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STUTTGART: TANZ/ //TOENE. Feier des symphonisch Abstrakten

Stuttgarter Ballett „TANZ/ // TOENE“ 2.2. 2013(WA-Premiere) – Feier des symphonisch Abstrakten


Humordurchblitzt ausgelassen – Rachele Buriassi und Damiano Pettenella in Elos „Slice to Sharp“. Copyright: Stuttgarter Ballett

 Maurice Béjarts „Bolero“ ist sicher die Zugkraft dieses Programms, doch das Verlockendste wäre die ursprünglich vorgesehene szenische Überarbeitung und nach langer langer Zeit wieder einmal auf die Bühne zurückgekehrte Cranko-Choreographie von Mozarts „Konzert für Flöte und Harfe“ gewesen. Aufgrund eines Proben-Engpasses musste dieses Vorhaben nun leider auf einen späteren, noch unbestimmten Zeitpunkt verschoben werden. Stattdessen bekam Edward Clug, der Direktor des Slowenischen Nationalballetts Maribor, die Gelegenheit, sein im März 2012 für das Stuttgarter Ballett geschaffenes „Ssss….“vom Schauspiel- auf die größere Bühne des Opernhauses zu übertragen, was er prompt dafür nutzte das Stück geringfügig zu revidieren und um ein eröffnendes Solo zu erweitern. Das intime Nachtstück für drei Tänzerpaare und einen mit dem Rücken zum Publikum sitzenden Pianisten entfaltet auf glanzvollem Boden, mit den vielfach die hintere Bühne einnehmenden Klavierhockern, auf denen die gerade nicht beschäftigten TänzerInnen auf ihren nächsten Einsatz warten sowie den nachtblauen Kostümen mit samtartigen Hosen für die Männer und kurz geschnittenen Kleidern für die Frauen (Ausstattung: Thomas Mika) eine Magie, die den Saloncharakter der fünf von Glenn Prince vorzüglich nuanciert gespielten Chopin-Nocturnes einfängt. Clug gelingt es trotz eines in Kontrast zur weich perlenden Musik stehenden und deshalb zunächst gewöhnungsbedürftig kantigen Körper-Vokabulars beide Komponenten in Deckung zu bringen. Vor allem dann, wenn er in diesen wechselnden Mann- und Frau-Beziehungen Zuneigung und Abstoßung im Fluss hält und gebärdenreich unterstützte Ausdrucks-Parameter zu greifbarer Bedeutung verdichtet. Da wird Bodenbehaftetes kunstvoll mit nach Oben Strebendem verflochten, Beine werden ineinander verschoben, Arme gereckt und gewunden, und trotz aller manchmal abrupten Wendung mit klassisch Grundiertem als Ausgangspunkt für alle Entwicklung verbunden. Wie eine verkleinerte Form von Jerome Robbins „Dances at a Gathering“ führt die drei Paare dieser imaginäre Ort zu einem Stelldichein ihrer Gefühle zusammen. Marijn Rademaker beginnt es mit einem Solo auf der Suche nach einem bestimmten Punkt in seinem Leben, so aufwallend und gespannt wirken seine teils fahrigen, teils verlangsamten Glieder. Mit dem kämpferischen Arman Zazyan und dem eher süffisant drauf los gehenden Roman Novitzky treten sie in einen Art Wettstreit mit den mehr oder weniger cool und abwartend reagierenden Avancen-Empfängerinnen Angelina Zuccarini, Oihane Herrero und die relativ kurzfristig eingesprungene Alessandra Tognoloni. Dass alle Versuche letztlich erfolglos bleiben und keines der Paare zusammenkommt, sondern am Ende eines Abschnitts getrennt abgehen, gibt der unterschwelligen Bedeutung der Choreographie einen Zusammenhalt.

