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WIEN / Burgtheater: DAS HIMMELSZELT

28.09.2020 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

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Fotos: Burgtheater / Ruiz Cruz

WIEN / Burgtheater:
DAS HIMMELSZELT von Lucy Kirkwood
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 27. September 2020

„Enteignung, Vergewaltigung und Kolonisierung des weiblichen Körpers“, verortet in der „weißen männlichen Historie“. Also braver und politisch korrekter kann man ja gar nicht sein. Auch wenn man das, was als Thesenstück angeboten wird (und vom Inhalt her fast schon ein bisserl fad ist), dann gnadenlos in ein so krudes Effektstück verbrät, dass man sich fragt, wieso es die Burgtheater-Dramaturgie überzeugen konnte. Nur, damit man 13 Damen des Ensembles (dagegen sind zwei Herren vergleichsweise geradezu mikrig) beschäftigen kann? Nun ja, auch der praktische Theaterbetrieb hat seine Notwendigkeiten.

Also – „Das Himmelszelt“ der britischen Autorin Lucy Kirkwood (von der man in Wien bisher nur ein ziemlich schlechtes Stück, „The Children“, im Vorjahr in Vienna’s English Theatre gesehen hat) spielt in England Mitte des 18. Jahrhunderts. Angeblich kommt der Halley’sche Komet, aber das spielt keine wirkliche Rolle, und das titelgebende Himmelszelt ist auch nicht sehr stimmig eingefügt. Das Burgtheater winkt mit „Die zwölf Geschworenen“ und „Hexenjagd“ als verwandte Themen, bevor man selbst draufkommt, hat aber nichts zu bieten, was auch nur annähernd das Niveau der hier zitierten Vorbilder erreicht.

Zwölf bürgerliche Ladies (eine von ihnen schert aus und wird zur zweiten „Heldin“ des Stücks) bekommen eine junge Mörderin vorgeführt. Sie sollen entscheiden (was eigentlich die Hebamme alleine könnte, am Ende muss es aber – merk’s!!! – ein männlicher Arzt bestätigen, sonst glaubt man es nicht), ob diese Sally Poppy schwanger ist. Denn nur das würde sie vor dem Galgen retten. Wie verhalten sich die Damen? wäre die interessanteste Frage. Aber auch das bleibt ziemlich Nebensache.

Was Lucy Kirkwood möchte, ist dem Publikum mit einem Schocker zu kommen, der sich herum spricht. Wir begegnen unserer jungen Mörderin zu Beginn total blutüberströmt. Dann bekommen wir ihren nackten Körper, nackter Bauch (ist da eine Schwellung?), nackter Busen (kommt da Milch heraus?), wir bekommen sie am Kübel, ihre Notdurft verrichtend (Mitte der Bühne, wir sind nicht g’schamig). In dem Ausmaß, wie die Autorin immer schamloser wird und eine unerwartete Wendung nach der anderen liefert (man ist schließlich, man mache sich nichts vor, in einem Krimi, der zum Thriller wird), erlebt man noch eine gynäkologische Untersuchung (mit Stöhngeräuschen der Gequälten), auch wie jemand ganz gewaltig in den Bauch getreten wird (Brutalität auf der Bühne, die Engländer sind nicht so nobel, wie man meinen sollte), Erniedrigung und Beleidigung, grelle Verzweiflung fehlt nicht, ja, und es sei verraten, ein Mord auf offener Bühne findet auch noch statt. Wo bleibt da die groß angekündigte Frauen-Diskussion?

: Marie-Luise Stockinger / Sophie von Kessel

Nun bezieht das Stück Salz und Pfeffer daraus, dass die wohl bestallten Damen nicht über ein armes Opfer urteilen, dessen Unschuld sich herausstellen wird. Nein, Sally ist eine Wutbürgerin der untersten Schichten, der man erzählt hat (ihr Freund, von dem man nichts wirklich erfährt, wie überhaupt allzu viel in diesem grellen Stück in der Luft hängt), dass sie als Opfer der Verhältnisse ohnedies das Recht hat, sich an der bösen Gesellschaft zu rächen. Das ist eine Figur, die erschreckt, und dass Marie-Luise Stockinger an sich so zart und hübsch ist, macht den Schock noch schlimmer, wie sie den ganzen Abend lang ausrastet, immer wieder durchatmet und lostobt. Kompliment für die darstellerische Leistung. Man kann nicht immer nur Rollen spielen, in denen man dem Publikum sympathisch ist, die wirklich „bösen“ geben mehr her.

Sympathieträgerin wäre da eher die Hebamme Elizabeth Luke. Sophie von Kessel gibt ihr Erdverbundenheit und Leidenschaft (warum sie sich für diese Sally, von der sie wie ein Stück Dreck behandelt wird, so einsetzt, erfährt man erst später – Pointe!). Sie hat außerdem die etwas vordergründige Funktion, der Gesellschaft eine Predigt über die Armen zu halten, die es nicht so gut getroffen haben, womit sie natürlich völlig recht hat. Ob man deshalb gleich morden darf… aber darum geht es ja nicht.

