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STUTTGART/Ballett: „FORT // SCHRITT // MACHER“ – Erweckte Theatergeister. Premiere

Stuttgarter Ballett

„FORT // SCHRITT // MACHER“ 8.11.2013 (Premiere) – Erweckte Theatergeister

 Drei Choreographen aus drei Generationen, die alle wesentlich zur Modernisierung des Balletts beigetragen haben und dies auch weiterhin verfolgen, markieren das neueste Programm des Stuttgarter Balletts. In diesen zunehmend dunkleren Tagen hätte sicher so mancher Zuschauer etwas lichtvollere, für das Auge weniger anstrengende Arbeiten bevorzugt, doch bei konzentrierter Betrachtung förderten die drei gezeigten Stücke viel Sehenswertes an Licht.

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Gleichberechtigter Einsatz:  Angelina Zuccarini, Hyo-Jung Kang und Brent Parolin. Foto: Stuttgarter Ballett

 William Forsythes „WORKWITHINWORK“ wurde im Oktober 1998 in Frankfurt uraufgeführt und markiert den Abschluss seiner Ballette über das Ballett. Purer Tanz in einer etwas diffusen Beleuchtung, die die Tänzer manchmal nur wie Schatten aussehen lässt. Trotz aller Bewunderung der unendlich variierten neuen Zusammensetzungen des klassischen Ballettvokabulars in wechselnden kleineren und größeren Tänzergruppen, des exakten Schliffes aller Windungen und Wendungen zwischen kurz eingestreuten konventionellen Spitzendrehungen, beginnt das halbstündige Geschehen irgendwann auf der Stelle zu treten. Eine große Rolle spielt dabei natürlich die Musik, denn Luciano Berios Duetti per due violini mögen anfangs in ihrer feingliedrigen, ganz nach innen horchenden Musikalität, so wie sie von Wolf-Dieter Streicher und Luminitza Petre in harmonischer Übereinstimmung ausgefüllt wird, die Dichte des choreographischen Ausdrucks unterstützen, der zunehmend kontrapunktische Verlauf der beiden Geigenstimmen driftet letztlich in die Beliebigkeit unorientierten Geschehens. Für die 18 TänzerInnen in schwarzen Slips bzw. Shorts und verschieden farbigen Tops von Stephen Galloway bedeutet das erstmals in Stuttgart getanzte Stück zweifellos eine wertvolle Erweiterung ihres Repertoires, des Beweises ihrer sicheren technischen Ausrüstung und ihrer Fähigkeit auch in solcher Abstraktion ein gewisses Maß an Seele mitschwingen zu lassen. Dass keiner der sechs eingesetzten Ersten bzw. Solisten hervortritt, sondern in die Gruppe mit den Halbsolisten und Corps de ballet-Tänzern gleichberechtigt integriert sind, spricht sowohl für den Leistungs-Standard letzterer als auch für den bewussten Ensemble-Charakter.
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Frank Bridge Variations:   Sportive Attacke – Alicia Amatriain und Evan McKie. Foto: Stuttgarter Ballett

 
Nach dieser schweren Kost bedeutete die Wiederaufnahme von Hans van Manens 2005 uraufgeführten „FRANK BRIDGE VARIATIONS“ fast eine Erleichterung, ja Befreiung, obwohl die Ansprüche des holländischen Grandseigneurs nicht zu unterschätzen sind. Die Strenge seiner handlungslosen Werke wird durch das Aufgreifen stets neuer gesellschaftlicher Themen rund um den Eros, die durch viel Augenkontakt und gegenseitige Reaktion erzielte zwischenmenschliche Komponente sowie humorvoll ironisierte Abgänge gelockert und unter Spannung gehalten. Nichts lenkt von den in grünen, dunkelroten und schwarzen Trikots steckenden 10 TänzerInnen ab, wenn sie Benjamin Brittens faszinierend instrumentierte 10 Variationen eines Themas seines Lehrers Frank Bridge in glasklar ausgerichteten Linien mit den van Manen-typischen neoklassischen Formen diagonal nach oben gestreckter Arme oder langsamem Schreiten mit wechselndem Ausdruck erfüllen, so wie Britten die einzelnen Abschnitte den verschiedenen Charaktereigenschaften seines Lehrers zugeordnet hat und dabei mehrere musikalische Stile von Vivaldi bis Strawinsky parodierend aufgreift. Den beiden Hauptpaaren gelingt das so bestechend gut, auf eine ganz uneitel virtuose Art, präzisest in jeder Haltung und im Timing des Aufeinanderabgestimmtseins. Eine weiblich aparte Note steuert Maria Eichwald bei, Alicia Amatriain bildet das sportivere, wie gewohnt unendlich dehnbar scheinende Pendant, Evan McKie vereint Ernst und mitreißende Attacke, Marijn Rademaker verblüfft mit der scheinbaren Unvereinbarkeit von Akkuratesse und Lässigkeit. Und die sechs Solisten/Halbsolisten Rachele Buriassi, Miriam Kacerova, Alessandra Tognoloni, Roland Havlica, Roman Novitzky und Brent Parolin vervollkommnen den Funeral March zum tief unter die Oberfläche dringenden Schreit-Akt.