Nach diesem mehr dunkel schattigen Stück führt Jorma Elos 2006 für das New York City Ballet geschaffenes und 2008 ins Stuttgarter Repertoire übernommenes „SLICE TO SHARP“ in die lichten Gefilde prallen Lebens. In der neoklassischen Tradition Balanchines hat der Finne die Form des symphonischen Balletts durch die Erweiterung um Chiffren des Alltags zu neuen Ufern geführt. Violinsonaten von Biber und Violinkonzertsätze von Vivaldi bilden hier die Grundlage für ein voller überraschender Figuren und Positionen steckendes Stelldichein von vier Paaren in blauen Trikots (Kostüme: Holly Hynes). Mal ist es die Rasanz, mit der sich die Tänzer, voran die knackig entschieden agierende Rachele Buriassi und Angelina Zuccarini, entlang den furios schnellen Läufen der beiden Solo-Geigen (bravourös leicht: Wolf Dieter Streicher und Luminitza Petre) regelrecht in ihre Drehungen und Sprünge werfen, dann ist es bei zwei getragenen Interludien zwischendurch die schwebende Poesie, mit der Myriam Simon und Alicia Amatriain über die Rücken ihrer Partner gleiten. Dominierend ist die Freude, die den Ausführenden auch beim schnellsten Tempo noch aus den Augen blitzt, eine Ausgelassenheit darüber, wie eine Musik und ihre Struktur den menschlichen Körper lustvoll animieren kann. Da liegen die weiblichen Hälften auch plötzlich mal quer über den Schultern ihrer Halter oder finden diese sich mal mit der Situation konfrontiert, ihre einspringenden Partnerinnen im letzten Moment vor dem Abgehen noch aufzufangen. Ob der kumpelhaft direkte Alexander Jones, der schnittig präzise und dabei stets geschmeidig elegant bleibende Evan McKie (Rollendebut), der trocken nonchalante Damiano Pettenella oder der kraftvoll gewitzte Alexander Zaitsev – dieser viel zu schnell vorübergehenden, bisweilen ausgelassenen Symbiose von Musik und Tanz kann sich keiner der Beteiligten entziehen, so angespornt ist auch die Publikums-Reaktion – eine Vorstufe zur Erhitzung des „BOLERO“. Maurice Béjarts bereits gut 50 Jahre alte Version des einzigartigen musikalisch-konzeptionellen Knüllers ist jedes Mal mehr oder weniger ein Rausch, in den sich beide Seiten des Grabens, wo das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle Ravels winziger Melodiezelle den gebührend steigernden Kick gibt, mitreißen lassen. Bei Friedemann Vogel, dem Star unter den Stuttgarter Erst-Positionierten, ist es auch diesmal wieder der keine Grenzen kennende Total-Einsatz seines in jeder Muskel-Faser oszillierenden Körpers, die die Begeisterung zum Urknall anschwellen lässt. Auf kleinstem Raum, einem runden roten Podest, vermag er die Spannung der beständig variierenden Melodie, vom zarten Beginn, wenn der Scheinwerfer nur die entlang dem Körper aufsteigend geführten Hände verfolgt, bis zur Ganzkörper-Ekstase der orgiastischen Schluss-Explosion zu halten. Untermauert wird dieser sinnliche Akt durch die 40 um ihn herum sitzenden, ebenfalls in langer schwarzer Hose mit freiem Oberkörper agierenden Jungs, die zunächst wie gebannt auf ihren Stühlen verharren, ehe sich die vierköpfige Rhythmus-Gruppe beginnt zu lösen und ihre Hüften zu kreisen. Nach und nach erheben sich auch die 14 Corps de ballet-Tänzer und greifen den Takt mit ihrem Körper auf, bis schließlich auch der Rest (Absolventen der Cranko-Schule und Statisten) kein Halten mehr kennt und zuletzt alle den Solisten unter ihren Armen begraben. Der Jubel dauerte selbstredend beinahe so lange wie das ganze Stück.

Udo Klebes

 

 

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