Marc Rohde
Mezzospranistin AMANDA STOJOVIĆ
Gestern Mittag ahnten wir noch nicht, dass wir uns heute gegenübersitzen würden. Am sonnigen Vormittag treffen wir uns im beleibten Café Gradska Kafana, während draußen das alljährliche Orangenfest die Altstadt von Herceg Novi (Montenegro) in Duft und Farben taucht. Über unseren Kaffeetassen öffnet sich der Blick auf die Bucht von Kotor, weit und blau unter klarem Himmel. Welche Sprache wir sprechen würden, wussten wir zunächst nicht, doch schnell wurde Englisch unser kleinster gemeinsamer Nenner.

Amanda Stojović (Foto: Duško Miljanić)
Von den ersten Klaviernoten zur Opernbühne
MR: Wie kamen Sie ausgerechnet in einem Land ohne eigenes Opernhaus auf die Idee, Opernsängerin zu werden?
Amanda Stojović: Das ist eine gute Frage – ich stelle sie mir selbst auch manchmal. Musik war in meiner Familie immer präsent. Ich begann mit dem Klavierspiel an der Musikschule. Das lag nahe, denn meine Mutter spielte Klavier und Mandoline in dem in unserem Heimatort sehr bekannten Bokelji-Ensemble. Mein Vater sang als Tenor in einem Chor. Diese frühe Harmonie von Instrumental- und Vokalmusik hat mich geprägt, auch wenn meine Eltern keine professionellen Musiker waren.
Meine Leidenschaft für die Oper entflammte, als meine Eltern mich nach Belgrad (Serbien) mitnahmen, um Der Barbier von Sevilla zu sehen. Wir saßen in der ersten Reihe. Ich war von der Dramatik und von allem, was auf der Bühne geschah, völlig überwältigt. Dieses Erlebnis hat in mir eine tiefe, intuitive Verbindung zu dieser Kunstform geweckt.
Von da an besuchten wir bei jedem Aufenthalt in Belgrad Opernaufführungen und Sinfoniekonzerte. Meine Großeltern lebten in der Stadt und ich verbrachte fast alle Ferien dort.
Der Weg zur professionellen Sängerin
Nach meiner Grundausbildung am Klavier war für mich klar: Ich wollte unbedingt etwas mit Musik machen. Allerdings nicht als Instrumentalistin, sondern als Sängerin. Das war nicht leicht, denn in Montenegro gab es damals nur zwei Gesangsprofessorinnen. Ich nahm schließlich Unterricht bei einer von ihnen und besuchte parallel das klassische Gymnasium, da ich nicht sicher war, ob ich professionell als Sängerin tätig werden wolle und konnte. Die Prüfungen an der Musikschule legte ich extern ab. Gegen Ende meiner Schulzeit begegnete ich einer bekannten Gesangslehrerin aus dem ehemaligen Jugoslawien, Radmila Smijanić, die mich nach einem Vorsingen eindringlich ermutigte, Gesang zu studieren, um professionell als Sängerin zu arbeiten. So führte mein Weg nach Belgrad.
MR: Wie erlebten Sie die Studienzeit in Belgrad?
Amanda Stojović: Ich begann mein Studium in einer politisch schwierigen Zeit. Während ich mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitete, wurde Belgrad noch bombardiert. 1999, zu Beginn meines Studiums, war das Leben in dieser Stadt alles andere als einfach. Dennoch setzte ich meine Ausbildung unbeirrt fort. Ich hatte als Mitglied des Opernstudios die Möglichkeit, kleinere Partien wie Flora, Mercedes oder ähnliche Rollen zu singen. Diese Erfahrung – und besonders der Gesangsunterricht bei der Mezzosopranistin Biserka Cvekić sowie die Arbeit mit Direktor Borislav Popović – war für mich von unschätzbarem Wert. Dort habe ich gelernt, wie sich Phrasierung, Atemtechnik und Bühnenpräsenz organisch miteinander verbinden lassen. Später merkte ich jedoch, dass meine Perspektiven dort begrenzt waren, und entschied mich, mein Studium in Ljubljana (Slowenien) fortzusetzen.
Familie, Pausen und neue Herausforderungen
MR: Ich habe gestern im Publikum Ihre sehr aufgeweckte Tochter beobachtet. Auch wenn klassische Musik schön ist, gibt es sicher auch andere bedeutende Phasen im Leben einer Opernsängerin?
Amanda Stojović: Heute lebe ich in Ljubljana und habe dort auch an der Oper gesungen. Dann legte ich eine Pause ein, weil ich Mutter wurde. Ich habe einen zehnjährigen Sohn und eine fast vier Jahre alte Tochter. Die Corona-Pandemie brachte zusätzliche Herausforderungen für alle Künstler, aber sie hat mich auch gelehrt, flexibel zu bleiben.
Mir ist es wichtig, für meine Familie da zu sein, doch inzwischen bin ich beruflich wieder aktiver.
Internationale Erfahrungen und Reisen
MR: Konnten Sie internationale Erfahrungen sammeln, und gibt es zukünftige Engagements, über die wir sprechen können?
Amanda Stojović: Ich hatte regelmäßige Engagements in Maribor (Slowenien), einem exzellenten Opernhaus mit starken Regieteams und exzellenten Dirigenten. Mit diesem Ensemble gastierte ich zweimal in Japan. Diese Erfahrungen haben meine stimmliche Technik und Bühnenpräsenz enorm geschärft – vor allem im Hinblick auf die Anpassung an unterschiedliche Akustiken und kulturelle Erwartungen.
Neue Projekte stehen im Raum, aber solange keine Verträge fixiert sind, kann ich noch nicht öffentlich darüber sprechen.
Konzerte in Herceg Novi

Amanda Stojović bei ihrem Konzert im Veranstaltungszentrum Dvorana Park in Herceg Novi (Foto: Miloš Samardžić)
MR: Bitte erzählen Sie etwas über Ihr Konzert gestern in Herceg Novi.
Amanda Stojović: Die Organisation war sehr gut, unterstützt von meiner Agentur und der Stadtverwaltung. Das Publikum war herzlich, die Atmosphäre offen und lebendig. Die Akustik der Parkhalle ist jedoch anspruchsvoll; es ist kein klassischer Konzertsaal, daher muss man stimmlich sehr kontrolliert arbeiten, um nicht zu viel Druck zu geben. Wir hatten in diesem Saal nur eine einzige Probe direkt vor dem Konzert, zuvor einige Tage gemeinsames Proben in Dubrovnik. Im Sommer wiederholen wir das Programm dort.
Ich singe sehr gern in Herceg Novi – ob auf dem Platz bei der St. Hieronymus-Kirche und der Musikschule oder in der Festung Forte Mare – die Open-Air-Konzerte im Sommer haben eine magische Wirkung. Auch im Duo mit Gitarre gebe ich gerne Konzerte und habe mit diesem Repertoire auch schon CDs aufgenommen.
Mit dem Partner gemeinsam auf der Bühne
MR: Hier traten Sie gemeinsam mit Ihrem Ehemann Žiga Kasagić auf. Arbeiten Sie oft zusammen?
Amanda Stojović: Gelegentlich. Er singt dramatisches Repertoire, daher gibt es selten gemeinsame Opernproduktionen. Mit dem eigenen Partner zu arbeiten, ist dabei besonders intensiv – man hört und spürt genauer hin, achtet zugleich auf ihn und auf sich selbst. Logistisch ist es mit Kindern nicht immer einfach, gemeinsame Projekte zu organisieren, aber wenn es klappt, ist es sehr schön.
Die Opernszene auf dem Balkan
MR: Ist die Opernszene auf dem Balkan eine eigene kleine Welt?
Amanda Stojović: Teilweise ist sie stark regional geprägt, ja. Karrieren über die Landesgrenzen hinaus hängen oft von Agenturen ab. Bekannte internationale Sänger sind teuer, viele Häuser arbeiten daher mit eigenen Ensembles. In Maribor gibt es relativ viele Gäste; an anderen Häusern wird fast ausschließlich mit eigenen Ensemblemitgliedern gearbeitet.
Meine Agentin, Sandra Milankov in Wuppertal, ist eine wahre Brückenbauerin zwischen Südosteuropa und dem Westen. Sie vermittelt Künstlerinnen und Künstler aus den Balkanländern und initiiert Projekte in der Region, gleichzeitig vermittelt sie internationale Künstler auf den Balkan. Bis 2023 war sie Operndirektorin am Serbischen Nationaltheater Novi Sad (Serbien), wo sie bereits musikalische Brücken zu westeuropäischen Häusern schlug. Die verbindende Idee prägt bis heute ihre Agentur: Völker über die Oper miteinander ins Gespräch zu bringen.
Privatleben, Musik und Freizeit