Bereits im Vorfeld hatte Hauschoreograph Marco Goecke verlauten lassen, künftig mehr aus der Dunkelheit seiner bisherigen Arbeiten hervorzutreten, nach nun gewonnener Etablierung in der Tanzgeschichte sich mehr zum Publikum hin zu öffnen. Die Erwartungshaltung mag deshalb besonders spannend gewesen sein. Dass „ON VELVET“ (= auf Samt) denn gar zum unbestrittenen Höhepunkt und einhelligen Erfolg des von Pina Bausch geprägten Wuppertalers wurde, ließ diesen Abend in einem so nicht vermuteten Jubelgeschrei enden.
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Goecke_On Velevet:   Erfahrene Goecke-Protagonisten:  Marijn Rademaker und Magdalena Dziegielewska. Foto: Stuttgarter Ballett

Die gewohnt dunkel ausgekleidete Bühne gibt zusehends zwei Reihen Theatergestühl frei, auf dem sich die wie aus dem Nichts des Hintergrunds erwachenden Geister des Hauses räkeln, die verborgenen Geschichten, die so ein Theaterraum in sich birgt, in gewohnt nervösem, aber weiter als bisher ausgreifendem Spiel der Hände und Arme, sowie die Körper nicht mehr so streng vertikal einsetzenden Haltungen, erzählen, zum Leben erwecken und dabei manchmal wie über dem Boden zu schweben scheinen – mal verängstigt, verstört, mal berührend naiv. Es gibt zwar auch wieder einen Punkt, wo das Vokabular innerhalb dieses Kreises erschöpft scheint, doch füllen die 12 Tänzer das imaginäre Theater mit ausreichend durchhaltendem Leben. Einen wesentlichen Faktor leistet dabei das 2006 uraufgeführte Cellokonzert des jungen Tirolers Johannes Maria Staud, in dem er ein anfangs zitiertes Mozart-Fragment langsam in seine eigene moderne Klangsprache übergehen und in teils schroff peitschenden, teils extrem hohe Frequenzen berührenden zarten Verästelungen des Solo-Cellos (Zoltan Paulich mit bewundernswerter Tonkonstanz) kulminieren lässt. Die unterschwellig bedrohlichen Klangräume, die sich hier öffnen, werden von Goecke in den stets unruhigen Bewegungsfluss seiner Tänzer übertragen. Magdalena Dziegielewska tritt mit ihrer witzigen Körpersprache und flinken Beweglichkeit ebenso besonders hervor wie Arman Zazyan durch seine stille Anpassungsfähigkeit. Neben dem ohnehin von spezieller Körperhaltung geprägten Robert Robinson vermag auch erstmals Ludovico Pace in einem deutlich hervor gehobenen Part nachdrücklich auf seine Präsenz aufmerksam zu machen. Und mit Marijn Rademaker hat der Choreograph noch auf einen erfahrenen Hauptakteur, der bereits sein „Äffi“ erfolgreichst aus der Taufe gehoben hatte, gesetzt und ihm zu den martialischen Klängen von Edward Elgars „March of the Mogul“ ein wahrhaft krönendes Solo mit irrsinnig schnellen Fall- und Stütz-Aktionen auf den Leib geschnitten. Ein so theatergerecht abschließendes Finale wäre Goecke aufgrund seines bisher in moderner Abruptheit oder Versickern im Nichts endenden Oeuvres gar nicht zuzutrauen gewesen. Nicht zuletzt dies hat (in der packenden Wiedergabe durch das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle) zur begeisternden Publikums-Reflektion beigetragen.                    

Udo Klebes

   

 

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