Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART: DON QUIJOTE – "klassischer Ballerinen-Nachwuchs"

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 5.10.2012 – Klassischer Ballerinen-Nachwuchs


Mit Witz und Tempo: Rachele Buriassi (Kitri) und Jason Reilly (Basilio). Copyright: Stuttgarter Ballett

 Nachdem es beim Stuttgarter Ballett einige Jahre lang an für den klassischen Spitzentanz prädestinierten Ballerinen gemangelt hat, stehen nun gleich mehrere für eine Paraderolle dieses Faches wie die Kitri zur Verfügung. Nach Jungtalent Elisa Badenes bei der Premiere und vor Hyo-Jung Kang, die wohl im Dezember an der Reihe sein dürfte, kam jetzt die letzte Spielzeit nach ihrer souverän bestandenen Doppelrolle im „Schwanensee“ zur Solistin beförderte Italienerin Rachele Buriassi zum Einsatz. Und in Angelina Zuccarini, die auch in dieser Vorstellung wieder als eine der beiden Freundinnen Kitris u.a. mit einem perfekt servierten Solo brilliert hat, dürfte wohl die nächste passende Rollenanwärterin ausgemacht sein.

Doch zurück zu Buriassi: mit langen Beinen und kräftig weitem Spann verleiht sie ihren sicher und stets ausgewogen gedrehten Pirouetten einen hoheitlichen Schwung, fängt eine minimale Balancen-Störung ihrer in irrsinniger Geschwindigkeit hingelegten Fouettes geistesgegenwärtig ab und wirft sich mit Schmiss und Lust in die Arme des Partners. Ihre spielerische Anlage schwankt noch zwischen natürlichem Temperament und gekünstelter Pose. Was ihr an jugendlich entwaffnendem Liebreiz fehlt, gleicht sie mit gereiftem Charme aus. Dass sie sich insgesamt so locker in ihren Part werfen kann, hat sie auch Jason Reilly als nicht nur in den mit links ausgeübten einarmigen Hebungen überaus zuverlässigem Partner zu verdanken. Der Afro-Kanadier hatte den Basilio bereits bei den ersten Vorstellungen dieser Produktion vor zwölf Jahren getanzt und in dieser für eine Tänzerkarriere langen Zwischenzeit nichts an Rollen-Glaubwürdigkeit und tänzerischem Schwung eingebüßt. Obwohl er sonst in ehrwürdiger klassischer Haltung keine so glückliche Figur macht, scheint er hier die Mischung aus choreographischer Bravour, viel Lebensfreunde verheißender Rhythmik und humorvoller, ja in den Details witziger Auslebung richtig zu genießen, so dass die Interaktion mit der ähnlich gelagerten Partnerin übereinstimmt und für ein überzeugendes Zusammenspiel sorgt. Auch in den kraftvollen, dabei aber trotz seines ausgeprägt muskulösen Körperbaus nie schwer wirkenden Sprüngen und Überschlägen seiner Manège in der Coda, scheinen die Jahre ohne Einbußen an ihm vorüber gegangen zu sein.

Um die beiden herum präsentierte sich erstmals Petros Terteryan als viel Präsenz und noch etwas zurückhaltende Anteilnahme am Geschehen seiner Begegnungen aufweisender Don Quijote, begleitet von dem vorläufig noch etwas sparsam komödiantische Mimik einsetzenden Sancho Pansa von Özkan Ayik (ebenfalls Rollendebut). Oihane Herrero unterscheidet sich von den bereits gesehenen gütigen bzw. feenhaften Alternativen der Muse Dulcinea deutlich, repräsentiert mit tadellosem Spitzen-Trippeln mehr einen realen Menschen als eine symbolische Erscheinung. Restlos überzeugte wieder Anna Osadcenko in der Doppelrolle als Strassentänzerin und Königin der Dryaden, auch Alexander Jones hat sich trotz der musikalisch etwas sperrig wirkenden Choreographie des Torero die Rolle nach mehreren Vorstellungen persönlichkeitsstärker zu eigen gemacht. Elizabeth Wisenberg ist ein mehr lieber als spitzbübischer Cupido, Arman Zazyan gelingt es das Solo des Zigeunerprinzen mit spektakulären Beinüberwürfen und viel Attacke zu einem effektiven Hingucker im dramaturgisch besonders schwachen zweiten Akt aufzuwerten. Den Brautvater Lorenzo zeichnet Matteo Crockard-Villa in angenehm dosierter Pantomime. Abseits größerer technischer Ansprüche war es im Übrigen wieder ein Vergnügen, Damiano Pettenella bei seiner mit feinster Komik nie ins Peinliche abgleitenden Charakterisierung des snobistisch weichlichen elterlichen Wunsch-Bräutigams Camacho zuzusehen. Auch das ist große Kunst.                                                                                                                               

Udo Klebes

 

 

Diese Seite drucken