Amanda Stojović und Merker-Mitarbeiter Marc Rohde genießen während des Interviews die Frühlingssonne (Foto: privat)
MR: Welche Musik hören Sie privat?
Amanda Stojović: Wenn ich mich entspannen möchte, höre ich Rockmusik, vor allem internationale Bands. Auch den österreichischen Popstar Falco liebe ich.
Auf dem Balkan gibt es eine starke regionale Musiktradition; das Publikum kennt oft jedes Wort, von Kindern bis hin zu ihren Großmüttern. Traditionelle Musik bei Hochzeiten oder Feiern hat eine besondere verbindende Kraft.
MR: Ist „Amanda“ eigentlich ein Künstlername?
Amanda Stojović: Meine Mutter wollte einen ungewöhnlichen Namen für mich, mein Bruder schlug Amanda vor, inspiriert von der in den 1980’er Jahren berühmten Sängerin Amanda Lear. Später erfuhr ich, dass Amanda „die Liebenswerte“ bedeutet, was mich sehr berührt hat.
MR: Welche Aktivitäten betreiben Sie in Ihrer Freizeit?
Amanda Stojović: Mit zwei Kindern bleibt wenig Zeit für Hobbys. Mein Mann angelt gern, wir haben ein kleines Boot hier in Montenegro. Ich selbst genieße es lieber, den Fisch zu essen, aber es macht mir Freude, auf dem Boot zu sein und dieses zu steuern. Wenn ich, wie heute hier im Gradska Kafana sitze, kann ich mir gut vorstellen, eines Tages wieder hier in Herceg Novi zu leben.
Kurzbiografie – Amanda Stojović
Amanda Stojović wurde in Herceg Novi (Montenegro) geboren und lebt heute in Slowenien. Sie studierte Gesang bei Prof. Radmila Smiljanić an der Musikakademie in Belgrad und setzte ihre Ausbildung in Ljubljana bei Prof. Vlatka Oršanić fort. Bereits während ihres Studiums war sie Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Belgrad und besuchte internationale Meisterkurse, unter anderem in Italien.
Ihr Operndebüt gab sie als Hexe in Dido and Aeneas (Purcell). Seither sang sie zahlreiche Rollen des lyrischen Mezzosopranfachs, darunter Mercedes (Carmen), Flora (La Traviata), Hänsel (Hänsel und Gretel), Niklaus (Les Contes d’Hoffmann), Charlotte (Werther) und Amneris (Aida), Cornelia (Giulio Cesare in Egitto) und Fricka (Das Rheingold). In der hierzulande kaum bekannten slowenischen Oper Zlatorog verkörperte sie die anspruchsvolle Partie der Špela. Mit dem Ensemble der Oper Maribor tourte sie durch Japan (21 Vorstellungen von Carmen) und sang dort auch mehrfach die Amneris.
Sie konzertierte mit renommierten Orchestern in Montenegro, Serbien, Slowenien, der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie und gastierte am Teatro Verdi Trieste (Italien). Sie arbeitet regelmäßig mit Egon Mihajlović sowie dem Komponisten Dušan Bogdanović zusammen. Seit 2005 bildet sie mit dem Gitarristen Daniel Cerović das Duo Amarilli (2. Preis Internationaler Gitarrenwettbewerb 2008, CD-Produktion).
Weitere Erfolge umfassen Finalteilnahmen bei internationalen Gesangswettbewerben in Italien sowie ein Stipendium der Yamaha Music Foundation of Europe (2007).
Marc Rohde im Februar 2026
FLENSBURG/ GALERIE O-39: Was ist Kunst?
Was ist Kunst?
Drei Ausstellungen in der Galerie O-39 und keine Antwort
Was ist Kunst? Ich stelle diese Frage nicht nur, wenn ich meine Bilder betrachte. Ich stelle sie mir jedes Mal, wenn ich eine Ausstellung vorbereite, einen Text schreibe oder jemanden dazu einlade, einen Moment lang innezuhalten.
Ist Kunst das große Pathos, der Marktwert, das Auktionshaus? Oder beginnt sie dort, wo jemand ohne Auftrag, ohne Honorar und ohne Garantie auf Resonanz eine Arbeit in die Welt setzt – und hofft, dass sie gesehen wird?
Meine bisherigen drei Ausstellungen in der Galerie O-39 von Torsten Schütt am Ochsenmarkt in Flensburg waren, glaube ich, genau so eine Versuchsanordnung: ein Spiel mit Bildern, mit Texten, mit Mythos und mit der Frage, wie Öffentlichkeit entsteht.
Montenegro – Sehen und Verweilen

„Montenegro“ war die Ausstellung, mit der alles begann. Auf den ersten Blick: Landschaften, Städte, Meer, Licht. Keine grelle Provokation, keine Ironie. Nur genaue Beobachtung und wenig Bildbearbeitung. Ich wollte dieses Land zeigen, so wie ich es selbst sehe: nicht als touristische Postkarte, sondern in Momenten der Ruhe, der Schönheit, der Aufmerksamkeit. Der Charme des Unvollkommenen spielte dabei eine große Rolle.
Später wurden einige dieser Bilder für ein Schulprojekt genutzt. Schülerinnen und Schüler arbeiteten mit meinen Bildern, interpretierten sie, reflektierten. Das war ein Moment, in dem mein Werk aus dem Galerieraum hinaus in ein neues Umfeld wanderte.
Vielleicht ist das ein guter Test für den Wert von Kunst: Sie endet nicht am Rahmen, sondern sie erwacht zum Leben, sobald andere sie aufnehmen.
24PicsByMarc – Kalaidoskop aus vielen Jahren meiner fotografischen Arbeit

Bei „24PicsByMarc“ ging es um Auswahl, Entscheidung und Struktur: vierundzwanzig Bilder aus unterschiedlichen Phasen meines fotografischen Schaffens bilden eine Abfolge, in der sie miteinander sprechen, einander widersprechen oder ergänzen. Auf den ersten Blick oft widersprüchliche Titel, die meist erst durch zusätzliche kurze erläuternde Texte Sinn ergeben, öffnen Interpretationsräume. Sie erzeugen einen Dialog zwischen Bild und Wort und lassen den Betrachter eigene Geschichten entwickeln.
Das Foto eines Fußes im Spitzenschuh trägt da zum Beispiel den Titel Thread – also Faden. Diesen sieht man erst bei ganz genauem Hinsehen. Erläuternd behandelt der Begleittext dazu die Frage, was Kunst eigentlich ist. „Ist es Kunst, eine Ballerina in Helsinki zum Fotoshooting zu bewegen? Ist ihr gestrecktes Bein die Kunst? Vielleicht liegt die wahre Kunst im kleinen, abstehenden Faden, den man nicht entfernt. Weil das Schöne erst lebendig wird, wenn das Unperfekte darin aufscheint – still, ehrlich und echt.“ heisst es da.
Ragnarok – was kommt nach dem Ende?

„Ragnarok“ ist die Arbeit, die alles zusammenführt. Großformatig, multimedial,Symbiose aus Text und Fotografie. Eine einsame Figur in einer Eislandschaft. Schwarzweiß. Streng komponiert. Ein vertikaler blauer Streifen durchzieht das Bild wie ein Schnitt durch Raum und Zeit.
Die Figur steht am Rand der Welt, nach dem Ende, zwischen Geschichte und Leere, zwischen dem letzten Echo göttlicher Ordnung und völliger Stille. Die Mystik, die ich hier montiert habe, ist keine religiöse Behauptung, sondern ein Spiel mit Motiven: Richard Wagners Wanderer und Caspar David Friedrichs einsamer Beobachter aus Wanderer über dem Nebelmeer inspirierten mich zu diesem Motiv.
Wenn alles verstummt – was bleibt? Vielleicht nur der Blick, vielleicht nur der Atem, vielleicht nur die Stille.
Für die Inszenierung haben wir zwei künstliche Eisblöcke von einer Hamburger Firma bekommen. Kostenlos. Manchmal entsteht Kunst durch kleine Wunder, die man bei der Konzeption gar nicht mit eingeplant hat.
Spiel mit den Medien als Teil der Kunst
Auch das Spiel mit den Medien ist Teil der Arbeit: Pressetexte erschienen in insgesamt drei Sprachen in lokalen Zeitungen, Blogs und internationalen Nachrichten-Portalen. Sie wurden veröffentlicht, gelesen, diskutiert – und erweitern so die Wirkung der Fotografien vom Bild in den Diskurs. Einiges wird wortwörtlich übernommen, anderes frei interpretiert oder von Dritten weiterentwickelt. Außerhalb meiner Kontrolle beginnt meine Kunst auf diese Weise tatsächlich zu leben.
Bad Art oder besser gar keine Kunst?
„Bad art is a great deal worse than no art at all.“ sagte einst Oscar Wilde.
Es ist ein Satz, der mich begleitet. Er ist grausam, und er ist ehrlich. Ich verdiene kein Geld mit meinen Arbeiten. Keine Verkäufe, keine Förderungen, kein Honorar. Im Gegenteil. Jede Präsentation kostet und es hätte immer irgendwie noch besser geworden sein können. Jede Präsentation ist eine Momentaufnahme des Bestmöglichen – und zugleich Ansporn für das nächste Projekt. Gerade habe ich eine gesellschaftskritische Weihnachtsausstellung konzipiert, aber leider ist „meine Stammgalerie“ in der infrage kommenden Periode bereits belegt.
Ist meine Kunst überhaupt etwas wert? Wenn man nach Marktwährung geht: vermutlich nicht. Aber Kunst misst sich nicht nur am Preis. Sie misst sich an dem, was sie auslöst. Wenn Schüler mit meinen Montenegro-Bildern arbeiten. Wenn ein Betrachter in der Hektik seines Alltags innehält, wenn eine Zeitung meine Worte abdruckt. Wenn jemand gar den Galeristen anruft, um sich über das Gesehene auszutauschen.
Vielleicht ist genau das ihr Wert. Vielleicht liegt er darin, dass sie entsteht, auch wenn niemand dafür bezahlt. Dass sie spricht, auch wenn sie leise ist.
Marc Rohde im Februar 2026
Die klangvolle Reise von HARISH SHANKAR
Wer Harish Shankar in seiner Wohnung in der Flensburger Altstadt besucht, begegnet keinem distanzierten Generalmusikdirektor, sondern einem Gastgeber, der die Welt in seinem Teeglas mit an den Tisch bringt. Schon seine Frage, wie es mir gehe, klingt nicht wie eine Höflichkeitsfloskel. Sein aufmerksames Zuhören lässt die förmliche Distanz, die sein altehrwürdiger Titel vermuten ließe, sofort schmelzen – ich fühlte mich ermutigt, persönliche Gedanken zu teilen, und seine Aufmerksamkeit löste in mir eine spürbare Entspannung aus. Wir sind schnell beim „Du“.

