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REPÄSENTATION UND (OHN)MACHT

Ilsebill Barta u.a.
REPÄSENTATION UND (OHN)MACHT
Die Wohnkultur der Habsburgischen Prinzen im 19. Jahrhundert – Kaiser Maximilian von Mexiko, Kronprinz Rudolf, Erzherzog Franz Ferdinand und ihre Schlösser
Publikation der Museen des Mobiliendepots, Band 38
750 Seiten, durchgehend farbig bebildert, Großformat
Verlag Böhlau, 2019

Es gibt Bücher, die so groß sind, dass man sie „Riegel“ nennt, sie übersteigen sogar das Ziegel-Format. Wenn der Inhalt sich noch auf 750 (!) Seiten farbig und mit erläuternden Texten ausbreitet, ist das Buch unabdingbar für alle, die sich für diese Themen interessieren. Das ist Habsburg einerseits, Architekturgeschichte (außen und innen) andererseits: Hauptautorin Ilsebill Barta ist schließlich die wissenschaftliche Leiterin des Wiener Hofmobiliendepots (der nüchterne Name „Möbel Museum“ hat sich glücklicherweise nicht durchgesetzt). Sie verfügt also über Material und Kompetenz, zusammen mit Marlene Ott-Wodni und Alena Skrabanik das umfassende Thema der „Wohnkultur der habsburgischen Prinzen im 19. Jahrhundert“ in aller Breite und Ausführlichkeit darzulegen, ein Meisterstück an ausführlichster Recherche in allen Fällen. (Nur ein Einwand: In der Familie Habsburg gab es keine „Prinzen“, der Titel lautete „Erzherzog“…)

Bei den Herren handelt es sich um Kaiser Maximilian von Mexiko, um Kronprinz Rudolf und um Thronfolger Franz Ferdinand und ihre Schlösser. „Repräsentation und (Ohn)Macht“ lautet der Titel des Buches, da sich ja die Macht (zumal bei drei Männern, die alle einen gewaltsamen Tod erlitten – durch Hinrichtung, Selbstmord und Ermordung) nicht lange gehalten hat…

Alle drei Herren waren, wie in der Einleitung ausgeführt wird, Sammler (viele österreichische Museen profitieren noch heute davon), was bedeutete, dass auch ihre Villen, Residenzen und Schlösser reich bestückt waren. Das Vermögen der einzelnen Familienmitglieder (zumal, wenn sie dem Kaiser so eng verbunden waren wie Bruder, Sohn und Neffe) war enorm, sie mussten sich bei ihren (Bau-)Bedürfnissen und Wünschen keinerlei Zügel anlegen.

Maximilian

Wenn schon der 17jährige Erzherzog Maximilian (nach dem heute die Maxinggasse in Hietzing benannt ist, wo sein Denkmal auch am Platz vor der Kirche steht) ein eigenes „Schweizerhaus“ in der Nähe von Schönbrunn wünschte, das er Villa Maxing nannte, so kann man das in diesem Buch reich dokumentiert nachlesen und auch ansehen – Entwürfe und Pläne, Bilder und Fotos sind zu jedem Objekt, das vorgestellt wird, überreich zusammen getragen

.Maximilian liebte eigene Wohnsitze. Als er nach Italien ging, war sein erstes Domizil jene Villa Lazarovich in Triest, die Miramare vorausging – der Kaiserbruder diente damals bei der Kriegsmarine, musste also am Hafen wohnen. Die vorhandene Villa ließ er, wie Bilder zeigen, schon opulent ausstatten. Als er dann Charlotte von Belgien heiratete und Generalgouverneur von Lombardo-Venetien wurde, ließ er sich sein „Traumschloß“ bauen: Bis heute ist Miramare mit seinen weißen Zinnen ein Hauptanziehungspunkt für jeden Triest-Besucher. Dass er das Schloß, das ab 1856 errichtet wurde, schon 1854 auf Nimmerwiedersehen in Richtung Mexiko verlassen würde, war damals nicht vorauszusehen. Maximilians Vorliebe für das Meer (mit dem Anker als „seinem“ Symbol) zeigt sich im Schloß vielfach, nicht zuletzt in einem Raum, der wie eine Kajüte ausgestaltet ist. Das Buch bietet nicht nur Pläne und Interieurs, es kann auf einen wahren Schatz von Bildmaterial zurückgreifen und auch etwa Mobiliar oder Geschirr zeigen. Das Buch arbeitet auch die Geschichte des Schlosses nach Maximilian auf (was nach dem Auseinanderbrechen der Habsburger-Monarchie eine konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen Italien und Österreich über die Verteilung des Innen-Besitzes hervorrief).

