ROSSINI IN WILDBAD 2025:
„LA CENERENTOLA“
25.Juli 2025
Alidoro auf dem Thron
Über das diesjährige Popularwerk Rossinis im Festspielprogramm muss nichts weiter erläutert werden, allenfalls über die Stellung Alidoros – der Figur, die über der Handlung steht, sie lenkt und zum Guten für die erniedrigte, ja gar in ihrer Existenz verleugnete Angelina steuert. Ist er ein Zauberer, ein Philosoph oder gar ein Gott? Jochen Schönleber hat dem als Erzieher des Prinzen bezeichneten Alidoro eine moderierend rahmende Funktion auferlegt, während des ersten Teils der Ouvertüre, während seiner prachtvollen Arie und zum zufrieden Resumee ziehenden Kommentar vor dem Finale gehört ihm die Bühne vor dem Vorhang. Und als wahrhaft große und berührende Geste weist ihm Angelina zum Dank den eigentlich ihr bestimmten Thronsessel zu. Ob als Bettler oder in höherer Gestalt – Dogukan Özkan sichert ihm mit ruhig würdiger Präsenz und einem dem gewaltigen Tonumfang seiner großen Arie, die Rossini erst drei Jahre nach der Uraufführung hinzu komponierte hatte, tadellos und wohlgeformt entsprechenden und mit warmem Unterton versehenen Bass die verdiente Größe und Achtung.
In Schönlebers wie schon oft mit einfachen szenischen Mitteln aus vielfach verwandelbaren Podesten realisierten Inszenierung nimmt die vis comica einen breiten Platz ein, indem er den Puls der Rhythmen, die Wechselwirkung der Crescendi für das Zusammenspiel der Protagonisten, vor allem den Ensembles aufgreift, wo die Beteiligten manchmal selbst nicht mehr wissen, wo ihr Kopf steht. Manchmal wäre da weniger durchaus mehr gewesen, aber ihre Wirksamkeit macht sich auch bezahlt, weil er die von Claudia Möbius in zwischen Alltag und Feierlichkeit abgegrenzten Gegenwartskostümen gekleideten Personen dazwischen auch mal nachdenklich zu ihrem Recht kommen lässt.
An der Spitze des Ensembles steht Polina Anikina, die bereits letztes Jahr als „Italiana in Algeri“ für sich eingenommen hat,und hier nun Leid und Freud des Aschenputtels gleichermaßen berührend und bewegend ausspielt. Und nicht zuletzt mit ihrer schon leicht metallischen, mit breit ausgeprägten und von einem reizvollen Schleier umhüllten Alt-Tiefen gekennzeichneten Stimme aufhorchen lassen, die nur in den noch etwas herb funkelnden Koloraturen und einer etwas kurzen Höhe im Finale der Entwicklung bedarf.
Nach der anstrengenden Titelrolle am Vorabend weiß Patrick Kabongo als Don Ramiro eine Stufe in lyrischerere Gefilde zurück zu schalten und einen edel nuancierten Prinzen zu gestalten. Höhenaufschwünge gelingen auch hier vorzüglich, nur bei den ganz extremen Noten verliert das Timbre etwas an klanglicher Qualität. Seinen Diener Dandini gibt der hier schob mehrfach im Buffa-Fach versierte Emmanuel Franco mit manchmal überzogenem Spieldrang und Mienenspiel, wie auch sein ausladend breiter, etwas grob geschnitzter Bariton einen eher rustikalen als feinen Belcanto vertritt. Mit Filippo Morace, der als Don Magnifico väterliche Kontur zwischen Strenge und Güte sowie einen festen Bass-Bariton mit präzise funktionierendem Parlando aufweist, liefert er sich ein köstlich ausgespieltes Pointen-Duell bei der Enthüllung seiner wahren Identität.
Als Stipendiatinnen der Akademie Belcanto beweisen Ellada Koller (Clorinda) und Verena Kronbichler (Tisbe) bühnenreifen vokalen Zuschnitt und Spielvermögen als konkurrierende Stiefschwestern Angelinis im Barbiepuppen-Look mit langen blonden Haaren und überbetonter Augenpartie.
Erstaunlicherweise konnten sich die Herren des Philharmonischen Chores aus Krakau als Höflinge trotz kleinerem Orchester und im akustisch vorteilhafteren Raum nicht immer optimal durchsetzen. Jose Miguel Pérez Sierra hält auch hier den Motor mit Verve und einem fast Schwindel erregend explodierenden Verständnis von Crescendo-Wirksamkeit (wobei diese dynamisch bereits zu hochgefahren beginnen) ohne Spannungs-Abfälle am Laufen. Die MusikerInnen der Szymanowsky-Philharmonie Krakau dankten es mit blitzschneller Reaktion und nur gelegentlich in den Holzbläsern leicht übersteuerter Klangkultur. Und das Publikum letztlich allen wiederum mit Jubel.
Udo Klebes

