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STUTTGART/ Schauspielhaus: DER ZAUBERBERG nach Thomas Mann – ein neuer Parzival

24.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

„Der Zauberberg“ nach Thomas Mann als Premiere im Schauspielhaus Stuttgart

EIN NEUER PARZIVAL

Gelungene Premiere von „Der Zauberberg“ am 24. Oktober 2014 im Schauspielhaus/STUTTGART

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Copyright: Conny Mirbach

In der einfühlsamen Regie von Christiane Pohle ist dieser „Zauberberg“ nach dem berühmten Roman von Thomas Mann vor allem eine Warnung vor den Folgen des ersten Weltkriegs, der über die Bevölkerung hereinbrach. Die weiträumige Bühne von Natascha von Steiger wird von einem Glashaus beherrscht, in dessen Mittelpunkt immer wieder der von Andreas Leupold emotional gemimte Hofrat Behrens sitzt und diverse Ansagen und Programmabläufe in der Davoser Klinik macht. Paul Grill gefällt als Hans Castorp aufgrund seiner darstellerischen Präsenz, die sich im Laufe des Abends immer mehr steigert.

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Copyright: Conny Mirbach

Er reist aus Hamburg nach Davos, um seinen lungenkranken Vetter zu besuchen. Im Sanatorium Berghof verliert nicht nur er sich in eindringlicher Weise. Es entsteht rasch eine zeitentrückte Welt, was die Regisseurin Christiane Pohle mit nie nachlassender Intensität darzustellen vermag. Hypochonder und andere durch die Krankheit vergeistigte Figuren erliegen sofort der morbiden Faszination dieses Ortes. Aus einem alten Grammophon hört man Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ oder Gustav Mahlers Adagietto aus dessen fünfter Sinfonie, wobei die Krankheit der Protagonisten bei dieser Szene in erschütternder Weise ausbricht. Diese Szene hat Christiane Pohle mit dem stets konzentriert agierenden Ensemble überhaupt am besten auf die Bühne gebracht. Sieben Jahre lang lebt Castorp auf diesem imaginären „Zauberberg“, wobei ihm der Hofrat immer wieder nahelegt, auf einen dauerhaften Aufenthalt zu verzichten. Die geistigen Tendenzen der Vorkriegszeit lässt Christiane Pohle hier minuziös Revue passieren. Insbesondere bei der von Paul Schröder und Wolfgang Michalek ausgezeichnet gemimten Auseinandersetzung von Naphta und Settembrini kommt der krasse Gegensatz zwischen der Diktatur des Proletariats und einer besonderen Weltverbesserung voll zum Vorschein. Beim Duell erschießt sich Naphta schließlich selbst, nachdem sein Kontrahent nur in die Luft geschossen hat. Das ist ebenfalls eine ganz starke Szene bei dieser Inszenierung. Das bestens aufeinander abgestimmte Duo Schröder/Michalek wächst förmlich über sich selbst hinaus. Auch die gesamteuropäischen Ideenwelten werden zu Chopin-Musik immer wieder überaus spannungsvoll und darstellerisch elektrisierend umgesetzt. Paul Grill gelingt es als Hans Castorp vorzüglich, die verzweifelte und vergebliche Suche nach Liebe zu verdeutlichen. Am Ende münden alle diese großen philosophischen Ideen ins Leere – und die Bühne wird plötzlich von einer riesigen weißen Kugel beherrscht, die die versinkende Welt darstellen soll. Maja Beckmann als Frau Stöhr, Marie Goyette als Tous-les-deux sowie der den Kriegswirren zum Opfer fallende Matti Krause als Joachim Ziemßen vermögen den Kampf gegen die unerbittliche Krankheit und das Aufbegehren dagegen grell herauszustellen. Zu Mahlers Musik gibt es ein jede Individualität auflösendes Stahlgewitter – man denkt sogar an Ernst Jünger. Da entstehen auf der Bühne große Spannungsmomente. Dass die Personen ihre Krankheit als Erniedrigung empfinden, machen alle Schauspielerinnen und Schauspieler sehr gut deutlich. Dies gilt ebenso für Manja Kuhl als Clawdia Chauchat, die ebenfalls einem okkulten Wahn zu erliegen scheint. Christiane Pohle versucht stellenweise auch psychologisch zu erklären, warum die handelnden Personen mit ihren okkulten Erlebnissen nicht fertig werden. Im Programmheft findet sich ein Text Thomas Manns über dessen seltsame Erfahrungen mit spiritistischen Sitzungen im Jahre 1923. Auf der anderen Seite wird hier vor allem Hans Castorp mit ständig neuen Lebenseindrücken konfrontiert: „Die bestimmteste Ahnung neuer Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn.“ Die Regie stellt ihn tatsächlich als eine Art Parzival dar, der der Welt entrückt ist. Man denkt unwillkürlich immer wieder an den Schlusssatz des Romans: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“ Christiane Pohle macht bei ihrer Inszenierung jedenfalls klar, dass es sich bei Thomas Manns „Zauberberg“ um einen Zeitroman im doppelten Sinne handelt. Das innere Bild der Epoche wird auch hinsichtlich des ungeheuer weiträumigen Bühnenbildes sichtbar, das passagenweise an die europäische Vorkriegszeit erinnert. Dass auch die reine Zeit im Sinne von Martin Heidegger hier der unmittelbare Gegenstand ist, kommt ebenso aufgrund der visuellen Weiträumigkeit zur Geltung. Vielleicht hätte man bei der einen oder anderen Szene das Geistige und Ideelle (das die Protagonisten ja verbindet) noch markanter herausarbeiten können. Insgesamt jedoch gelingt es der Inszenierung, die Romanhandlung in eine sinnvolle Bühnenform zu bringen. Dazu tragen Musik und Sound von Marie Goyette entscheidend bei.        

 Alexander Walther

 

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