Wenig bekannt, aber für Habsburg-Interessenten ein Ziel, ist die Insel Lacroma, die man per Schiff von Dubrovnik aus erreicht. Das waren noch Zeiten, wo eine Fürstin wie Charlotte eine Insel kaufen und dem Gatten schenken konnte. Heute total verwahrlost, kann man noch das ehemalige Benediktinerkloster sehen, das Maximilian und Charlotte ausstatten ließen, bevor sie weiterzogen. Die Insel kam später in den Besitz von Kronprinz Rudolf, und nach dessen Tod schenkte Kaiser Franz Joseph sie den Dominikanern.

Das Buch berücksichtigt auch Maximilians Residenzen in Mexiko, seine Ambition, zu bauen und einzurichten, ist auch als „Kaiser“ nicht im politischen Arbeitsaufwand verschwunden, im Gegenteil, sein Repräsentationswille und seine nunmehrige Selbstdarstellung in der Rolle, in der er mit seinem Bruder im Rang gleich gezogen hatte, äußerte sich auch jenseits des großen Ozeans. Schloß Chapultepec in Mexico-City ist heute noch à la Maximilian zu besichtigen. Er hatte in seinem Gefolge auch Architekten. Diese sind nach Österreich zurückgekehrt. Maximilian nicht.

Rudolf

Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth, kann es im punkto „Wohnen“ mit seinem Onkel nicht aufnehmen. Er lebte in den für ihn vorgesehenen Residenzen, die er innen nach seinen Vorstellungen ausgestalten ließ, als Bauherr wurde er selbst nicht aktiv.

Rudolf wurde im Schloß Laxenburg geboren und wuchs in der Hofburg auf, wo die Kinder eigene Räume hatten – wo, das weiß man heute nicht mehr. Wohl aber sind einige seiner Kindermöbel erhalten. Mit 15 Jahren bekam er sein eigenes Appartement. So wie auch Maximilian eine Vorliebe für „orientalische“ Räume hatte, gab es bei Rudolf ein „türkisches Zimmer“: Man lebte im Zeitalter des Historismus, und der Orientalismus war ein Teil davon. In der Prager Burg, dem Hradschin, lebte Rudolf dann mit seiner Gattin Stephanie zusammen, wobei sie eine Menge anmutiger Möbel in Weiß bevorzugte.

Mayerling ist als „Schauplatz der Tragödie“ die bekannteste „Adresse“ rund um Kronprinz Rudolf, der dieses Jagdschloß gekauft hatte. Heute ein Kloster (der Kaiser gab es nach dem Selbstmord Rudolfs an die Karmelitinnen), sind nur noch Bilder davon und Möbel (darunter das Sterbebett) erhalten.

Das Jagdschloß Mürzsteg in der Steiermark schließlich, das noch im Zusammenhang mit Kronprinz Rudolf in das Buch aufgenommen ist, gehörte allerdings dem Kaiser. Vater und Sohn fanden sich als begeisterte Jäger (kein Vergleich allerdings mit Franz Ferdinand…), und Rudolf hatte hier im ersten Stock ein Arbeits- und ein Schlafzimmer für sich. Die Einrichtung war allerdings vergleichsweise schlicht. Man kam schließlich zum Jagen hierher.

