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STUTTGART/ Ballett: GISELLE. Von Schönheit und Transzendenz. Wiederaufnahme

Stuttgarter Ballett: „GISELLE“ 28.3.2014 (WA 21.3.) – Von Schönheit und Transzendenz

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Nuanciertes Spiel und leichte Eleganz:  Hyo-Jung Kang (Giselle) und Constantine Allen (Albrecht). Copyright: Stuttgarter Ballett

 Eine Woche nach der Wiederaufnahme der traditionellen, frei an Petipa angelehnten choreographischen Version von Reid Anderson und Valentina Savina schlug mit dem Debut der Ersten Solistin Hyo-Jung Kang beim Stuttgarter Ballett endlich wieder die Geburtsstunde einer Interpretin, die in der vielfach fordernden Titelrolle ein technisch-gestalterisches Format aufweist, das vor der internationalen Konkurrenz der klassischen Hochburgen mühelos bestehen kann.

Ließ die Koreanerin bisher meist etwas zu viel eingleisigen Frohsinn als Zeichen einer durchschlagenden Tanzlust walten, so öffnete sich jetzt all das wohl bisher in ihr geschlummerte Differenzierungsvermögen. Und was das Beglückendste dabei ist: sie erkannte und fühlte die Musik Adolphe Adams, die mehr als in jedem anderen Ballett den Schlüssel zum Rollenverständnis liefert, als tiefgehende Animation und fächerte das nach und nach erwachende Vertrauen und die Zuneigung zu dem incognito um sie werbenden Herzog Albrecht in einer Vielzahl kleinst nuancierter mimischer Regungen auf. Und das mit einer berührenden Demut vor dem Werk, die sie die gerne ins Pathetische überschlagende Wahnsinns-Szene instinktiv als ganz und gar natürliche Flucht in eine andere Welt erfassen ließ. Verdammt ins Geisterreich der betrogenen Geliebten, gelang es ihr dank einer in höchstem Maße zuverlässigen technischen Balance, die auf Spitze gezogenen Bahnen schwebend leicht aussehen zu lassen und zusätzlich unterstützt von in Zeitlupe weit atmenden Arabesquen eine bannende Transzendenz zu bewirken. Gerade auch in der Schönheit, mit der sie in dieser Rolle aufgeht, erinnert sie unabhängig von derselben Herkunft an ihre berühmte Namensvetterin und Kollegin Sue Jin Kang. Besser hätte dieses Rollendebut wirklich nicht ausfallen können.

Mit nicht weniger Spannung wurde Constantine Allens Einstand als Albrecht erwartet, zumal diese Danseur noble-Rolle für den Halbsolisten eine in diesem frühen Karriere-Stadium durchaus privilegierte Chance bedeutete.

Rein formell lief auch bei ihm alles wie am Schnürchen: klare Eleganz in den Linien, leichtes Port de bras, weich abgefederte Sprünge und gleichmäßige Drehungen. Doch das schauspielerische Verständnis hinkte leider noch einige Stufen hinterher. Vor allem das leichtfertige Spiel mit Giselle im ersten Akt zeugt von wenig Interesse an der Partnerin, scheint mehr auf sein eigenes Ich reflektiert. Dabei ist der dunkelhaarige Amerikaner mit exotischem Einschlag als Erscheinung ein echter Hingucker mit Ausstrahlung, doch innerlich bedarf es noch einer deutlichen Reifung. Auch Schmerz und Trauer bei den Wilis wirken vorerst mehr korrekt dargestellt als ernsthaft erfühlt.

Als neuer Gegenspieler Hilarion präsentierte sich Jesse Fraser in einer tragenden Verbindung aus heiterer Gelöstheit und forschem Auftreten, wesentlich unterstützt von seiner generellen Präsenz und langen Beinen, die die Bedeutung seiner Auftritte im allgemeinen wie die Effektivität des Strudels an Sprüngen und Drehungen vor der Geisterkönigin Myrtha  besonders unterstreichen.

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Pfiffig fröhlicher Bauern-Pas de deux: Elisa Badenes und Robert Robinson. Copyright: Stuttgarter Ballett.

Der hoch anspruchsvolle Bauern-Pas de deux ist lebendiger, lebenslustiger und technisch pfiffiger kaum denkbar als in der pure Freude verströmenden Elisa Badenes. Was für eine Körperbeherrschung, die es ihr erlaubt, mit der Musik und ihren Tempowechseln spielerisch umzugehen. Neben einer solchen Ideal-Besetzung hatte es ihr Partner Robert Robinson schwer, doch behauptete sich der bislang eher mit humorigen oder psychologisch schwierigen Charakteren behaftete Ausdruckstänzer in diesem ungewohnten Erscheinungsfeld abgesehen von einer gewissen Steifheit der Präsentation als durchaus gewachsener Techniker, der z.B. im zweiten Solo mit hohen in die Luft geworfenen Beinen hervorstechend reussierte.

Die Wilis wurden von Angelina Zuccarini solide angeführt, im Laufe des Abends musste sie durch Ami Morita, die als Myrtha im April debutieren sollte,  aus der Gruppe schnell und zuverlässig ersetzt. Als auffallend königliche Solo-Wilis behaupteten sich Alessandra Tognoloni und Miriam Kacerova, wobei letztere mit besonders geschmeidiger organischer Verbindung ihrer Bewegungen bald die Regentschaft übernehmen dürfte. 

Als Giselles Mutter Berthe gab es ein Wiedersehen mit der ehemaligen Stuttgarter Tänzerin Marieke Lieber, und sie bewahrte den Spielpart vor allzu viel Biederkeit.

Das Ensemble der Wilis, vielfach mit Nachwuchs besetzt, bedarf noch der Homogenisierung, die Bauernjungs hatten es da im volksnahen Gewand etwas einfacher.

Abgesehen von wenigen anfänglichen Grobheiten entfaltete sich die liebevolle, vielfach zwischen Piano und Forte gesteigerte und wieder zurück genommene Musik unter der Leitung von Wolfgang Heinz mit dem Staatsorchester Stuttgart in einer der Haupttänzerin angepassten Schönheit des Klangs und melodischen Entfaltung.              

Udo Klebes

 

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