Harish Shankar dirigiert das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester (Foto: Henrik Matzen)
Der Dampf, der vom Tee aufsteigt, erfüllt den Raum wie eine leise Einladung: hier darf man innehalten, zuhören, wahrnehmen. Harish ist ein Sammler von Orten und Klängen. Geboren in Malaysia, aufgewachsen zwischen den Palmen seiner Heimat und den weiten Landschaften Neuseelands, führt seine Lebensreise wie eine verschlungene Partitur durch die Kontinente. Ob ein prägendes Studienjahr in Deutschland, eine erste feste Stelle in den Höhen von Peru oder ein Masterstudium im geschichtsträchtigen Weimar – Shankar hat überall Eindrücke aufgesogen. Über Stationen als „Junior Fellow of Conducting“ in Großbritannien, als Hausdirigent des Malaysian Philharmonie Orchestra und Positionen als Chordirektor oder Erster Kapellmeister an verschiedenen deutschen Opernhäusern hat ihn sein Weg nun in den hohen Norden geführt. Seit August 2024 hält er am Schleswig-Holsteinischen Landestheater den Taktstock in der Hand. Ein Nomade, der angekommen ist, ohne seine Wanderlust zu verlieren.
Tempelklänge und Schicksalsschläge: Die Geburtsstunde einer Berufung
Musik begleitete ihn von früh an. Wenn Harish von seiner Kindheit erzählt, hört man förmlich den Klang der Instrumente im Tempel. In einer streng religiösen Familie, in der dieser spirituelle Ort das Leben bestimmte, gehörten Gesang, Tanz und kleine Aufführungen zu jedem Gottesdienst. Musik durchdrang die Atmosphäre, sie war kein isoliertes Ereignis. Auch zuhause musizierte die Familie leidenschaftlich, ausschließlich innerhalb der indischen Tradition, obwohl kein Mitglied professionell ausgebildet war.
Shankar verfolgte früh zwei Wege gleichzeitig: Unterricht im indischen Gesang und Klavierunterricht, angeregt durch einen Schulfreund. Nach drei Jahren brach er den Gesangsunterricht ab – eine Entscheidung, die er heute bedauert. Die indische Musik prägte ihn jedoch weiterhin. Vor allem die karnatische Tradition Südindiens blieb ihm vertraut: „Sie ist mir im Ohr, im Körper, im musikalischen Gedächtnis präsent“, gesteht er, „auch wenn ich in der Theorie unsicher bin und Ragas nur selten eindeutig benennen kann.“
In Malaysia erlebte er Musik ohne strikte Trennung zwischen E- und U-Musik. Klavierspiel bedeutete dort nicht nur Beethoven, sondern auch Jazz, Pop oder Musical. Sein Kinderchor brachte jährlich ein Musical auf die Bühne, was seine Liebe zum Musiktheater festigte.
Ein Schlüsselmoment ereignete sich bei der Aufführung von Carmina Burana mit rund 300 Mitwirkenden. Als das erste ‚O Fortuna‘ wie ein donnernder Schicksalsschlag den Raum erschütterte, löste die pure Klanggewalt ein Beben in ihm aus. Unter dem Dirigat des charismatischen Roland Peelman wurde aus diesem Schauer die Gewissheit: Harish musste Musiker werden – und schließlich selbst ans Pult. Das intensive Zusammenspiel im Jugendorchester ergänzte das zuvor eher solistische Klavierspiel. Rückblickend vereinten sich in dieser Phase mehrere Impulse: die Kraft der Komposition, das gemeinsame Musizieren und die Begegnung mit dem Dirigenten.
Heimat im Gepäck: Die Freiheit der ständigen Bewegung
Auf die Frage, wo er sich zu Hause fühle, antwortet Shankar: „Überall und nirgendwo. Ich bin Nomade und werde es immer bleiben.“
Seine Kindheit war von ständiger Mobilität geprägt. Die Eltern reisten aus Neugier und Lust, nicht aus beruflicher Notwendigkeit. Der Vater arbeitete als Buchhalter, die Mutter als Englischlehrerin – Berufe, die überall ausgeübt werden konnten. Für ihn war die Mobilität kein Einschnitt, sondern ein Gewinn: „Ich liebte es, früh so viel von der Welt zu sehen.“
Wichtiger als einzelne Orte waren die ständigen Reisen. Häufige Ortswechsel ließen Harish ganz selbstverständlich mit neuen Ländern und Kulturen umgehen. Diese Offenheit prägte nicht nur seine Kindheit, sondern auch seine berufliche Flexibilität. Als Dirigent ist Beweglichkeit eine Grundvoraussetzungen des Berufs: „Ich kann mich auf neue Situationen einstellen, ohne mich ständig neu erfinden zu müssen.“
Geduldsfäden und Geschmacksexplosionen
Shankar kocht leidenschaftlich, doch er pflegt noch ein weiteres, überraschendes Hobby: „Stricken! Man könnte mich als Profi-Oma bezeichnen.“ Im Gegensatz zum Kochen, das ihn in einen Flow versetzt, wirkt Stricken meditativer. Dieselbe Bewegung tausendfach auszuführen, beruhigt und schafft etwas Bleibendes. „Gerade als Musiker, dessen Kunst im Moment vergeht, ist dieses Resultat besonders wertvoll.“ Während seine Hände am Pult des Landestheaters komplexe Partituren bändigen, formen sie in der Freizeit aus loser Wolle feste Maschen. Hier die flüchtige Note, dort das beständige Gewebe.
Beim Kochen treibt ihn ein missionarischer Impuls an. Malaysia sieht er als „blinden Fleck“ im internationalen Tourismus – teurer als Thailand, nicht so sauber wie Singapur, weniger exotisch als Indonesien. Gerade darin erkennt er die Besonderheit. Der Slogan „Malaysia Truly Asia“ treffe zu, sagt er, weil das Land „irgendwie ganz Asien“ in sich vereine und kulturell außergewöhnlich reich sei. Diese Vielfalt spiegelt sich vor allem in der Küche wider, die er als herausragend empfindet – ein Genuss, den er am liebsten „von den höchsten Gipfeln“ verkünden würde.
Mehr über seine Kochkünste erfahren wir in diesem Beitrag des Norddeutschen Rundfunks. oder im Bericht des Schleswig-Holstein Magazins. (bis 26.10.2026 online)
Volle Säle und neue Konzertformate
Für Shankar ist es ein Herzensanliegen, mehr Publikum zu gewinnen. Er arbeitet an Projekten, die neue Zugänge zur klassischen Musik eröffnen und die Grenzen zwischen E- und U-Musik aufheben.
Ein zentrales Projekt ist die Großproduktion des Liverpool Oratorio von Paul McCartney am 16. Juni 2026 in der Holstenhalle Neumünster, bei der rund 500 Chorsängerinnen und -sänger mitwirken werden. Ausgangspunkt war eine kleine Anfrage eines Männerchors, die sich schnell zu einem landesweiten Chorprojekt entwickelte. Für Shankar zählt weniger der Name des Prominenten Komponisten als die Wirkung des gemeinsamen Singens: „Ich möchte dem Publikum ein Ereignis ermöglichen, von dem man jahrelang zehrt.“
Weitere Kooperationen umfassen ein Weihnachtskonzert mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival im Dezember 2026 und eine Zusammenarbeit mit folkBALTICA im Mai 2027, um neue Publikumsschichten zu erreichen. Sein Leitgedanke lautet: Kooperation statt Konkurrenz. Gemeinsam entsteht etwas, „das mehr ist als die Summe der Einzelteile.“
Zudem plant er eine Konzertreihe in Flensburger Kirchen anlässlich des 500. Jubiläums der ersten reformatorischen Predigt, um abermals neue Zugänge, insbesondere auch für den sinfonischen Zyklus seines Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters, zu eröffnen.
Gegen das Diktat der Eile
Shankar beobachtet, dass Netflix, Smartphones und kurze Formate in Social Media Reels die Aufmerksamkeit verändern: „Die Fähigkeit zur Langsamkeit geht verloren. Das betrifft nicht nur klassische Orchester, sondern die gesamte Kulturlandschaft.“ Pop-Songs wie die von Taylor Swift, die er im übrigen großartig findet. funktionieren, weil sie in drei Minuten konsumierbar sind; eine Sinfonie verlangt eine völlig andere Konzentration.
Er fragt: „Wollen wir hinnehmen, dass Kinder diese Fähigkeit verlieren, oder wollen wir bewusst dagegenhalten?“ Musik schenkt etwas, „was Worte nicht leisten. Sie hält uns einen Spiegel vor und ermöglicht emotionale Tiefe, wo Worte nicht mehr weiterkommen.“ Swiftie zu sein und Schostakowitsch zu lieben schließt sich also keinesfalls aus.

