgie, die dergleichen übertünchen sollte, womit er dem Stück Unrecht tat. Wenn Wilder die beiden ersten Akte als „Jux“ anlegt, ist es nicht gescheit, noch einen Jux darauf zu setzen, auf diese Art kommt einfach nur Blödsinn heraus – zumal wenn (im Stück nur am Rande vorgegeben) einer Schauspielerin erlaubt wird, in derbem Wienerisch „kommentierend“ aus der Rolle zu fallen und dem Publikum zu erzählen, wie dumm das Ganze doch eigentlich sei. Warum dann?

Die Posse, die sich auf einer fast leeren Bühne (Olaf Altmann) entfaltet, kann ein Publikum nur verwirren, zumal die Kostüme (Adriana Braga Peretzki) mit ihrem sinnlosen Show-Charakter weiter zur Verfremdung beitragen.

Im letzten Akt allerdings lässt sich Bachmann (weil er ein „Prinzip Hoffnung“ entdeckt) auf das denkbar breiteste Pathos ein, um eine Botschaft des Durchhaltens zu verkünden. Das allerdings großteils so affektiert geflüstert, dass vermutlich das halbe Haus gar nichts mehr verstanden hat. Auch nicht eben sinnvoll.

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Der Regisseur Bachmann hat offenbar eine gute Beziehung zu dem Direktor Bachmann, also bekam er für die Besetzung eine Star-Riege  des Hauses. Dennoch ist die Rechnung nicht ganz aufgegangen. Herr Antrobus ist zumindest die ersten beiden Akte der Inbegriff von Kraft und Intellekt, er baut gewissermaßen die Welt. Das kann Nicholas Ofczarek, der offenbar auch gegen eine körperliche Schwäche kämpft, nicht mehr bieten. Und die große Caroline Peters wirkt für die Frau Antrobus, die programmatisch den amerikanischen Durchschnitt verkörpert, viel zu intellektuell und erreicht folglich auch nicht ihre übliche Wirkung.

 

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Bleibt Stefanie Reinsperger als Sabina, und sie ist natürlich eine Bombe. Nicht zu bremsen, weder in ihren privaten „Kabarett“-Einlagen noch in der Verführungsszene, wenn sie sich im vollsten Wortsinn auf Antrobus „wirft“ und kein (hochgezüchtet interpretiertes) Klischee scheut. Der Regisseur lässt sie noch weiter gehen, von der Bühne in den Zuschauerraum springen, zwei Herren in den vorderen Reihen aus ihren Sitzen werfen, deren Sessel demolieren und einen davon sogar auf die Bühne zu hieven… sehr lustig, auch wenn man im Grunde angesichts solchen Aktionismus‘ ziemlich sprachlos ist. Sinn macht es jedenfalls keinen.

Wichtig sind die Kinder, vor allem der gewalttätige, protestierende Sohn, dem Mehmet Ateşçi so viel von der Wut der Jugend gibt, dass er wie der einzige echte Mensch auf der Bühne wirkt. Zeynep Buyraç wirbt als Tochter im Stück um die Aufmerksamkeit des Vaters, bekommt sie nicht, und dasselbe passiert der Darstellerin.

Nils Strunk ist heillos überbesetzt mit ein paar kleinen Rollen, aber warum soll man einen so guten Sprecher und Musiker nicht einsetzten, wenn man ihn schon hat. Und dann sind auch noch fünf erlesene ältere Herrschaften des Hauses unterwegs, Elisabeth Augustin und Barbara Petritsch, Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski und Martin Reinke, auch dann exzellent, wenn sie durch „orientalische“ Glitzerkostüme schlechtweg lächerlich wirken.

Es ist ein durch und durch unausgewogener Abend, der das Stück, das dem Direktor / Regisseur angeblich so wichtig ist, im Blödelmodus und viel zu lange (die Premiere dauerte drei Stunden und zehn Minuten) verspielt. Ist man als Publikum noch einmal davon gekommen? Eigentlich nicht…

Renate Wagner

 

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