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STUTTGART/ Kammertheater: STOP LISTENING START SCREAMING von Jorge Sanchez-Chiong

21.06.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Stop listening start screaming“ im Kammertheater (Staatsoper Stuttgart)

WIE MAN SICH SELBST VERDOPPELT

Spannende Premiere der Jungen Oper mit „stop listening start screaming“ am 21. Juni 2014 im Kammertheater STUTTGART

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Foto: Kalscheuer

Wieder wurde in der Jungen Oper Stuttgart ein vielversprechendes Kompositionstalent vorgestellt: Der Komponist Jorge Sanchez-Chiong ist in Caracas/Venezuela geboren, hat in Wien Komposition studiert und lebt dort seit 1988 als frei schaffender Künstler. Er tritt oft selbst als Virtuose an den Turntables (DJ) auf, Turntables spielen im Orchester dieser Medienoper eine zentrale Rolle. Seine Medienoper ab 13 Jahren „stop listening start screaming“ nach einem Drehbuch von Brigitte Wilfing thematisiert höchst virtuos das vielschichtige Genre des Reality TV, das eine zunehmende Rolle im Leben vieler junger Menschen spielt. Die drei Teilnehmer Franka (facettenreich: Anne Hoffmann), Till (ausdrucksreich: Nicolaas van Diepen) und Sebastian (robust: Moritz Löwe) stehen hier im Mittelpunkt. Sie sollen die Fernsehzuschauer mit einer neuen Fernsehschow gemäß dem Slogan „stop listening start screaming“ schockieren. Beim Casting dominiert Franka mit einer ultimativen Rebellion gegen politisch-soziale Missstände, während DJ Sebastian krampfhaft nach der Poesie im Alltag sucht und an den Turntables die Realität zu einer imaginären Märchenwelt morpht. Und der unerschrockende Till schockiert die Menschen vor laufender Kamera. Dies alles inszeniert Marco Storman mit nie nachlassender Akribie und visueller Präsenz, die Bühne befindet sich in einer wahren Eisstarre voller Schneeberge und eingefrorener Pflanzen. Das Ganze wirkt durchaus gespenstisch. Franka und Sebastian fliegen aus der Show raus, was insbesondere Anne Hoffmann mit schauspielerischer Originalität mimt, denn sie bekommt einen heftigen Weinkrampf. Sie kämpft mit ihrem T-Shirt und der Aufschrift „We are fucked“ wirklich gnadenlos gegen den Rest der Welt: „Du kamst als Mädchen, du gingst als Frau!“ Nur Till kommt in den Recall, der Pakt löst sich ein. Sein gesamter Körper ist mit elektronischen Utensilien vernetzt. Im ersten Akt haben die drei bei der „Bewerbung“ nämlich beschlossen, dass die anderen mit ihm für sein Projekt arbeiten werden, sollte einer von ihnen in die Show reinkommen. Im dritten Akt steigern sich dann in kunstvoller Weise Tempo und dramaturgische Spannung: „Wäre ich gerne auf einer einsamen Insel?“ Till muss sein Angst-Video stoppen. Er wird zunehmend unberechenbarer, während Sebastian unbeirrt weiterträumt: „Gibt es die anderen wirklich?“ Das ist auf der offenen Bühne ausgesprochen geschickt gemacht. Und man sieht Videoaufnahmen mit surrealistischen Einblendungen und Effekten: Jemand scheint mit seinen Füßen über überdimensionale Blätter zu laufen. Auf dem Video läuft zuweilen alles wie auf einem Doppelband. Franka verfolgt geschickt ihren Plan, die Mechanismen der Show weiter auszuhebeln. Im vierten Akt töten Till und Franka Sebastian vor laufender Kamera – eine gruselige Szene mit unzähligen Nackenschlägen, die Franka erbarmungslos verteilt. Der fünfte Akt bringt zuletzt den zweifelhaften Sieg der Casting-Gruppe: „Du bist jung! Du bist rebellisch! Du hast was zu sagen! Du bist die Zukunft!“ Hier zeigt die Musik ihre besonderen Qualitäten, steigert sich fast schon alptraumhaft im Zeitlupen-Tempo, wobei vor allem die exzellenten Musiker Nikola Lutz (Saxophon), Barbara Borgir (Cello), Christian Kiss (Gitarre) und Michael Aures (Schlagzeug) unter der souveränen Leitung von Stefan Schreiber (der sich am Mischpult befindet) brillieren. Chromatische Figurationen und reizvolle kontrapunktische Satzkünste ergänzen sich sinnvoll. Serielle Technik wird mit Elementen der elektronischen Rock-Musik geschickt verbunden. Zuletzt lautet das Motto: „Wir können diesen Wahnsinn stoppen…“ Und das Ende bleibt tatsächlich offen. Man ist sich nicht einmal sicher, ob Sebastian den Anschlag nicht doch überlebt hat. Denn die gesamte Gruppe verschwindet wie ein Chamäleon unter einem großen „Mantel“, bewegt sich damit Richtung Ausgang. Es regnet goldene Konfetti, Nikola Lutz wirbelt sie als virtuose Saxofonistin mit souveräner Atemtechnik wild durch den Raum. Da bleibt für Augenblicke wirklich die Zeit stehen. Interessant sind außerdem die geheimnisvollen Bezüge zu Goethes „Faust“: „…aus fünf und sechs so sagt die Hex mach sieben und acht so ists vollbracht und neun ist eins und zehn ist keins das ist das Hexeneinmaleins.“ Dominik Steinmanns Ausstattung und Peer Engelbrechts Videoarbeit (assistiert von „Impulskontrolle“) ergänzen sich ausgezeichnet. Man beschwört fast schon eine stimmungsvolle Winterlandschaft. Barbara Tacchini (Leitung Junge Oper) hat mit ihrem dramaturgischen Konzept ebenfalls ganze Arbeit geleistet. Die total verrückte RTL-Welt eines Dieter Bohlen wird hier jedenfalls gehörig auf die Schippe genommen. Zuweilen hätten dem harmonischen Aufbau noch präzisere Strukturen gut getan. Dem Publikum gefiel das. Live-Video: Stephan Komitsch, Roman Kuskowski, Ton-Zuspielungen und musikalische Gesamtleitung: Stefan Schreiber.

 Alexander Walther

 

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