Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SCHWETZINGEN/ Opernfestspiele: THE INDIAN QUEEN von Henry Purcell

28.04.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opern-Festspiele in Schwetzingen: „The Indian Queen“ von Henry Purcell (Vorstellung: 28. 4. 2012)


Die Königin Zempoalla (Mireille Lebel) im Kampf mit dem Bärenmann (Marc Labonnette) Foto: Hans Jörg Michel

 Jedes Jahr überraschen die Schwetzinger Festspiele, deren Leitung beim Südwestdeutschen Rundfunk liegt, neben anderem reichhaltigen Musikprogramm mit einer Uraufführung oder Opernrarität. So auch heuer mit „The Indian Queen“ von Henry Purcell (1659 – 1695). Aufführungsort war wieder das 1752 erbaute, 1762 erweiterte und 1956 restaurierte Rokokotheater im Schloss Schwetzingen, der ehemaligen Sommerresidenz der Kurfürsten von der Pfalz. Die Oper, die ihre Uraufführung 1695 in London hatte, ist eine Koproduktion mit der Opéra Metz und dem Theater Basel. (Da Henry Purcell, der als der bedeutendste englische Komponist des Barockzeitalters gilt, während der Arbeit an diesem Werk starb, vollendete sein Bruder Daniel den fünften Akt.)

 Die Handlung der Oper, deren Libretto nach einem Stück von John Dryden und Sir Robert Howard geschrieben wurde, spielt vor der kolonialistischen Zeit der europäischen Besatzer auf dem südamerikanischen Kontinent an den goldenen und silbernen Höfen Mexikos und Perus in der Welt der Inkas und Azteken. Am Hof von Peru belohnt der alte König seinen General Montezuma für den soeben errungenen Sieg über die Mexikaner und will ihm die Herrschaft über das besiegte Reich übertragen. Doch Montezuma lehnt ab. Sein Wunsch richtet sich auf Orazia, die schöne Tochter des Königs.

 Dies ist aber nicht der Handlungsablauf der Aufführung in Schwetzingen, da Joachim Schloemer für die Festspiele ein eigenes Konzept entwickelte und eine Rahmenhandlung erfand, die an Merkwürdigkeiten kaum zu überbieten ist. „Iris und Kevin, zwei Touristen, machen in Mexiko mit dem einheimischen Reiseführer Pablo eine Tour in die Wildnis. Plötzlich fallen die drei in ein Erdloch und geraten in eine völlig fremde Welt. Schon bald wird ihnen klar, dass sie nicht nur die Orientierung verloren haben, sondern auch nicht mehr herauskommen. Einzig Pablo ist nicht beunruhigt, er hört die Schönheit in den fremden Stimmen. Überhaupt scheint in dieser fremden Welt alles anders zu funktionieren, als Iris und Kevin es aus ihrer vertrauten Realität kennen.“ Soweit die Einleitung der Handlung im Programmheft.

 Im weiteren Verlauf erscheinen ein Schamane im Bärengewand und die kriegerische Königin Zempoalla, die ein blutiges Ritual vollziehen. Es bleibt nicht die einzige Bluttat. Träume der drei vermischen sich mit der Realität, ein Sonnengott erscheint und besingt die Königin, die Pablo eigenartigerweise ähnlich sieht, während Menschen unversehens an der Decke laufen können. Der Regisseur schien keine Kosten gescheut zu haben, um seine Ideen zu realisieren. Alles ist verkehrt: die Requisiten, wie Stühle und Tisch, hängen von der Decke zu Boden (Bühnenbild: Jens Kilian). Für die vor allem in Dunkelgrün gehaltenen Kostüme zeichnete Marie-Thérèse Jossen verantwortlich.

 Jene Zuschauer, die nicht bei der Einführung waren, schüttelten bloß verwundert den Kopf und verließen zur Pause fluchtartig das Theater. Man erfuhr, dass der Regisseur die Idee hatte, die Touristen eine Reise in ihre eigene Seele machen zu lassen. So stellte er ihnen im Laufe der Handlung Doppelgänger an die Seite, quasi das zweite Ich. Ein Verwirrspiel ohne Ende…

Bei vielen Szenen musste man sich die Frage nach dem Warum stellen, wie beispielsweise am Schluss, als der mexikanische Reiseführer Pablo immer mehr vom Geist seines Landes durchdrungen wird und dem Touristen Kevin ein Ohr abschneidet. Joachim Schloemer täte gut daran, wieder nur als Choreograph seine Kreativität auszuspielen, wie er es in den letzten Jahren als künstlerischer Leiter des Festspielhauses St. Pölten des Öfteren unter Beweis stellte.

 Dass die „Opernaufführung“ dennoch von musikalischer Qualität war, hatte man neben dem Sängerensemble vor allem dem Dirigenten Hervé Niquet zu danken, der das Orchester und den Chor Le Concert Spirituel – letzterer sang aus dem Orchestergraben – sehr umsichtig leitete. Die großartige Musik von Henry Purcell, die das Orchester mit vielen Facetten zum Erklingen brachte, beschreibt Benjamin Britten treffend, wie im informativen Programmheft nachzulesen ist. Daraus ein Zitat: „Man denke an seine ungestümen Rhythmen, seine gewagten misstönenden Akkordverbindungen, seine ausladenden Melodiebildungen ohne mechanische Wiederholungen ohrenfälliger Phrasierungen, insbesondere auch an seine Liebe zum Virtuosen, zum Opernhaften und zur bewussten Anwendung wirklich klingender Brillanz. Und dann stelle man sich die Bollwerke von Musik im England des 19. Jahrhunderts vor.“

 Aus dem exzellenten Sängerensemble ragten besonders zwei Stimmen heraus: der schillernde und wohlklingende Mezzosopran von Mireille Lebel, die als kriegerische Königin Zempoalla auch schauspielerisch brillierte. Augenfällig ihre sprechende Mimik! Ebenso der markante und tiefe Bass von Marc Labonnette, der als Bärenmann und Schamane eine starke Bühnenpräsenz entwickelte.

 Als Sonne hatte der Countertenor Mathias Vidal eine große Szene, als er ganz in Gold gekleidet die Königin besingt. Eindrucksvoll auch das Liebespaar Orazia und Acacis, die von der britischen Sopranistin Ruby Hughes (wunderbar ihre eindringlich gesungene Arie an die Himmelsmächte) und dem schwedischen Tenor Anders Dahlin gegeben wurden. Beeindruckend der Chor der Luftgeister im 3. Akt: „Wie glücklich wir sind! – Frei von menschlichen Leidenschaften. Wie glücklich wir sind!“

 Das Touristenpaar und den mexikanischen Reiseführer gaben die Schauspieler Anna Tenta als Iris, Vincent Leittersdorf als Kevin und Pascal Lalo als Pablo. Obwohl mit Wangenmikrophonen (warum eigentlich in dem kleinen Rokokotheater?) ausgestattet, waren sie des Öfteren kaum verständlich. Ein Armutszeugnis für das deutsche Sprechtheater! Auch waren die gesprochenen Passagen viel zu lang, wie einige Besucher in der Pause klagten.

 Der Beifall nach Schluss der Vorstellung hielt sich im Vergleich zu Opernaufführungen der letzten Jahre in Grenzen, vereinzelte Bravorufe gab es für das Sängerensemble und den Chor sowie für den Dirigenten und seinem Orchester.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

Diese Seite drucken