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STUTTGART/ Studiotheater: WAISEN von Dennis Kelly – Explosive Stimmungen

15.05.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

STUTTGART/ Studiotheater: „Waisen“ von Dennis Kelly im Studiotheater Stuttgart am 15.5.2014

EXPLOSIVE STIMMUNGEN

Gelungene Premiere von Dennis Kellys „Waisen“ am 15. Mai 2014 im Studiotheater/STUTTGART

Unbenannt
Foto: Studiotheater Stuttgart

„Es gibt ein Gefühl in der Gesellschaft, dass wir alle Waisen sind. Wir trauen niemandem mehr, weder den Politikern, den Journalisten, noch nicht einmal mehr den Theatermachern. Mama und Papa sind verschwunden“, konstatiert der frustrierte Ehemann. In der einfallsreichen Regie von Benjamin Hille kann das aufwühlende Stück „Waisen“ von Dennis Kelly durchaus überzeugen. Im Mittelpunkt des elektrisierenden Geschehens stehen Helen und Danny (gut aufeinander abgestimmt und emotional agierend: Jördis Johannson und Martin König), die beide umgezogen sind, um mehr Zeit für sich zu haben. Helen erwartet ein zweites Kind und schützt deswegen krampfhaft ihren 8jährigen Sohn. Eines Abends allerdings steht der von Arlen Konietz aufbegehrend verkörperte jüngere Bruder Helens, Liam, blutverschmiert vor der Tür und löst bei dem Ehepaar einen Schock aus.

Die beengte Ausstattung von Hannes Hartmann und Leonie Mohr unterstreicht diese beklemmende Atmosphäre. Dass Liam wirklich einem Verletzten zu Hilfe geeilt ist, wollen Helen und Danny ihm nicht glauben. „Liam ist unschuldig“, bemerkt Danny zwar – doch er scheint seinen eigenen Worten nicht recht zu trauen. „Von wem ist dieses Blut?“ fragt Helen ihren Bruder mit stechendem Blick. Und jetzt steigert sich die Spannung ins Unerträgliche. Der besorgte Ehemann will die Polizei anrufen, unterlässt dieses Vorhaben dann jedoch. Helen will ihren Bruder aber schützen, was bei der subtilen Inszenierung überzeugend zur Geltung kommt. Recht, Moral, Schuld und Mitgefühl werden durchaus hinterfragt, führen aber schließlich zu unlösbaren Problemen, denn der liebende Ehemann sieht sich heillos überfordert. Er wird an seinen empfindlichsten Stellen herausgefordert und ist nicht mutig genug, sich der Verrohung und der Schuld entgegenzustellen. So geht er durch die Hölle und wird von seiner Frau schließlich als Feigling beschimpft, was er kaum verkraftet. Martin König brilliert als Danny hier mit souveräner Darstellungskunst. Plötzlich erklärt Helen, dass sie das gemeinsame Kind nicht bekommen möchte. „Warum hast du Bedenken, mit mir dieses Kind zu kriegen?“ fragt Danny außer sich. Die seltsame Ambivalenz von Zuneigung und zwanghaft-quälender Solidarität wird auf die Spitze getrieben. Diese Tatsache macht aber auch die hohe Qualität dieser Inszenierung aus. Letztendlich kommt heraus, dass Liam einen Araber schwer misshandelt hat und sogar auf ihn einstach. Daher stammt also das Blut an seinem Körper. Für Helen ist diese Erkenntnis zu viel. Sie schlägt verzweifelt auf ihren Bruder ein und fordert: „Ich will, dass du gehst!“ Ein spannender Blick wird eröffnet auf das, was rätselhaft und ängstigend erscheint. Die Musik „Whatever Will Be, Will Be“ („Que Sera, Sera“) von Jay Livingston und Ray Evans mit Doris Day als Sängerin sowie „Declare Independence“ („Mark Stent Instrumental“) von Björk und Mark Bell unterstreicht dieses Geschehen mit seltsamer lyrischer Emphase. In knappen Dialogen werden immer furchtbarere Wahrheiten enthüllt. Es werden sogar Assoziationen zum NSU-Trio geweckt. Das Ehepaar versinkt in einem Strudel von Selbstverleugnung, Brutalität und Fremdenhass. Den stets bedrohlichen „Fremden“ erklärt man zum Opfer, ohne sich die eigene Schuld einzugestehen. Danny möchte nämlich kein Feigling mehr sein. Liam muss die Wohnung des Ehepaars verlassen, und Danny verlangt von seiner Frau kurz und knapp: „Ich will, dass du unser Kind wegmachst“. Mit diesem brutalen dramaturgischen Schnitt werden die Zuschauer allein gelassen, denn die Handlung endet abrupt. Fazit: Man ist fassungslos.

Bis auf wenige Abstriche ist es eine hervorragende Theaterarbeit mit brillanten schauspielerischen Leistungen. Parallel zur Produktion „Waisen“ fand ein Projekt mit Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 10 der Waldorfschule Kräherwald statt, die sich mit den Themen des Stückes intensiv auseinandersetzten. Die Foto-Serien und Texte unter der Anleitung der Fotografin Daniela Aldinger sind im Foyer des Theaters ausgestellt.

 Alexander Walther

 

     

 

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