Foto: Henrik Matzen
Rückenwind für unkonventionelle Töne
Shankar gestaltet künstlerische Programme mit großer Begeisterung. Doch ist die Aufgabe komplex – viele Parameter sind dabei zu beachten. Gerade diese Komplexität schreckt ihn nicht – im Gegenteil, er freut sich besonders über die ihm anvertraute künstlerische Planung. Darauf hat er sich von Anfang an in seiner Rolle als Generalmusikdirektor gefreut. Ein zentraler Faktor ist die Rückendeckung der Generalintendantin Dr. Ute Lemm, die ihm außergewöhnlich viel Spielraum gibt. Dieses Vertrauen empfindet er als besonders wertvoll, gerade angesichts der Programme, die er bewusst unkonventionell und jenseits etablierter Kategorien entwickelt. Seine Arbeit entspringt, wie er sagt, „der Feder eines Menschen, der die Grenze zwischen E- und U-Musik für nichtig erklärt hat“. Programme wie Guldas Cellokonzert wären sonst kaum denkbar.
Heilung durch Erkenntnis: Der Dirigent als Mensch unter Menschen
Krisen spricht er offen an, wobei die persönlichen nicht Bestandteil dieser journalistischen Arbeit sein sollen. Auch beruflich lief nicht immer alles glatt, doch schwierige Zeiten erwiesen sich als lehrreich. Dabei reflektiert er Machtstrukturen in Orchestern: „Ein Orchester kann sehr unmenschlich sein.“ Er erkannte, dass ein Orchester aus Individuen besteht – mit ganz eigenen Sorgen, Abhängigkeiten und Ängsten. „Es gibt doch nicht das Orchester als Einheit.“ Diese Einsicht trug wesentlich zu seiner persönlichen Heilung bei.
Sinnsuche statt Karriereleiter
Auf die Frage nach persönlichen Karrierezielen reagiert er distanziert zum klassischen Zielbegriff: „Das klingt sehr zielgerichtet – und das bin ich nicht.“ Konkrete Karrierepläne habe er nicht. Er wache nicht mit dem Wunsch auf, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu werden, würde aber bei einem entsprechenden Anruf „sicher darüber nachdenken.“
Stattdessen treibt ihn ein inneres Gefühl von Verantwortung: „Ich spüre einen Auftrag“, den Wunsch, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen und mit seiner Arbeit etwas mitzugestalten. Für ihn zählt weniger äußerer Erfolg als die Sinnhaftigkeit seines Tuns. „Ich möchte jederzeit das Gefühl haben, dass das, was ich tue, Bedeutung hat.“
Sein Selbstbild lässt Raum für Entwicklungen jenseits klarer Karrierepfade. Eine berufliche Zukunft in der Gastronomie oder in der Politik erscheint ihm nicht abwegig. Gleichzeitig kann er sich vorstellen, auch im hohen Alter noch zu dirigieren: „Wenn ich auch noch mit 70 dirigiere, kann ich mir vorstellen, dass ich trotzdem glücklich bin.“
Keine Kunst ohne das große Geheimnis
Shankar bezeichnet sich als gläubig: „Ich komme aus einer sehr gläubigen hinduistischen Familie, und obwohl ich den Glauben als Kind abgelegt hatte, spielt er heute eine große Rolle.“ Für ihn ist klar: „Man kann kein Künstler sein, ohne irgendwann das große Geheimnis zu berühren.“ Musik verlangt einen Bezug zu einem tieferen Mysterium; ohne diesen wirkt sie „fast schon wie Buchhaltung und ist keine Kunst mehr.“
Frischer Wind für alte Meister
Anlässlich der Produktion Ball im Savoy, die im Februar 2026 in Flensburg Premiere hatte, sagt Shankar über den Komponisten Paul Abraham: „genial“. Besonders beeindruckt ihn Abrahams Flexibilität. Sie lädt dazu ein, ein Werk immer wieder neu zu entdecken und bestehende Formen zu hinterfragen. Alte Stücke behandelt der Flensburger GMD nicht museal, sondern erfindet sie neu – ein zentraler Ansatz, der das Theater für ihn relevant macht.
Grenzlose Inspiration: Warum Flensburg der ideale Ort ist
Die Lage Flensburgs inspiriert Shankar. Erst hier, an der Grenze zu Dänemark, entdeckte er die Musik von Rued Langgaard. Er erlebt Flensburg als einen Ort, der anderen Kulturen und insbesondere dem skandinavisch-baltischen Raum „die Hand ausstreckt“. Diese Metapher spiegelt seine Tätigkeit wider: Er möchte nicht nur ein „Epizentrum von einem“ sein, sondern durch Vernetzung und das Überwinden von Grenzen wirken.
Dramaturgie und Dialog
Die dramaturgische Erzählung ist für Shankar die Essenz seiner Arbeit: „Genauso wie Gerichte besser oder schlechter zueinander passen, können Musikstücke komplementär oder widerborstig sein.“ Insbesondere der Dialog zwischen Alt und Neu eröffnet neue Perspektiven.
Sein Orchester schätzt er besonders für dessen Anpassungsfähigkeit: „Ich finde es schön, dass unser Orchester so flexibel ist und alle Mitglieder aufeinander hören – das ist keinesfalls selbstverständlich und zeichnet ein gutes Orchester aus.“
Harish ermutigt Orchestermitglieder, eigene Vorschläge einzubringen, und so hat sich in Anfang des Jahres ein kleines künstlerisches Gremium innerhalb des Orchesters zusammengefunden: „Mehr Köpfe, die gemeinsam planen, sind einfach besser.“ Zwar trägt er die letzte Verantwortung dafür, was am Ende auf das „musikalische Menü“ kommt, doch sein Führungsstil ist einer des Dialogs. Er schließt mit einem Gedanken der Sopranistin Jessye Norman: „Ein guter Dirigent weiß, wann man führt und wann man folgt. Ich lerne.“
Nach eineinhalb Stunden in der großzügigen Wohnküche des kosmopolitischen Dirigenten endet unser Gespräch. Während draußen die Flensburger Förde in der Wintersonne glitzert, kehrt Harish Shankar in seine Routine zurück: E-Mails beantworten, anschließend zur Probe für Ball im Savoy ins nahe gelegene Theater. Doch sein Kompass zeigt bereits wieder in die Ferne: Wenige Tage nach unserem Treffen wird er in London am Pult stehen. Ein Nomade, der die Welt bereist, um ihre Klänge nach Flensburg zu bringen.
Weitere Informationen über Harish gibt es auf seiner Webseite und auf der des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters.
Marc Rohde im Februar 2026
FRANKFURT/ Gallus Theater: LUCKY TRIMMER #29
Frankfurt am Main/ Gallus Theater
LUCKY TRIMMER #29
Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz
Besuchte Aufführung am 25.4.2025

Die Künstler beim Schlussapplaus (Foto: Marc Rohde)
Das Berliner LUCKY TRIMMER Festival, berühmt für seine maximal zehnminütigen Tanz- und Performanceformate, feierte im April 2025 im Gallus Theater Frankfurt eine spannende Premiere: Erstmals zog die Festivalcrew mit ihrem bunten Programm aus Tanz und Performance außerhalb der Hauptstadt weiter. Das Ziel: neue Bühnen, neue Begegnungen – und ein noch breiteres Publikum für ihre leidenschaftlichen Miniaturen. Eine „Tanzbrücke“ zwischen der Stadt an der Spree und der Stadt am Main soll laut dem neuen Künstlerischen Leiter Raffaele Irace sogar etabliert werden.
Schon zu Beginn des Premierenabends zeigt sich der experimentelle Geist: In CTRL+Z von Miila Kaarina steckt die Performerin ihren Kopf in einen roten Eimer – ein stilles Bild von Enge und der Sehnsucht nach Befreiung. Zwischen weiteren Eimern entfaltet sich ein intensives Solo über die Fragilität von Erinnerungen und den Wunsch, Vergangenes ungeschehen zu machen. In minimalistischer Szene und mit viel körperlicher Präzision zeichnet die Niederländerin Miila Kaarina eine poetische Landkarte zwischen Festhalten und Loslassen. Leider blieben den nicht in der ersten Reihe sitzenden Zuschauern bei der flachen Zuschauertribüne im Gallus Theater einige der auf dem Bühnenboden stattfindenden Aktivitäten verborgen.
Düster und zynisch geht es mit Beast without Beauty von Carlo Massari weiter. Zwei Performer – Carlo Massari und Emanuele Rosa – liefern sich ein absurd-komisches Duell, in dem Schönheit zur bloßen Fassade verkommt. Inspiriert vom absurden Theater Samuel Becketts und durchzogen von makabren Anspielungen, etwa auf Adolf Hitler, der hier homoerotische Gelüste ausleben darf, schafft Massari eine existenzialistische Farce über Machtspiele, Gewalt und soziale Masken, bei der Kälte und Groteske Hand in Hand gehen. Bei Beethovens Freude schöner Götterfunken scheppern dazu die Lautsprecher.
Ganz auf die Kraft der eigenen Stimme und Bewegung setzt Avshalom Latucha in Give It To Me. Angelehnt an Tina Turners legendären ‚Proud Mary‘-Monolog zelebriert Latucha in seinem Solo die Suche nach uneingeschränkter Selbstentfaltung. Kraftvoll und verletzlich zugleich tanzt er gegen innere und äußere Erwartungen an, während Musik und Körper zu einer einzigen, drängenden Energie verschmelzen.
Nach der Pause begeistert The Coppelia Project von Caterina Mochi Sismondi mit einer außergewöhnlichen Verbindung von Tanz, Kontorsion und „Hairhanging“. Elisa Mutto interpretiert die mechanische Puppe Coppélia als Symbol weiblicher Selbstfindung zwischen äußerer Kontrolle und innerer Freiheit. Rigging-Experte Michelangelo Merlanti ermöglicht die spektakuläre Technik der Haarsuspension als souverän agierender Partner. Die Komponistin und Musikerin Bea Zanin hat die Originalthemen aus Coppélia aufgenommen und sie mit modernen elektronischen Klängen und live Violoncello kombiniert.
Sehr feinfühlig dann das Duett As Far As You Go von Aleksandra Krutikova und Johannes Walter: Zwei Körper suchen Nähe, stoßen sich ab, finden sich wieder. In minimalistischer Choreografie, voller Spannung und Hingabe, wird Einsamkeit genauso spürbar wie der Trost, den man im Anderen finden kann – ohne Worte, nur durch präzise, berührende Bewegung. Sanfte Klangflächen treiben wie Nebel durch einen offenen Raum. Leise Vibrationen flüstern von Fernweh und innerer Suche. Die Musik atmet, schwebt – und lässt auch die Stille mitschwingen.
Mit einer mutigen Auseinandersetzung endet der Abend: NO I’M NOT von Panos Malactos ist ein kraftvolles Statement über Machtmissbrauch und psychische Belastung im Tanzbetrieb. Melina Sofocleous, Styliana Apostolou und Natalia Vagena verkörpern den inneren Kampf, zwischen äußerer Perfektion und innerer Zerbrechlichkeit zu bestehen. Malactos‘ Choreografie schont weder sich noch sein Publikum – ein wichtiger, intensiver Abschluss, der die Schattenseiten des künstlerischen Traums sichtbar macht. Eine düstere, elektronische Klanglandschaft, durchzogen von verzerrten Beats und bedrückender Stille, sowie der Einsatz von grellen Lichteffekten verstärken den Ausdruck der inneren Zerrissenheit und des emotionalen Drucks der Tänzerinnen.
LUCKY TRIMMER #29 in Frankfurt bewies eindrucksvoll, wie viel Kraft, Vielfalt und Tiefgang in einer zehn minütigen Darbietung stecken können. Mutig, zärtlich, grotesk und politisch – ein Abend, der noch lange nachhallt und Lust auf die Neuauflage im kommenden Jahr macht.
Marc Rohde
FRANKFURT/ Engelsburg: HOW TO DATE A FEMINIST
Frankfurt am Main/ Theater in der Engelsburg
HOW TO DATE A FEMINIST
Komödie von Samantha Ellis
Besuchte Aufführung am 24.4.2025

