
THEATERFEST NÖ / Nestroy Spiele Schwechat:
MEIN FREUND VON Johann Nestroy
Premiere: 27. Juni 2026,
besucht wurde die Generalprobe
Viel mehr als nur ein Jux…
Johann Nestroy war ein Meister im Ausziselieren brillanter Charakterstudien. Wohl aus tiefen Erkenntnissen heraus finden sich bei ihm allerdings ganz selten „gute Menschen“. Der Schnoferl fällt einem ein, der Kampl – ja, und der Schlicht aus „Mein Freund“ von 1851, einem selten gespielten Stück. Vielleicht weil es, von ein paar knallig komischen Nebenrollen abgesehen, so ernst ist. Gar kein Theaterjux, keine schöne Geschichte über Gewissenlosigkeit und Verrat – und wie hilflos die Anständigen eigentlich sind.
Das Vorspiel des Stücks spielt in einer Druckerei, in der Schlicht angestellt ist. Sein Prinzipal will ihm Geschäft und Tochter geben – welcher arme Angestellte hätte da nein gesagt? Aber Schlicht ist ein resignierter Melancholiker von Natur aus (was soll man als Mensch schließlich machen, wenn man ohnedies sterben muss?), grundanständig und nicht käuflich, weil er eine andere Frau liebt. Also ist er bereit, weg zu gehen, sich anderswo ein Leben aufzubauen und die Geliebte nach zu holen. Vielleicht hätte das auch geklappt – wenn er nicht einen „Freund“ hätte…
Genau so überzeugend wie Schlicht, der sich bei aller Klugheit nicht zur Unanständigkeit entschließen kann, ist sein „Freund“ Julius Fint gezeichnet (wieder die sprechenden Namen, der Schlichte, der Fintenreiche). Diese Menschen, die skrupellos für den eigenen Vorteil alles tun, sind – das zeigt das Stück und das zeigt die Aufführung – absolut nicht als „Bösewichte“ erkennbar, und vielleicht fühlen sie sich gar nicht so. Tatsächlich weiß Fint für all seine Schmutzereien immer eine sophistische Erklärung zu finden. Man fühlt sich sehr an heutige Politiker erinnert, die jede ihrer lächerlichen Entscheidungen als Großtaten verkaufen. Oder an Banker, die Leute um ihr Geld bringen und es vor sich selbst rechtfertigen, dass so vertrauensvolle Teppen es nicht anders verdienen…Fint wird immer etwas einfallen, die Dinge zu seinen Gunsten zu drehen und die anderen sprachlos zu machen. Auch, wenn er Schlicht um Geld und Frau bringt…
Der Rest der Handlung spielt sechs Jahre später, als Schlicht zurückkehrt und bei einem Verwandten Unterschlupf findet, dem Maurer Hochinger, ein armer Mann, der sich Wohlhabenheit in die Tasche lügt. Aber die große, raumgreifende komische Rolle (geschrieben für den rundlichen Freund und Kollegen Wenzel Scholz) ist der Ladendiener Schippl, der sich zu jeder Intrige vordrängt.
Trotz dieser starken komischen Elemente geht es darum, dass Schlicht nun dem „Freund“ Fint das Handwerk legen muss, wenn dieser (unter falschem Adelsnamen) eine Juwelierstochter ihrer Brillanten entledigen und auch noch angeblich Schlichts Verwandte Marie, die hemmungslos in ihn verliebt ist, heiraten will. Wobei durchaus anerkennenswert ist, wie sich Fint fintenreich durch sein Lügengebäude turnt… bis Schlicht in echter Empörung einmal nicht resigniert, sondern handelt. Denn sonst sind die Anständigen unweigerlich die Dummen.
Es sind die 54. Nestroy-Spiele Schwechat, die im Hof von Schloß Rothmühle stattfinden, und Christian Graf als Leiter und Regisseur hat schon mit heftigerer Regiefaust zugeschlagen (etwa beim „Mädl aus der Vorstadt“). Diesmal gibt er der „ernsten“ Erzählung von vermeintlicher Freundschaft, Verrat und letztlich doch Schlichts Widerstand das Gewicht, das sie verdient.

