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VALENCIA: I DUE FOSCARI mit Placido Domingo

15.02.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Valencia: “I DUE FOSCARI” – Palau de les Arts Reina Sofia, 2. u. 5. 2. 2013


Placido Domingo. Foto: Palau des arts Valencia

 Die Produktion von „I DUE FOSCARI“, die im September in Los Angeles ihre äußerst erfolgreiche Premiere gefeiert hatte (siehe Merker Nr. 11/2012, Details zur Produktion in diesem Artikel), wurde jetzt in etwas überarbeiteter Version in Valencia gezeigt, mit fast vollkommen neuer Besetzung.

 In manchen Bereichen hat Regisseur Thaddäus Strassberger die Personenregie verfeinert, wodurch etwa der Charakter des Jacopo Foscari an Profil gewann. Im 1. Akt durfte er nun am Schluss der Arie sein Käfig-Gefängnis verlassen (wurde also nicht mehr in den Untergrund versenkt) und zeigte, dass er sich wehren wollte. Im 2. Akt war das Bühnenbild (Kevin Knight) stark verändert, statt des Foltergestells mit angekettetem Jacopo war dieser nun wiederum in einem Käfig und musste seine Arie wie im 1. Akt hoch über der Bühne hängend singen. Kein besonders glücklicher Einfall, da man nun gleichzeitig am Boden grauenhafte Folterungen vollführte, die zumindest mich stark von der Musik ablenkten: Eine Frau wurde fast ertränkt, ein Mann mit den gefesselten Armen am Rücken hochgezogen, weitere grausige Dinge geschahen im Hintergrund. Ich muss gestehen, in meiner ersten Vorstellung ging mir die erste Hälfte von Jacopos Arie fast verloren, so beschäftigt war ich mit dem Schauen. Beim zweiten Mal konzentrierte ich mich dann auf Jacopo, was aber nicht so einfach war, da er einfach oberhalb der Hauptblickrichtung in seinem Käfig hing. Hier wurde zwar das Sittenbild der „Dieci“ verdeutlicht, was sicherlich eindrucksvoll war, etwas dezenter, bzw. mehr im Hintergrund hätte es aber dieselbe Wirkung gehabt, ohne vom Sänger abzulenken. Andere Änderungen waren minimal, manch technische Probleme wurden besser gelöst. Die ausdrucksvolle Beleuchtung durch Bruno Poet sowie die Kostüme von Mattie Ullrich verfehlten auch hier ihre Wirkung nicht.

 Die musikalische Seite war der von Los Angeles nur bedingt ebenbürtig, was hauptsächlich am sehr unausgeglichenen Dirigat von Omer Meir Wellber lag. Er war häufig viel zu laut, in diesem Haus durch die besonders glasklare Akustik sowieso eine ständige Gefahr. Mehrmals hetzte er die Sänger so unglaublich, dass man als Zuhörer schon fast atemlos wurde – von den Sängern nicht zu reden! Wahrscheinlich sollte das erhöhte Dramatik suggerieren. Er schaffte es, die „Barcarola“ (beim Fest der Regatta) mit der Tempobezeichnung Allegro moderato so schnell zu dirigieren, dass damit der gesamte Charakter nicht nur der Musik, sondern auch der Szene verändert wurde. Anstatt diese Stelle – den sanften Wellen des Wassers nachempfunden – harmonisch schwingend zu nehmen, hetzte er Chor und Orchester so, dass die Musik bestenfalls harte, kurze Wellen suggerieren konnte. Der Gondoliere stocherte mit dem Ruder hektisch durchs „Wasser“. Die Wellenbewegungen, die durch hoch und nieder bewegte Stoffbahnen nachgeahmt wurden, verloren ihren Rhythmus. Der Charme dieser Stelle – ohnehin der einzig heitere Moment in diesem trostlos tragischen Werk – wurde stark geschmälert. An anderen Stellen war Wellber wiederum so langsam, dass die Spannung fast verloren ging. Dabei schien er dem optischen Eindruck nach durchaus um die Sänger bemüht, der akustische Eindruck war ein anderer. Ich sehnte mich nach James Conlon, der es in Los Angeles in jeder Sekunde verstanden hatte, die richtigen Tempi zu setzen und Dramatik zu erzeugen, ohne je die Sänger zu übertönen.

 Die Rolle des alten Dogen Francesco Foscari wurde wiederum von Plácido Domingo verkörpert, der sicht- und hörbar an der Rolle gearbeitet hat. Ich habe kein Problem damit, dass er angeblich das „richtige“ Timbre für diese Baritonpartie nicht mitbringt. Domingo selbst behauptet nie, dass er ein Bariton ist, er singt mit seiner Stimme und das in einer anderen Liga! Die reizvolle Mischung von tiefer Tessitura und tenoralem Höhenglanz ist einmalig, das charakteristische Timbre auch hier erhalten. In vielen Momenten klingt die Stimme voller als die der Bariton- oder sogar Basspartner und durch kluge Gestaltung und hochmusikalische Phrasierung gewichtet er anders. Dass SEIN Doge anders klingt als der eines tiefen Baritons, ist logisch. Auch seine Tenorrollen klangen nie so wie bei anderen Tenören! Was zählt, ist die emotionale und dramatische Durchdringung der Rolle. Domingos ungebrochene Bühnenpräsenz und Kraft zieht die Zuschauer nach wie vor in seinen Bann.