Die Protagonisten beim Schlussapplaus (Foto: Marc Rohde)
Erst zwei Jahre ist es her, dass das Frankfurter Fritz Remond Theater im Zoo nach 76 Jahren für immer seine Türen schloss. Nicht zuletzt aus nostalgischen Gründen habe ich dort die letzte aufgeführte Produktion ‚Dinge, die ich sicher weiß‘ mit wehmütigem Herzen besucht.
Nun haben sich ehemalige Mitarbeiter des Remond Theaters zusammengeschlossen und im einwohnerreichen, aber mit Theatern nicht gerade gesegneten Frankfurter Westen, genauer gesagt im Stadtteil Sindlingen, eine neue Spielstätte eröffnet.
Dabei wurde ein im Stile des Brutalismus Anfang der 1960er-Jahre errichtetes Veranstaltungszentrum wiederbelebt und vor wenigen Tagen mit der Premiere der Komödie ‚How to Date a Feminist‘ als Theater eingeweiht.
Allein die Architektur ist sehenswert, wenn es auch an plüschiger Theatergemütlichkeit erheblich mangelt. Auch die Publikumsströme dürfen gerne noch wachsen, denn hier wird richtig gutes Theater präsentiert und die scheinbare Randlage ist, da sie in unmittelbarer Nähe zur S-Bahnstation liegt, in wenigen Minuten aus der Innenstadt zu erreichen. Aber auch Mainz und Wiesbaden sind nicht weit, sodass das Potenzial immens erscheint und der 470 Menschen fassende Zuschauerraum gerne an seine Belastungsgrenze kommen darf.

Der neue alte Theatersaal in Frankfurt Sindlingen (Foto: Marc Rohde)
IANA SALENKO
Gerade erst aus Maribor zurück, nur kurz zu Hause, dann schon wieder im Training: Der Terminkalender von Iana Salenko lässt kaum Pausen zu. Trotzdem nimmt sich die Berliner Kammertänzerin kurz vor ihrem Auftritt als Odette/Odile Zeit für ein Gespräch. Mit der Bühnenprobe vor ihren beiden gefeierten Auftritten in Slowenien ist es heute bereits der vierte Abend in Folge, an dem sie diese Paraderolle verkörpert.

Schwanensee mit psychologischem Tiefgang
Patrice Barts Inszenierung am Staatsballett Berlin zeichnet sich durch eine psychologisch vertiefte Interpretation der Charaktere aus. Besonders bemerkenswert ist die Darstellung der Königin, Siegfrieds Mutter, die als manipulative Figur dargestellt wird, welche die Geschicke ihres Sohnes lenkt und ihn bewusst in den Untergang treibt. Diese Interpretation verleiht der Handlung eine zusätzliche emotionale Tiefe und unterscheidet sich von traditionellen Aufführungen. Darüber hinaus hat Bart die Rollen von Benno, Siegfrieds Freund, und Rotbart, dem Premierminister, tänzerisch aufgewertet und ihnen neue Facetten verliehen. Diese Produktion ist seit 1997 fester Bestandteil des Repertoires des Staatsballetts Berlin.
Einspringen aus Leidenschaft
Krankheits- und verletzungsbedingt gab es einige Umbesetzungen in letzter Minute und auch Iana hätte ursprünglich an diesem Sonntag frei haben sollen, anstatt hier mit mir zu sitzen. Als ‚Principle Guest‘ der Kompagnie kennt sie ihre Termine mindestens ein Jahr im Voraus und kann Gastengagements entsprechend planen. Trotzdem wollte sie Publikum und Kollegen heute nicht hängen lassen und übernahm diese zusätzliche Verpflichtung gern.
Odette/Odile im Wandel der Zeit
„Als Schwan empfinde ich die Rolle überall gleich, auch wenn die Inszenierungen und die Choreographien sich unterscheiden“, verrät sie mir. „Mit den Jahren der Erfahrung insbesondere auch mit anderen Stücken, aus denen ich jedes Mal eine Kleinigkeit mitnehme, verändert sich auch meine Interpretation als Schwan kontinuierlich. Heute empfinde ich ganz andere Emotionen bei der Verkörperung von Odette/Odile als zu Beginn meiner Karriere. Auch meine Technik ist eine andere als in meinen frühen Interpretationen vor etwa fünfzehn Jahren. Nicht zuletzt die Geburt meiner Kinder hat mich stärker gemacht – sie lässt mich auch jeden Moment auf der Bühne stärker genießen.“

Ballett für den guten Zweck
Am 4. Mai wird erneut die Ballettgala ‚Ballet for Life by Iana Salenko‘ im Admiralspalast stattfinden. Im Jahr 2022, nur wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, riefen Iana Salenko und Oleksandr Shpak die erste Benefizveranstaltung unter dem Titel ‚Ballet for Life‘ ins Leben. Sowohl diese Gala als auch die Folgeveranstaltung im Jahr 2023 zeigten eindrucksvoll die Solidarität der internationalen Tanzszene mit der ukrainischen Bevölkerung.
Die künstlerische Leitung der Gala-Reihe liegt bei dem Choreographen und Tänzer Arshak Ghalumyan sowie der Tanzdramaturgin Nicole Kohlmann. Zahlreiche Tänzerinnen und Tänzer bedeutender europäischer Compagnien – darunter das English National Ballet, das Royal Swedish Ballet, das Royal Ballet in London sowie Het Nationale Ballet aus Amsterdam – haben ihre Teilnahme zugesagt. Iana Salenko wird höchstpersönlich eine neue Choreographie von Arshak Ghalumyan präsentieren. Die Eintrittspreise sind bewusst niedrig gehalten und alle Besucher werden gebeten über diesen Link eine Spende abzugeben, die zur Unterstützung kriegsverletzter Kinder in der Ukraine verwendet wird. „Im Jahr 2022 hatte ich das große Bedürfnis, auf diesem Wege etwas Hilfe zu leisten und habe die Gala damals fast ganz alleine auf die Beine gestellt. Inzwischen gibt es mehrere Leute, die sich um die Organisation kümmern und ich kann dieses Event jetzt entspannter angehen.“
Zwischen Unterricht und Inspiration
Iana bietet Online-Masterclasses an. Für wen sind diese Angebote gedacht? „Im Prinzip für jede Tänzerin, ganz egal ob Laie oder Profi. Heute gibt es für alles Online-Angebote und wenn ich im Haus etwas zu reparieren habe, suche ich auch nach Tutorials, die mir helfen. Durch die Dance Masterclasses können alle Interessierten ihren Lieblingskünstlern sehr nahe kommen und Tipps und Tricks von ihnen erfahren, auch wenn Sie sehr weit entfernt leben. Eine vollständige Ausbildung können diese Angebote nicht ersetzen, aber sie sind ein Baustein dazu. Manchmal gebe ich auch Masterclasses im Präsenzunterricht. Mich vor so vielen Menschen in einem Vortrag emotional zu öffnen, kostet mich aber viel Kraft und ich mache das nicht oft. Viel lieber wäre mir 1-1 Unterricht, bei dem ich nicht nur Ballett unterrichte, sondern die Person auch coache und mental unterstütze. Im Moment habe ich keine Zeit für so etwas, aber das wäre ein mögliches Projekt für die Zukunft.“