Franz Ferdinand

Erzherzog Franz Ferdinand, der Sohn von Kaiser Franz Josephs Bruder Karl Ludwig, ein Neffe Maximilians, ein Cousin von Rudolf, war der nächste Thronfolger des Habsburger-Reichs. Er hatte von einem Onkel, der ohne Erben war, Titel und Besitz des Este-Teils der Familie übernommen, wozu auch böhmische Schlösser zählten. Dabei war Schloß Chlumetz nur als Nebenresidenz gedacht, während Franz Ferdinand (mit Sophie Chotek verheiratet, den Wiener Hof eher meidend, immer in Richtung des Böhmisch-Mährischen Reichsteils ziehend) – vor allem Schloß Konopischt (in Tschechien) ausbauen ließ: Wo immer er sich befand, die Wände waren mit seinen Jagdtrophäen bestückt. Da er im Lauf seines Lebens mehr als eine Viertelmillion (!) Tiere erlegt hat, gingen ihm die Geweihe nie aus. Manchmal allerdings das Geld – dann gewährte der Kaiser großzügige Darlehen. Mit Ausnahme der ausgesprochenen Repräsentationsräume wirken in Konopischt die übrigen Zimmer des Schlosses gemütlicher und „ländlicher“. Aber man war der Modernität zugeneigt, mehrere Bäder wurden eingebaut. (Die Beschreibung von Konopischt nimmt übrigens den größten Teil des Buches ein.)

Schloß Artstetten erbte Franz Ferdinand von seinem Vater –und hier sind er und seine Frau begraben. Als Museum für den Thronfolger spielt Artstetten heute die größte Rolle in der Erinnerung an diesen interessanten, wenn auch vielfach ungeliebten Habsburger.

In Wien residierte er – entfernt vom Kaiser – im Schloß Belvedere, eine Art „Gegen-Hof“ für alle, die sich an der Zukunft orientierten (die 1914 in Sarajewo ein so abruptes Ende fand). Seine Räume im Belvedere, das heute (mit Ausnahme des Prunksaals, wo der Staatsvertrag unterzeichnet wurde) gänzlich ein Museum ist, existieren nicht mehr. Wohl aber zeigen Pläne die damalige Raumverteilung für den Erzherzog, Stiche und Fotos berichten von der pompösen „Schloß“-Raumgestaltung. Die Modernität, die es im „Wien um 1900“ gab, zog bei dem konservativen Thronfolger nicht ein. Über einen zeitgemäßen Rohrgeflecht-Gartenstuhl ging es kaum hinaus, sieht man von zeitgemäßen Badezimmern ab.

Ein Propaganda-Bildnis (Gouache von Theodor Zasche) zeigt den Kaiser zu Besuch bei Franz Ferdinand, dessen Frau und den drei Kindern… so gut war die Beziehung auch wieder nicht. Aber es ging um Familien-Kontinuität. Darum war Franz Ferdinand letztendlich auch in die Wiener Hofburg eingebunden.

Besitztümer und Aufenthaltsorte von Franz Ferdinand hatten immer mit der Jagd zu tun, etwa das Jagdschloß Lölling in Kärnten oder Schloß Blühnbach in Salzburg. Auch Schloß Ambras in Innsbruck zählte zu den Residenzen Franz Ferdinands (in Tirol haben die Habsburger seit Kaiser Maximilian gejagt), auch hier ließ er (der Kaiser überließ ihm das Schloß und nicht unbedeutende finanzielle Mittel) Umbauten vornehmen.

Das Jagdschloß Eckartsau im Marchfeld hatte eine lange adelige Geschichte, bevor es unter Maria Theresia an die Habsburger kam. Franz Ferdinand fand es in einem baulich schlechten Zustand vor, ließ es teils sanieren, teils neu bauen. Dass in diesem Schloß später sein Neffe Karl, der an seiner Stelle Österreichs letzter Kaiser werden sollte, auf die Regierungsgewalt verzichte würde – wer konnte das ahnen…

So zeichnet die „Baugeschichte“ der letzten Habsburger, wie der Titel des Buches sagt, auch die Geschichte ihres Untergangs nach.

Renate Wagner

 

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