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STUTTGART/ Liederhalle: RADIO SINFONIE-ORCHESTER STUTTGART/ David Afkham/ Tine Thing Helseth (Trompete)

STUTTGART/ Liederhalle KRAFT UND EIGENART – Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR in der Liederhalle/STUTTGART

TINE THING HELSETH::Tine Shooting::04.02.2013::Paul Marc Mitchell licensed to EMI Classics::Paul Marc Mitchell::
Tine Thing Helseth. Foto: „EMI

Der 1983 in Freiburg geborene Dirigent David Afkham gilt als Senkrechtstarter. Neben dem ständigen Kontakt zu seinem Mentor Bernard Haitink arbeitet er regelmäßig mit dem Cleveland Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic, dem Chicago Symphony Orchestra oder dem London Symphony Orchestra zusammen. Jetzt stellte er sich als Dirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR im Beethovensaal der Liederhalle vor. Die „Tragische“ von Franz Schubert hatte als Sinfonie Nr. 4 c-Moll D 417 in späteren Jahren berühmte Nachfolgerinnen – bis hin zur „Tragischen“ von Gustav Mahler. David Afkham legte als einfühlsamer Dirigent die Strukturen hier minuzis offen. Tragisch war hier allerdings nur die wehmütig-schmerzliche Adagio-Einleitung des ersten Satzes, der nach diesem Anfang überraschend unpersönlich und blass wirkte. Eine innige Gesangsseligkeit ließ den zweiten Satz mit seiner schönen Andante-Melodie zu „himmlischer Länge“ anwachsen. Das Scherzo-Menuett hatte so viel Kraft und Eigenart, dass sich daneben das Trio etwas dürftig ausnahm. Sehr tragisch wirkte dann nochmals das Allegro-Finale. Hier sprang ein elektrisierender Funke über. Bemerkenswert gelang dabei die Aufhellung von Moll nach Dur – und das aufsteigende Kopfmotiv der Celli erinnerte an Beethovens fünfte Sinfonie.

Die hochbegabte norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth (1987 in Oslo geboren) startete daraufhin fulminant bei Joseph Haydns Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur, wo sie vom Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR gleichsam auf Händen getragen wurde. Das Konzert stellt an den Solisten hohe spieltechnische Anforderungen, denen Tine Thing Helseth alle gerecht wurde. Die konzentrierte Thematik und der ausgefeilte Spätstil Haydns hinsichtlich der kunstvollen Verarbeitung kam sehr schön zur Geltung. Viele ernste Töne meldeten sich straff beim stürmischen Allegro. Der demonstrativ auftauchende chromatische Quartfall stach leuchtkräftig hervor. Mit facettenreicher Deutlichkeit wurden die Überleitungsepisoden gestaltet. Und die Melodie des Andante besaß eine geradezu zauberhafte Wärme, die die Solistin Tine Thing Helseth mit reiner Intonation gestaltete. Das mit Elementen der Sonatenform durchsetzte Schlussrondo führte zu einem hymnischen Abschluss mit strahlkräftigen Spitzentönen der Trompete. Als Zugabe spielte sie noch die klanglich eindringliche Volksliedweise „In einsamen Stunden“. 

Zum Abschluss erklang als Höhepunkt die Sinfonie Nr. 10 op. 93 e-moll von Dmitri Schostakowitsch. Ähnlich wie bei der zweiten Sinfonie von Brahms ist hier in den ersten Moderato-Takten der kleinen Bassmotive der Keim für die wesentlichsten kommenden Bildungen enthalten. Reizvolle Schemen dieser ausdrucksvollen Melodie tauchten bei dieser guten Wiedergabe auch bei den Seitenthemen auf, und die Klarinette stach mit ihrer liedhaft-schlichten Weise nuancenreich hervor. Immer leichter kamen die einzelnen Themen daher. Und auch bei der Durchführung ließ die jugendliche Energie nicht nach. Das Kopfmotiv meldete sich wuchtig – und das Flötenthema reckte sich wie in Wut immer größer auf. Wie entfesselt stümten die harmonischen Kräfte los, bis der Trubel zur Reprise abebbte.

David Afkham ließ auch eine gewisse Nähe zu Gustav Mahler erkennen. Daraufhin wurde das Kopfmotiv wieder ins unscheinbare Dunkel der Bässe verbannt. Im zweiten Sätz arbeitete David Afkham tatsächliche die „schreckliche Fratze“ Stalins heraus, die der Komponist mit dem glühend-feurigen Staccato-Marsch beschreiben wollte. Luftig-leicht kam die Walzerfolge des dritten Allegretto-Satzes daher, das Kopfmotiv erinnerte an den ersten Satz. Neben dem einfühlsamen Hornsolo behaupteten sich rhythmisch präzise und schmetternde Trompeten, Solovioline und Piccoloflöte bildeten in ihren facettenreichen dynamischen Bewegungen einen klangvollen Kontrast zu Kraftausbrüchen und harmonischen Überraschungen. Sehr gut gelang das atemlos interpretierte Schluss-Allegro, dessen gedämpfte Farbe Holzbläsersoli über dem Streicheruntergrund bestimmten. Die rhythmisch wie melodisch überaus eingängigen Themen wurden hervorragend herausgearbeitet. Das gleiche galt für das kräftige Material mit dem grotesken Thema des Fagotts. Mit entschlackter Harmonik kam es neben vielen musikantischen Einfällen dann noch einmal zu einer grandiosen Steigerung.

Eine spieltechnische Meisterleistung. Riesenjubel.

 Alexander Walther

 

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