Alltag mit starken Männern
Du lebst mit Deinem Mann und Euren drei Söhnen zusammen. Fällt es Dir leicht, Dich in diesem Männerhaushalt durchzusetzen? „Ich bin mit vier Brüdern aufgewachsen und verstehe mich in der Regel besser mit Männern als mit Frauen. Insofern passt das sehr gut. Mit unserem ersten Sohn war alles noch ganz einfach und er war sehr pflegeleicht, aber jetzt, mit drei Kindern muss ich auch schon mal lauter werden, um mich durchzusetzen.“ berichtet sie aus ihrem Familienalltag.
Bühne und Bildschirm
Ist Social Media wichtig in Deiner Karriere? „Ich finde ja, weil ich mit den Online-Masterclasses Geld verdiene. Das ist ähnlich wie bei einem Influencer. Dank Social Media können die Leute heute ihren Stars auch näher sein und auf diesem Wege Kontakt mit ihren Idolen aufnehmen. Das hätte ich früher auch gerne gehabt. Ich war schon Solistin, bevor Social Media aufkam, also habe ich nicht deswegen Karriere gemacht.“ Oft stößt man im Internet auf Fake-Beiträge. „Ich habe schon oft gut inszenierte Tanzvideos auf Instagram gesehen und wenn man die Person dann real vor sich hat, kommt da gar nichts rüber. Vieles im Netz ist unecht und ich probiere mich immer locker und natürlich zu zeigen. Da darf man auch sehen, dass ich nicht perfekt bin, sondern mir auch mal was misslingt. Auch Stürze sind in meinen Masterclass-Videos zu sehen und, dass ich darüber lachen kann. Auf der Bühne strebe ich natürlich immer nach Perfektion, aber Social Media zeigt eben eine andere Seite von mir.“ Auf diese Weise kann Iana einem großen Publikum – allein auf Instagram hat sie zurzeit etwa 345.000 Follower – zeigen, dass man mit dem nötigen Mindset und harter Arbeit auch trotz ihrer eher geringen Körpergröße von 1,58 Metern und nicht sehr langen Beinen bis an die Spitze tanzen kann. „Man kann alles erreichen und dies möchte ich den Leuten auf diesem Wege in Erinnerung rufen.“
Noch nicht am Ziel
Ich habe den Eindruck, dass die charismatische Ballerina aus Kiew schon alles erreicht hat, was eine Tänzerin überhaupt erreichen kann. Tatsächlich gibt es neben der Verkörperung von weiteren Traumrollen wie Manon oder Die Kameliendame, bei der sie ihre ganze darstellerische Raffinesse einsetzen könnte noch einen weiteren unerfüllten Traum: „Ein wirklicher Traum ist es, dass ein Choreograph ein ganzes Ballett nur für mich choreographiert. Das wäre die Krönung meiner Karriere.“
Ehrungen sind nicht alles
Du hast unzählige Preise gewonnen und im vergangenen Jahr den Titel Kammertänzerin verliehen bekommen. Was bedeuten Dir alle diese Ehrungen? „Am Anfang meiner Karriere waren die Preise sehr wichtig. Sie haben mir geholfen, stark zu sein und gaben mir Bestätigung. Aus heutiger Sicht haben Titel und Preise nicht mehr so eine große Relevanz. Kommt etwas, okay. Kommt nichts, kann ich auch damit leben. Vor einem Jahr wurde ich mit dem Titel Kammertänzerin geehrt. Dies ist eine große Ehre und ich habe mich selbstverständlich darüber gefreut, aber der Titel hat mein Leben nicht verändert. Ich lebe jetzt und was in der Vergangenheit war, ist vorbei. Ehrungen werden ja immer für etwas verliehen, was bereits gewesen ist.“
Tanzen bis 50 – und vielleicht darüber hinaus
Es heisst oft, für Tänzer sei mit spätestens 40 Jahren Schluss. Du wirst in diesem Jahr 42 und hast vor einiger Zeit gesagt, Du willst bis 50 tanzen. Wie ist dies möglich? „Mein Plan ist tatsächlich so lange zu tanzen, wie es irgend geht und da betrachte ich das Alter von 50 Jahren als einen realistischen Horizont. Tatsächlich bin ich offen für alles, was kommt, aber aktuell habe ich den Willen, bis zu diesem Alter zu tanzen und ich werde hart dafür kämpfen.“
Federleicht und aus der Spur
Bei aller Disziplin und dem Streben nach Perfektion ist der Bühnenalltag aber oft auch von lustigen Anekdoten geprägt. „Jeder Tag ist ein neuer Tag. Perfekt bin ich nie, aber ich gebe alles dafür, dass die Zuschauer dies während meiner Interpretation nicht bemerken. Auch jetzt noch versuche ich, jeden Tag besser zu werden und es wird immer noch ein bisschen Luft nach oben geben. Wir sind Künstler und keine Maschinen. Heute bin ich zum Beispiel gerade erst aus Maribor gekommen und habe kaum geschlafen. Man fühlt sich jeden Tag anders und auch wenn ich viel Mal hintereinander die gleiche Rolle tanze, ist das Ergebnis jedes Mal ein anderes.“ Das Lustigste, das Iana Salenko auf der Bühne passiert ist? „Im Schwanensee hatte der Prinz vor zwei Tagen eine etwa 20 Zentimeter lange Feder am Ärmel. Ich kam zu ihm und machte ihn drauf aufmerksam, aber er konnte sie sich selbst nicht entfernen. Dann kam ich als Schwan zu ihm und zog sie raus, ich tanzte mit der Feder in der Hand und warf diese schließlich auf den Boden. Da hatte das Publikum was zu lachen.“ Es ist auch schon vorgekommen, dass Iana und ihr Partner einen falschen Weg gelaufen sind. Das ganze Corps de Ballet sollte in dieser Szene folgen und tat dies auch. „Da haben wir ein ziemliches Chaos auf der Bühne produziert.“ erzählt sie lachend.
Rituale vor dem großen Moment
Schließlich möchte ich noch wissen, wie die zwei Stunden zwischen unserem Interview und dem Beginn der Vorstellung aussehen werden. „Trainiert habe ich schon. Ich gehe in die Maske und bekomme dort mein Make-Up und meine Haare werden gemacht. Anschließend gehe ich auf die Bühne und probiere verschiedene Spitzenschuhe aus. Der Boden in dieser Produktion ist speziell und ich muss die Schuhe finden, die optimal dazu passen. Ich habe fünf Paare dabei, davon werde ich zwei Paare während der Vorstellung benutzen. Dann konzentriere ich mich natürlich noch auf die Vorstellung, um den Zuschauern einen möglichst perfekten Abend präsentieren zu können.“
So kam es denn auch: eine mitreißende, hoch emotionale Vorstellung, der man das Arbeitspensum ihrer Hauptdarstellerin nicht anmerkte. Vielen Dank für das Gespräch – und für diesen berührenden Abend.
Fotos: Iana Salenko und Martin ten Kortenaar
© Serghei Gherciu
Text: Marc Rohde im April 2025
BERLIN/ GRIPS Theater: Linie 1
LINIE 1 – Musikalische Revue von Volker Ludwig / Musik: Birger Heymann
GRIPS Theater Berlin
Vorstellung am 5.4.2025
Es war mein erster Besuch im GRIPS Theater – und gleichzeitig erst mein sechster Kontakt mit dem Stück Linie 1. Seit Ende der 80er-Jahre hatte ich es nicht mehr gesehen. Damals war es die westdeutsche Erstaufführung am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, die mir den Zugang zum Theater überhaupt erst ermöglicht und meine Liebe dafür entfacht hat. Rainer Bock und Axel Prahl gehörten seinerzeit zum Ensemble – ihre Interpretationen habe ich bis heute lebhaft vor Augen. Und in die Darstellerin der Protagonistin Natalie war ich in meiner Jugend, zugegeben, ein wenig verliebt.
Die Aufführung, die ich nun in Berlin gesehen habe, war bereits die 2.069. Vorstellung von Linie 1 am GRIPS Theater. Die aktuell gezeigte Fassung ist eine Neuinszenierung von Tim Egloff aus dem Jahr 2023. Einiges ist bunter – etwa die Kostüme von Mascha Schubert –, und musikalisch geht es, trotz des unverkennbaren 80er-Jahre-Sounds, etwas moderner zu, als ich es in Erinnerung hatte. Was glücklicherweise nicht verändert wurde, sind die teils bissigen, klugen Texte. Egloff stellt sich mit seiner Inszenierung nicht in den Vordergrund, sondern arbeitet mit viel Liebe zum Detail den Charakter des Stücks und der zahlreichen schrillen, aber oft auch tiefgründigen Figuren heraus.
Das Bühnenbild von Marian Nketiah ist reduziert, aber wirkungsvoll: bewegliche U-Bahn-Sitzreihen, eine große Showtreppe im Hintergrund und der Imbiss von Bouletten-Trude reichen aus, um Berlin in seiner schrägen Widersprüchlichkeit auf die Bühne zu bringen.
Die Rahmenhandlung – eine junge Frau aus der westdeutschen Provinz verliebt sich bei einem Konzert in einen Rockmusiker und macht sich in Berlin auf die Suche nach ihm – hatte ich fast vergessen. Viel präsenter waren mir die einzelnen Typen, die Kälte der Großstadt und die flüchtigen, manchmal berührenden Begegnungen, die dieses Mädchen (stark gespielt von Helena Charlotte Sigal) im Lauf der gut dreistündigen Berlin-Revue erlebt.
Dabei werden nicht nur Erinnerungen an „Raider“, das damals wirklich noch „Raider“ hieß, und den Walkman wach – sondern auch an das Lebensgefühl eines geteilten Berlins, in dem aus westlicher Perspektive tatsächlich in alle Himmelsrichtungen der Osten lag. Für jüngere Zuschauer mag das Stück wie ein lebendiger Geschichtsunterricht wirken. Und dennoch: Vieles ist auch heute noch aktuell. Wo man sich in den 80ern in der U-Bahn hinter Zeitungen versteckte, starrt man heute auf sein Handy – das Grundgefühl der Isolation in der Masse bleibt dasselbe.
Das Ensemble des GRIPS Theaters überzeugt auf ganzer Linie. Die wenigen Darstellerinnen und Darsteller schlüpfen in unzählige Rollen. Besonders beeindruckt haben mich Philipp Buder in seiner schnodderig-sympathischen Interpretation des Bambi und Dietrich Lehmann, der seit der Uraufführung mitwirkt, und unter anderem Hermann und Witwe Agathe verkörpert. Bezaubernd auch Berit Vander, die mit Leichtigkeit zwischen Prostituierter, Passantin, Lumpi, Bisi, Sängerin, Chantal und weiteren Rollen wechselt. Musikalisch sorgt die Band No Ticket für echten Genuss – sie ist weit mehr als bloße Begleitung.
Im Prinzip spielt es keine Rolle, was ich hier schreibe, denn die meisten Vorstellungen sind immer noch restlos ausverkauft. Dennoch möchte ich jedem, der die 80-er Jahre miterlebt hat oder etwas über das Lebensgefühl dieser Zeit erfahren möchte, den Besuch dieses Stücks, das das GRIPS Theater weltweit berühmt gemacht hat, ans Herz legen.
Weitere Informationen und zukünftige Termine: Grips Theater
Marc Rohde
FRANKFURT/ Jahrhunderthalle: SISTER ACT
SISTER ACT – Das himmlische Musical von Alan Menken
Jahrhunderthalle Frankfurt am Main
Vorstellung am 7.1.2024

