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STUTTGART: LA SONNAMBULA – Spannender Belcanto

28.04.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Stuttgart: „LA SONNAMBULA“ 27.4.2013 – Spannender Belcanto


Tumult bis zur Gewalt – Ana Durlovski (Amina) und Luciano Botelho (Elvino) mit Staatsopernchor. Copyright: A.T.Schaefer

Bellinis Semiseria war lange nur als Vehikel für virtuose Stimmen eingefleischten Opernfreunden bekannt und ist trotz hie und da immer wieder von Theatern aller Größe angesetzten Produktionen dem breiten Publikum immer noch wenig bekannt. Deshalb überrascht und erfreut es um so mehr, dass die in der letzten Saison in Stuttgart auf die Bühne gekommene Inszenierung auch ohne große Sängernamen für meist ausverkaufte Aufführungen sorgt. Es lohnt sich in der Tat wiederholt zu sehen, was Hausherr Jossi Wieler und sein langjähriger Co-Dramaturg Sergio Morabito aus diesem gemeinhin als harmloses Rührstück geltenden Werk an dramatischem Potenzial zutage gefördert haben, ohne dem musikalischen Charakter dabei Gewalt anzutun. Anna Viebrocks ganz ihrem leicht vermoderten Stil entsprechendes Bühnenbild, ein weit in die Tiefe reichender Dorf-Gasthofraum mit nach unten und oben führender Treppenflucht, riesigen Holzschränken und schnell zusammenklappbaren Tischen und Bierbänken, bildet die treffliche Kulisse für die Bauern-Gesellschaft eines abgeschiedenen Bergtals. Jeder in dieser Dorfgemeinschaft ist als individueller Charakter gezeichnet und mehr oder weniger lebhaft am Geschehen beteiligt. Die Gestaltungs-Kraft des Staatsopernchores ( Einstudierung: Johannes Knecht ) verdoppelt hier das vokal ohnehin höchste Maßstäbe setzende Ergebnis seiner umfangreichen Aufgabe um ein ebenbürtiges schauspielerisches Vergnügen und ist schon alleine einen Vorstellungs-Besuch wert. Verhaltensweisen werden schonungslos seziert, die Emotionen arten mitunter bis zu Handgreiflichkeiten und Bösartigkeiten aus und werfen keine/n in einseitig gutes oder negatives Licht. In der Folge bekommt auch so manch musikalische Wendung eine vertiefte Bedeutung und erweiterte Wahrnehmung. An diesem Strang zieht auch Gabriele Ferro, der am Pult des sensibel mitgehenden und stilistisch geschlossen musizierenden Staatsorchesters Stuttgart mit der oft nachgesagten zweitklassigen Begleit-Funktion des Bellini’schen Orchesterparts entschieden aufräumt, diesen in weiten dynamischen Nuancierungen und zugespitzt aufgebauten Steigerungen zu seinem vollen Recht und dennoch das wärmende Melos des italienischen Belcanto zur vollen Entfaltung kommen lässt.

Auch mit nur einer Umbesetzung sind es alle von Anfang an beteiligten Solisten wert bei dieser Gelegenheit noch einmal für ihre geschlossenen singdarstellerischen Leistungen zu würdigen. Enzo Capuano hat sich als Graf Rodolfo mit dem passenden Charisma eines standesgemäßen Weiberhelden und balsamisch strömendem, rundum beweglich ansprechendem Bass bestens in das Ensemble eingefügt.

Größte Bewunderung und heller Jubel gilt wiederum Ana Durlovski und ihrer Mühelosigkeit, die unendlich weiten Melodiebögen und gebrochenen Melismen auf einem ganz dünnen Faden mit der Detailschärfe eines Seismographen zu spannen und mit ihrem leicht melancholisch verhangenen Timbre der verletzlichen Seele Aminas den entsprechend schwebenden Stimmungs-Charakter zu geben.

Luciano Botelho spielt wiederum den reichen und eifersüchtig zwiespältigen Gutsherr Elvino mit südländischem Temperament und hat seinen attraktiv gefärbten und kultiviert geführten Tenor nun auch in den Extremhöhen (fast) vollkommen im Griff.

Catriona Smith bringt als herrlich zickige Lisa Komödie und Drama mit überzeugendem Spiel und in ihren beiden Arien gerechter Sopran-Bravour in bestechende Balance.

Enorm aufgewertet ist die Ziehmutter Teresa als vorteilsbedachte und doch fürsorgliche Frau in der persönlichkeitsstarken Verkörperung und aufgrund ihres weichen und doch prägnant schönen Mezzos eine fehlende Arie bedauern lassenden Helene Schneiderman.

Zwischen Frust und Spott und hier kernig zupackendem Bariton zeichnet Motti Kaston den ewig erfolglos um Lisa werbenden Alessio.

Nicht die schlafwandelnde Amina, sondern der Geist ihrer toten Mutter schreitet hier in Gestalt von Antje Albruschat über die Bühne und wird dem Grafen als ihrem einstigen Verführer wahrscheinlich auch über das Finale der Oper hinaus mahnend erscheinen.

So sehr die akribische Beleuchtung dem Stück enorm zu einer heute vertretbaren Glaubwürdigkeit und zudem impulsiven Gewichtung verholfen hat, am Ende sind die Phantasien des Regieteams mit einer angedeuteten Fehlgeburt Aminas und in der Folge wie betäubt und noch geschockt intonierter Final-Cabaletta zu weit gegangen. Da spricht die sich im Glückstaumel fast überschlagende Gesangslinie über dem hüpfend bewegten Rhythmus eine ganz deutliche, andere Sprache. Warum die Regie bei aller vorherigen genauen Aushörung der Musik diese zum Schluss ignoriert, bleibt als Frage im Raum stehen. Die bis dahin aufgestaute Begeisterung bekam dadurch leider einen kleinen Dämpfer.

Dennoch lange intensive Würdigung durch das Publikum, zumal es bis dahin durch nur ganz wenig Zwischenapplaus (wo dieser Nummern bedingt meist erfolgt) spüren ließ, wie sehr das Geschehen es unter Spannung hielt.

Zweifellos eine (zurecht mit mehreren Preisen) ausgezeichnete Vorzeige-Produktion des Hauses, die Jossi Wieler und sein Team ermutigen sollte, weitere Bellini-Opern zu erarbeiten.

Udo Klebes

 

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