Es geht auch nicht um die „Geschworenen“-Damen. Wenn Lucy Kirkwood glaubt, es reichte als Einführung, sie zu Beginn ein paar Sätze sagen zu lassen, irrt sie. Außerdem bekommt jede bestenfalls (wenn überhaupt) eine wirkungsvolle Szene, das ist wenig, wenn es ohnedies nur um die beiden zentralen Frauengestalten geht. Jedenfalls fügen sich bekannte Gesichter der Vor-Kusej-Ära mit ein paar neuen gut zusammen.

Barbara Petritsch spielt die würdevolle Dame aus dem Nachbardorf, die – was Genaues erfährt man nicht – zur Vorsitzenden bestimmt wurde. Eine Hardlinerin, die später ein dramaturgisch ziemlich lächerliches Geheimnis offenbart. Sie schlägt auch den Ton der religiösen Bigotterie an, die auch verdammt werden soll, aber eigentlich eine geringe Rolle spielt.

Sabine Haupt wäre vermutlich die Ranghöchste im Dorf, schreitet würdevoll herum, bis sie am Ende für eine schaurige Pointe sorgt, weil sie eine grausame, aber praktikable Idee hat…

Elisabeth Augustin darf nicht viel mehr, als mit langem weißen Haar kund zu tun, dass sie die Dorfälteste ist.

Lilith Häßle interessiert sich offenbar als Einzige für den Kriminalfall, macht Notizen und bekommt heraus (was man bis dahin nicht sicher weiß), ob Sally eigentlich schuldig ist oder nicht. (Was man da so kühl berichtet bekommt, ist nicht ohne Gänsehautwirkung.)

Stefanie Dvorak gilt als stumm, bis sie in einem großen Ausbruch die Stimme wieder findet und erzählt, dass sie den Teufel gesehen hat (das ist wohl die Verbeugung vor der „Hexenjagd“).

Alexandra Henkel ist offenbar eine arbeitende Frau und möchte (man kann es ihr nachfühlen), dass alles möglichst schnell vorbei ist, damit sie wieder nach Hause gehen kann.

Dunja Sowinetz hat auch viel zu tun, wirklich mehr erfährt man nicht.

Katharina Pichler legt einen eindrucksvollen Ausbruch hin, weil diese Mörderin ein Kind bekommt und sie nicht (und dass Sally ihr sagt, wenn’s da ist, kannst du es haben, tröstet sie nicht).

Safira Robens ist schwanger, Stacyian Jackson hat ihr Deutsch entschieden verbessert, aber was Paula Kroh für eine Rolle spielt, das erklärt sich nicht.

Zwei Männer, Dietmar König, der als Arzt mit Hochmutsmiene und Überzeugung die körperliche Minderwertigkeit der Frau verkündet, und Philipp Hauß, der nicht nur als Gerichtsdiener immer dabei ist, sondern wütenden, in Gewalt ausbrechenden Gefühlen Ausdruck verleiht.

Regisseurin Tina Lanik hat zuletzt mit „Geächtet“ am Burgtheater ein entschieden besseres Stück in den Fingern gehabt. Dieses versucht sie durch sehr viel Drehbühne (Ausstattung Stefan Hageneier) aufzuputzen, mit ein paar Gewitter- und Raucheffekten, die verzichtbar wären, und mit der Präsenz ihrer Darstellerinnen. Vor allem sieht sie allen Unappetitlichkeiten und Gewaltsamkeiten der Handlung tapfer ins Auge. Was soll man sonst tun.

Ein Vorschlag zur Güte: Man biete das Stück Quentin Tarantino als Drehbuch an. Er könnte (mit einer Hauptfigur, die an „Natural Born Killers“ erinnert) einen seiner scheußlich, blutrünstigen, keinen Schauer-Effekt scheuenden, brillanten Slasher-Filme daraus machen. Wo allerdings der Wert und der Sinn liegen mag, so etwas im Burgtheater zu zeigen, erschließt sich nicht.

Renate Wagner


27. September 2020
Burgtheater

Das Himmelszelt
Lucy Kirkwood

Regie Tina Lanik
Bühne und Kostüme Stefan Hageneier
Musik Jörg Gollasch

Sally Poppy Marie-Luise Stockinger
Elizabeth Luke Sophie von Kessel
Charlotte Cary Barbara Petritsch
Judith Brewer Dunja Sowinetz
Sarah Smith Elisabeth Augustin
Helen Ludlow Katharina Pichler
Sarah Hollis Stefanie Dvorak
Emma Jenkins Sabine Haupt
Kitty Givens Stacyian Jackson
Ann Lavender Lilith Häßle
Mary Middleton Alexandra Henkel
Hannah Rusted Paula Kroh
Peg Carter Safira Robens
Billy Coombes Philipp Hauß
Frederick Poppy/Dr. Willis Dietmar König
Katy Luke Zita Berlin / Ada König / Carla McD

 

 

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