Nachtclubsängerin mischt ein Kloster auf: Sister Act (Foto: Nico Moser)
Schon beim Betreten des groß dimensionierten, in dieser Bestuhlung gut 2.000 Zuschauer fassenden Saales der Frankfurter Jahrhunderthalle kommen die Besucher in Disco-Stimmung. Durch zwei oberhalb eines auf der Bühne angedeuteten Kirchenraumes hängende Disco-Kugeln macht sich ein Funkeln im Saal und auf den Köpfen der Besucher breit. Dieses Funkeln geht im Laufe des Abends auch auf die Stimmung im Publikum über, denn nach einem ruhigeren Beginn des Musicals wird schon bald mitgeklatscht und beim Schlussapplaus auch mitgetanzt. Die Firma ShowSlot schickt die Originalproduktion aus dem Londoner Westend auf Tour durch deutschsprachige Metropolen und begeistert wieder durch eine erstklassige Interpretation. Insbesondere die humorvollen Dialoge und die farbenfrohe Ausstattung bleiben in Erinnerung.
Die Bühnenfassung des berühmten Films mit Whopi Goldberg stammt aus dem Jahr 2006 und verzichtet auf große Hits wie „I will follow him“. So bleibt das Mitsummen von Ohrwürmern auf dem Nachhauseweg zwar weitestgehend aus, aber während der fast dreistündigen Show aus der Feder des mit unzähligen Preisen ausgezeichneten Komponisten Alan Menken rocken die Nonnen den Saal und sorgen für lachende Gesichter und gute Laune pur. Am Ende wird sogar gerapt und so auch musikalisch die Transformation vom eintönigen Einerlei der fast in Vergessenheit geratenen Kirche zu einer moderneren und für die Menschen wieder relevanten Institution unterstrichen. Die deutschen Dialoge und die ebenfalls in deutscher Sprache vorgetragenen Gesangsnummern klingen dabei weder holprig noch sperrig und sind dank der guten Artikulation aller Akteure meistens sehr gut zu verstehen.
Die exzentrische Nachtclubsängerin Deloris van Cartier wird nach einem ihrer Auftritte zufällig Zeugin eines Mordes, begangen von der Gangster-Bande ihres zwielichtigen Freundes. Um ihrem Schicksal zu entkommen, landet sie im Zeugenschutzprogramm. Doch statt glamouröser Bühnen erwartet sie ein zurückgezogenes Leben in einem konservativen Kloster, wo sie als bescheidene Nonne untertauchen soll – sehr zum Unmut der strengen Mutter Oberin, die mit Deloris‘ Lebensstil und Ansichten kaum weniger gemeinsam haben könnte.
Im Kirchenchor soll Deloris sich in die Gemeinschaft einfügen, doch der Chorgesang ist alles andere als harmonisch. Kurzerhand übernimmt sie die Leitung und bringt frischen Schwung in die Proben. Unter ihrer Führung wird jeder Gottesdienst zu einem mitreißenden Erlebnis, und die Gemeinde wächst rasant. Als die Nonnen schließlich die Chance bekommen, vor dem Papst aufzutreten, erfahren die Gangster durch einen Fernsehbericht von Deloris‘ Aufenthaltsort, und die Gemeinschaft gerät plötzlich in große Gefahr. Doch die Schwesternschaft zeigt Mut: Wie eine solidarische Schutzmauer stellen sich die Nonnen den Ganoven entgegen. Mit einem euphorischen „Lass die Liebe herein“ endet das Abenteuer glanzvoll und zuversichtlich.

Farbenfrohes Finale (Foto: Nico Moser)
Denise Lucia Aquino bleibt akustisch an diesem Abend als Delores Van Cartier in ihrer ersten Gesangsnummer „Zeig mir den Himmel“ noch etwas blass, aber schnell wird sie darstellerisch wie stimmlich zum schillernden Fixstern dieses Abends und gewinnt nicht zuletzt durch ihre rollenbedingten Tabubrüche als Nachtclubsängerin inmitten der Ordensschwestern die Herzen des Publikums. Im Gegenspiel zur Mutter Oberin (Susanne Rietz) gelingen zahlreiche Pointen. Lorenzo di Girolamo als Polizist Eddie Fritzinger glänzt vor allem in seiner Solonummer „Tief in mir“, in der er einen großartigen Quickchange auf offener Bühne vollzieht und während der Nummer eine ganz andere Seite an sich zeigen kann. Aus dem weiteren hochklassigen Ensemble ragt meines Erachtens insbesondere Melanie Kastaun heraus, die sich als Sister Mary Robert vom grauen Entlein zum schillernden Schwan entwickelt und besonders mit ihrer schönen Stimme punktet. Die live (für die Zuschauer unsichtbar auf der Seitenbühne spielende) achtköpfige Band wird von Daniel Weiß geleitet und wird allen stilistischen Anforderungen gerecht.
Schmissig sind die Choreographien von Alistair David und die Kostüme von Morgan Large sind durchwegs eine optische Augenweide und spiegeln das 70’er Jahre Flair wider, ohne dabei altmodisch zu wirken.
Die Besucher erleben in dieser Inszenierung von Bill Buckhurst und im äußerst wandelbaren Bühnenbild von Morgan Large einen schillernden Abend zum Mitfeiern. Dieser bietet einen bunten Kontrast zum oft grauen Alltag und verdient das Prädikat: Allerfeinste Unterhaltung.
FRANKFURT/ Festhalle: EHRLICH BROTHERS – DIAMONDS
EHRLICH BROTHERS: DIAMONDS
Festhalle Frankfurt am Main
Vormittagsvorstellung am 28.12.2024