Das gelingt vor allem durch zwei exzellente Besetzungen: Paul Graf schafft es, Nestroys Wort-Equilibristik, die sich auf seiner ganzen Höhe befindet, klar ins Publikum zu schleudern und doch einen beschädigten Menschen zu spielen, der immer zögert, wenn es um ihn selbst geht. Eine schöne, runde Figur, der Nestroy übrigens kein unmittelbares HappyEnd aufdrückt – da steht am Ende die Frage im Raum, ob er überhaupt das Zeug hat, glücklich zu sein…
Ebenso vielschichtig ist Florian Haslinger als Fint, gut aussehend, gewandt, der jedem alles vorspielen und einreden kann, eine jener Fassaden-Figuren, denen man übrigens im Leben auch begegnen kann… man denke an diese oder jene aktuelle Erscheinung des öffentlichen Lebens.
Einen besonderen Clou hat sich Christian Graf für den Schippl ausgedacht (der zuletzt an der Josefstadt etwa von Fritz Muliar gespielt wurde – ein Hinweis, damit man sich Charakter und Gewicht der Figur vorstellen kann). Denn Graf putzt seine Vorstellung, die ja schließlich einem Sommertheater-Publikum gefallen soll, mit einer Schar wilder Figuren aus der heutigen Trans-Welt auf, erfindet sogar einen Kampfhund für eine höchst unnötige Szene…
Aber am köstlichsten ist diese „Modernisierung“ doch bei der „genderfluid“-Besetzung des Ladendieners Schippl gelungen. Die herrliche Bella Rössler, die Jahr für Jahr in Schwechat dabei ist, in Ensemblegeist-Nebenrollen und in großen (Erbsenstein, Mispl, Blumenblatt), darf ihr vierzigjähriges Schwechat-Jubiläum als – Schippl feiern, die Haare kurz, der Anzug männlich, das Auftreten auch, aber doch die „Ladendienerin“, ein drastisches Zwitterwesen und eine umtriebige Intrigantin, komisch und dabei echt zugleich. Ein Meisterstückl.

Fotos: Barbara Palffy
Mancher Veteran steht auf der Bühne, Franz Steiner als Juwelier, der betrogen werden soll und klar macht, dass er sich zwar um sein Töchterchen, aber auch sehr um seine Brillanten sorgt. Von uriger Bodenständigkeit ist das Maurer-Ehepaar Höchinger (Manfred Stella und Maria Sedlaczek), Bruno Reichert als Druckerei-Besitzer mit dem sprechenden Namen Spaltner., San Trohar der doch recht halbseidene Besitzer einer Leihbibliothek.
Und auch die Jugend brilliert, Sophie Gerold als verführtes Juweliers-Töchterchen und vor allem Marie Christine Reisinger als so beflissen brave Marie. Einige Damen sind von Nestroy ein wenig im Stich gelassen worden, Michelle Haydn als Schlichts einstige Liebe und Hannah Frühwirth als die von ihm Verschmähte.Aus einer Kalkbauernfamilie hat Graf Widerstandskämpfer im Untergrund gemacht (Sandler-Typen : Andreas Herbsthofer, Sabine Axmann und Melina Rössler; ein Live-Hund, der nicht peinlich ist, darf auch dabei sein) Im Haus des Juweliers Stein gibt es eine allzu überdrehte Gesellschafterin (Gabriele Herbsthofer), ein Dienstmädchen, zur „Personal Assistent“ gemacht (Angela Vogelsang), ein Diener zum Bodyguard aufgestiegen (Sascha Nikodym). Außerdem hat Graf eine Menge buntes Personal erfunden – damit es lustiger wird. Nestroy hätte vermutlich nichts dagegen, für ihn war unmittelbar Zeitbezug für sein Schaffen elementar.
Musik spielt diesmal fast keine Rolle (zu Recht – das ist kein musikalisch beschwingtes Werk) – Otmar Binder mit eigener Musik am Klavier begleitet fast nur ein adaptiertes Couplet von Schlicht.
Eines ist klar: „Mein Freund“ ist eine tragische Geschichte – und zweifellos aus dem Leben gegriffen.
Renate Wagner
P.S. Als neue Initiative, da ja Nestroy-Werke (zumal die seltenen) gar nicht so leicht zugänglich sind, legen die Nestroy-Spiele gemeinsam mit der Nestroy-Gesellschaft ab heuer das jährlich gespielte Stück in einem angenehm gestalteten Band auf, kommentiert von dem Experten Matthias Mansky. Da kann man dann auch nachlesen, was in der Inszenierung im Vergleich zum Original verändert wurde…