Er zeigte sich in stimmlicher Bestform, seine prägnante Textbehandlung und der Reichtum an Klangfarben drückten alle Emotionen dieser tragischen Figur aus. Man durchlitt mit ihm das grausame Schicksal eines ohnmächtigen Dogen, der Vaterliebe und Dogenpflicht nicht in Einklang bringen konnte, von der Schwiegertochter als „barbaro genitor“ bezeichnet wurde und schließlich noch seine Erniedrigung und Entmachtung miterleben musste. Die Schluss-Szene – ein Meisterstück an Gestaltungskraft – wollte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Szene erreichte ihren Höhe- und Schlusspunkt, als Francesco Foscari sah, wie Lucrezia ihren kleinen Sohn ertränkte! Erschien diese Stelle in Los Angeles noch etwas isoliert, so hatte Strassberger den Ablauf nun verfeinert und nachvollziehbarer gemacht: Francesco umarmt den kleinen Enkel und führt ihn zur Mutter zurück. An diesem Punkt scheint Loredano mit gierigem Blick zu realisieren, dass hier ein weiterer zukünftiger Doge heranwachsen könnte. Lukrezia „rettet“ das Kind mit der Tötung somit vor dem wahrscheinlich unausweichlichen Mord durch Loredano. Bei diesem Anblick stößt der Doge einen furchtbaren Schrei aus und stürz leblos zu Boden.

 Die Konfrontation mit Lucrezia war zwar von Seiten Domingos enorm energiegeladen, konnte aber auf der Seite der Interpretin nicht auf derselben Ebene erwidert werden. Die noch sehr junge Chinesin Guanqun Yu besitzt eine klangvolle, gut durchgebildete Stimme, punktet mit guter Phrasierung und hätte mich wahrscheinlich mehr überzeugt, wenn ich nicht Marina Poplavskaya in Los Angeles gehört hätte. Deren Gesang war zwar nicht immer schön gewesen, doch ihre enorme Präsenz und intensive Darstellung fehlte mir bei Yu, alles in Stimme und Darstellung war etwas zu glatt, obwohl sie durchaus bemüht war. Auch sind asiatische Gesichter oft wenig ausdrucksvoll, die Mimik fehlt manchmal völlig, es ist eher ein „Einheitsgesicht“ ohne besondere Emotionen. So sprühten auch die Funken nicht so sehr zwischen ihr und Domingo in ihrer Konfrontation im 1. Akt, sie konnte seiner Energie wenig entgegen setzen. Die zärtlicheren Töne im Duett mit Jacopo lagen ihr mehr. Sie passte stimmlich gut zum ebenfalls sehr jungen Ivan Magrì aus Catania, der die schwierige Partie des Jacopo Foscari mit seinem für diesen frühen Verdi ungewöhnlich hellen Tenor sehr gut bewältigte. Er zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen, ließ strahlende, sichere Spitzentöne hören und war auch als Darsteller überzeugend. Was ihm noch an Präsenz fehlte, machte er durch Einsatz wett. Bei beiden jungen Sängern war es jedoch auffallend, dass sie enorm am Dirigenten „hingen“, was das Spiel manchmal etwas unflexibel werden ließ. Das lag wahrscheinlich einerseits an der Unausgeglichenheit des Dirigenten, aber natürlich auch an der Tatsache, dass es für beide ein Rollendebüt war.

Die kleineren Rollen waren solide besetzt. Gianluca Buratto sang mit seinem großen Bass etwas zu grobschlächtig, der junge Tenor Mario Cerdá bemühte sich, Barbarigo Profil zu verleihen, Marina Pinchuk gab Pisana. Die beiden Letztgenannten sowie Pablo García López und Mattia Olivieri, die einen Soldaten bzw. Diener darstellten, kamen alle aus dem Centre de Perfeccionament Plácido Domingo, das dem Haus angegliedert ist.

 Der Chor klang gut, war jedoch nicht immer im Einklang mit dem Dirigenten, das Orchester spielte unter dessen Leitung leider oft zu laut, weiters ging mir gerade bei den leitmotivisch komponierten Einleitungstakten zu Francesco Foscaris Erscheinen im 1. und 3. Akt der wunderbare Celloklang ab, den ich unter James Conlon in Los Angeles so großartig empfunden hatte. Hier war es eine Stimme von vielen, die zwar die Melodie hatte, aber zu wenig prägnant gestaltet war.

Da ja das Publikum in Valencia nicht so „vorbelastet“ war wie ich, war der Applaus an beiden Abenden heftig, herzlich und lang. Ein Solovorhang für Plácido Domingo gleich beim ersten Aufgehen des Vorhangs leitete den Jubel und die Bravi ein und ging in eine ausgiebige „standing ovation“ auch für die anderen Sänger und den Dirigenten (der hier offenbar sehr beliebt ist) über.

 Margit Rihl

 

 

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