Sympathische Brüder: Die Ehrlich Brothers (Foto: Sebastian Drueen)
Was ist dran an der angeblich so magischen Anziehungskraft der Ehrlich Brothers? Im Fernsehen habe ich noch keine Show der beiden Brüder bis zum Ende gesehen, aber seit Jahren sehe ich den riesigen Fuhrpark, mit dem die Bühnenelemente durch die Nation transportiert werden, an der Frankfurter Festhalle stehen. Neugierig bin ich schon länger gewesen. Nun habe ich einen Selbstversuch absolviert und die Show zum 10-jährigen Tour-Jubiläum besucht.
Allein die Tatsache, dass die Show an diesem Samstag drei Mal hintereinander gezeigt und jeweils so gut wie ausverkauft ist, zeugt von der Beliebtheit der Stars. Auch am Vortag gab es bereits zwei Vorstellungen und wegen der ungebrochen großen Nachfrage sind für Dezember 2025 drei Zusatzshows am selben Ort geplant.
Unter dem Namen Diamonds zeigen die Illusionskünstler ihre besten Illusionen aus den zehn Jahren. So lange sind sie schon mit großformatigen Shows unterwegs und im kommenden Jahr werden sie sogar in den USA auftreten. Es werden dem Publikum aber nicht spektakuläre Nummern am laufenden Band präsentiert, sondern Andreas und Chris führen mit Witz und Charme durch den Abend, bzw. in meinem Fall durch den Morgen, denn das Programm begann bereits um 11:00 Uhr. Sie nehmen ihre Arbeit und die Zuschauer dabei ernst, aber nicht unbedingt sich selbst. Da necken sich die beiden häufig, lachen über sich selbst und in wiederholten Interaktionen und Gesprächen mit einzelnen Menschen im Publikum entsteht schnell das Gefühl, dass wir alle nett beieinander sitzen und Teil der Runde sind. Auch für Flachwitze ist man sich nicht zu schade und als eindrucksvollen Kontrast bekommen die Zuschauer Sekunden später die natürliche Wärme einiger pyrotechnischer Show-Elemente zu spüren.
Kumpelhaft und nahbar geben sich die beiden und dabei wirkt der Ablauf der Show nicht gescripted, sondern so natürlich als würde jeder Abend ein wenig anders verlaufen, was bei der Komplexität der Bühnenmaschinerie und der gezeigten Acts natürlich nicht möglich ist. So nebenbei zaubern sie dann mal eben einen Monster-Truck auf die gigantische Bühne oder verbiegen Eisenbahnschienen mit der bloßen Hand und der Kraft der Liebe eines seit über vierzig Jahren verheirateten Paares aus dem Publikum. So funktioniert das! Faszinierend ist es auch, wie sie das Publikum im Laufe der Show mehrmals mit ein und demselben kleinen Trick aufs Glatteis führen und diesen erst ganz am Ende des Programms in Zeitlupe auflösen. Dass ein Magier eine massive Stahlplatte durchdringen kann, ist ja sicher für niemanden überraschend, auch wenn bei normalen Menschen bestenfalls Kopfschmerzen durch diesen Versuch hervorgerufen werden. Bei den Kindern waren die mit kleinen Fallschirmen vom Dach der Festhalle herabsteigenden Lollies besonders beliebt. Spektakulär ist schließlich die Nummer, an der sie jahrelang gearbeitet haben, bis sie bühnenreif war: beide Brüder fliegen in sehr natürlich wirkenden Bewegungen scheinbar schwerelos über die Bühne. Da sieht man keine Befestigung, es wackelt und ruckelt nichts und die Menschenmenge staunt über die dargebotene Perfektion.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Anziehungskraft dieser beiden Ausnahmekünstler in einer Mischung aus Weltklasse-Entertainment und Menschlichkeit liegt. Hier darf auch mal eine Kleinigkeit schief gehen oder ein Versprecher passieren.
FLENSBURG/ Landestheater: ROXY UND IHR WUNDERTEAM – Premiere
Schleswig-Holsteinisches Landestheater Flensburg:
ROXY UND IHR WUNDERTEAM
Operette von Paul Abraham
Premiere am 15.12.2024

Ein Starkes Ensemble gestaltet die halbszenische Aufführung (Foto: Henrik Matzen)
Seit der Wiederentdeckung der verloren geglaubten Originalpartitur von Paul Abraham erobert Roxy und ihr Wunderteam die Bühnen im Sturm. Die Erstaufführung der bühnenpraktischen Rekonstruktion von Henning Hagedorn und Mathias Grimminger fand 2014 an der Oper Dortmund statt. Es folgten Produktionen am Staatstheater Augsburg (2017), an der Komischen Oper Berlin (2019), an der Wiener Volksoper (2021), an der Bühne Burgäschi (2022) und schließlich im November 2024 im österreichischen Murau. 2025 ist eine konzertante Aufführungsserie in Graz geplant und sicher werden weitere folgen.
Roxy und ihr Wunderteam ist die deutsche Fassung der im Jahr zuvor in Budapest uraufgeführten Operette 3:1 a szerelem javárada. Da man in Österreich 1937 besser Fuss- als Wasserball spielte, wurde kurzerhand die Sportart gewechselt. So entstand die erste Fußball-Operette der Geschichte. Bei der Uraufführung dieser Vaudeville-Operette im Theater an der Wien war die österreichischen Fußball-Nationalmannschaft anwesend. Kurz darauf musste Paul Abraham Wien und auch Budapest verlassen und emigrierte über Paris und Kuba nach New York. Die Operette wurde mit Hans Holt und Rosy Barsony und Fußballspielern, wie beispielsweise Matthias Sindelar, dem Kapitän des legendären österreichischen Wunderteams der 1930er-Jahre, verfilmt.
Da der Inhalt in diesem Fall sicher auch vielen Operettenkennern nicht geläufig ist, folgt eine kurze Zusammenfassung: Die ungarische Fußball-Nationalmannschaft hat in London gerade über das englische Nationalteam gesiegt. Auf der Flucht vor ihrem Bräutigam Bobby steht plötzlich die Engländerin Roxy im Hotelzimmer der Fußballer. Trotz Einspruch des Mannschaftskapitäns nehmen die Fußballer das Mädchen kurzerhand mit ins Trainingslager. In Ungarn angekommen, erfährt das Fußballteam, dass auch noch Schülerinnen eines Mädchenpensionats mit ihrer strengen Lehrerin im Landhaus untergebracht sind. Der Mannschaftskapitän ist über die weibliche Präsenz wenig begeistert, obwohl ihm die selbstbewusste Roxy durchaus gefällt. Bei einer gemeinsamen Feier der Fußballer mit den Schülerinnen erscheinen plötzlich Roxys Bräutigam Bobby und ihr Onkel Sam. Um sich aus der peinlichen Situation zu retten, verkündet Roxy ihre Verlobung mit dem soeben eintreffenden Verbandspräsidenten Baron Szatmary, der sich amüsiert auf das Spiel einlässt.
Nach den Ereignissen am Plattensee haben die nach Budapest zurückgekehrten Pensionatsschülerinnen Hausarrest. Roxy bleibt bei ihnen und teilt ihr Schicksal. Die Fußballer kommen einer nach dem anderen als Mädchen verkleidet ins Pensionat. Zwischen dem Mannschaftskapitän Gjurka und Roxy gibt es wieder Streit. So müssen die Mädchen das Rückspiel der ungarischen Mannschaft gegen die Engländer im Radio verfolgen. Aber als es zur Halbzeit 1:0 für England steht, reißen Roxy und die Mädchen aus, um ihre Jungs direkt im Stadion anzufeuern. Dank dieser tatkräftigen Unterstützung wendet sich das Spiel für die ungarische Mannschaft, aber auch für Roxy und Gjurka. Im allgemeinen Siegestaumel finden sie endlich zueinander.
Musikalisch bietet Paul Abraham mit diesem Werk allerfeinste Unterhaltung. Swing, opulente Filmmusiken, sowie ungarische und Wiener Operette vermischen sich hier zu einem umfangreichen akustischen Ohrenschmaus.

Carsten Kock als Conférencier (Foto: Henrik Matzen)
Das Ensemble des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters ist an diesem Premierennachmittag (Sonntag um 16:00 Uhr ist eine ungewöhnliche aber auch sehr angenehme Uhrzeit) bestens aufgelegt und lässt keine Wünsche offen. Meines Erachtens sollte der NDR eine der Vorstellungen in seinem Programm übertragen, oder ein CD-Label eine Aufnahme dieser Produktion des Landestheaters veröffentlichen, denn die halbszenische Aufführung ist mit ihren gut eineinhalb Stunden Spieldauer (zzgl. Pause) von idealer Länge und dazu noch perfekt besetzt. Für die szenische Einrichtung, die in Kostümen von Jakov Sladojević aber ohne Bühnenbild gezeigt wird, zeichnet sich Maximilan Eisenacher aus. Zahlreiche Nebenrollen wurden gestrichen und das Geschehen wird erzählerisch durch einen Conférencier gestrafft. Dieser wird von einem Urgestein des norddeutschen Privatradios, Carsten Kock, gegeben. Eine ungewohnte Rolle für den ansonsten aus dem Bereich Politk bekannten Moderator des Senders R.SH. Mit Charme und sonorer Stimme führt er durchs Geschehen und im Verlauf der kommenden Aufführungen wird seine leichte Anspannung noch weichen. Urkomisch ist die Szene, in der er für Roxy und Ilka selbst zum Radio mutiert. Das gesamte Ensemble ist spielfreudig, meistert die szenischen Aufgaben mit einer großen Portion Humor, aber nimmt das Sujet ernst und agiert mit dem nötigen Respekt vor dem Werk. Das Ergebnis ist auch szenisch beste Unterhaltung ohne Abdriften zum Klamauk.

Christian Alexander Müller als Gjurka Karoly und Talya Lieberman als Roxy (Foto: Henrik Matzen)
Talya Lieberman als quirlige Roxy sticht neben den ebenfalls brillanten Herren Kai-Moritz von Blanckenburg als ihr Onkel Sam Cheswick und Christian Alexander Müller als Mannschaftskapitän Gjurka Karoly besonders hervor. Köstlich sind auch Philipp Franke als Tormann Jani Hatschek, Dritan Angoni als Géza Alpassy und Mikolaj Bońkowski als Arpad Balindt. Respekteinflößend gestaltet Itziar Lesaka die Direktorin des Mädchenpensionats und keck und von jugendlicher Frische geprägt, gibt Małgorzata Rocławska die Schülerin Ilka Pirnitzer. Da alle Solisten durch Mikroports unterstützt werden, können sie sich einerseits stets gut gegen das im Bühnenhintergrund platzierte und gar nicht leise Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester behaupten, aber auch viele Passagen subtiler und differenzierter gestalten, als wenn Sie ihre Opernstimmen stets voll aussingen müssten. Doppelte Freude beschert auch Generalmusikdirektor Harish Shankar am Pult. Zum einen sorgt er für stets spritzige Tempi, zum anderen ist es auch ein großer optischer Spaß, wie er teilweise beinahe tänzelnd seine Musiker durch den Abend führt. Der Chor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, einstudiert von Avishay Shalom, trägt ebenfalls maßgeblich zum gelungenen Nachmittag bei.
Eine echte Mannschaftsleistung eben!

