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PESARO/ Rossini Opera Festival: ARMIDA & AURELIANO IN PALMIRA

16.08.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

PESARO/ ROSSINI OPERA FESTIVAL : ARMIDA und AURELIANO IN PALMIRA am 12. und 13. 8. 2014

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Armida und ihr Liebesnest. Foto: Festival Pesaro

 Es gibt Regisseure, die inszenieren alle Stücke immer auf die selbe Art, und solche, die inszenieren immer dasselbe Stück, in verschiedenen Städten (meistens „aufgewärmt“ von einem Assistenten).

Und dann gibt es Luca Ronconi. Der macht immer alles anders (weil er sich sonst zu Tode langweilt), und wenn er ein Stück nochmals inszenieren soll, dann aber v o l l k o m m e n anders. Wie um zu beweisen, dass es keine allein seligmachende Wahrheit, keine „richtige“, „absolute“, keine “ einzig gültige “ Sicht auf ein Werk gibt. Wie immer man dann zu den einzelnen Ergebnissen stehen mag, als Herangehensweise, als Charakterzug, als Prinzip ist diese Haltung bewunderungswürdig.

Bei der vorliegenden Oper, über sie wir hier berichten, vielleicht noch viel bewunderungswürdiger.

Denn der Meister hatte 1993 in Pesaro eine legendäre ARMIDA (die für die damals in Europa weitgehend unbekannte Renée Fleming den Durchbruch bedeutete) abgeliefert, von der alle damals Anwesenden bis heute mit leuchtendsten Augen schwärmen. Entgegen den Usancen des Festivals (das alle Produktion nach zwei oder drei Jahren wieder-aufnimmt) wurde diese großartige Inszenierung in Pesaro nie mehr gezeigt – trotz wiederholter flehender Petitionen von Armida-Begeisterten und Armida-Süchtigen an den künstlerischen Leiter, Alberto Zedda. Eine Schmach, ein Verlust, ein Skandal, und zwar ein völlig unverständlicher.

Als jetzt die ARMIDA in der Regie von Luca Ronconi für diesen Sommer endlich(!) wieder angekündigt wurde, konnte man die spitzen Freudenschreie von Opernfans rund um den Globus förmlich widerhallen hören.

Umso größer war das Erstaunen, als sich vor Ort herausstellte, dass es sich bei dieser Wiederaufnahme nicht etwa um eine möglicherweise „überarbeitete“, „verfeinerte“ und somit „verbesserte“ Version der ehemaligen Inszenierung handelte, sondern um eine t o t a l e Neuproduktion.

1993 hatte sich Ronconi vom Sternbergschen Filmklassiker Marokko (mit Marlene Dietrich) inspirieren lassen, mit einer blondperückten Fleming und um sie herumscharwänzelnden Fremdenlegionären in Tropenhelmen. Als sich jetzt in der Adriatic Arena der Vorhang öffnete, sah man nichts dergleichen, nicht einmal annähernd. Stattdessen fiel unser Blick auf mehrere Dutzend über die große Bühne hindrapierte lebensgroße „pupi siciliani“.

Das ist natürlich eine intelligente – und eigentlich erstaunlich naheliegende – Entscheidung, besteht doch das Repertoire dieser gepanzerteh sizilianischen Marionetten in erster Linie aus Kreuzfahrergeschichten…und fußt doch das Libretto zur ARMIDA auf Torquato Tassos Kreuzfahrerepos „Gerusalemme liberata“…

Warum also noch niemand früher auf die Idee gekommen ist ? Der erste Eindruck ist jedenfalls verblüffend.

Denn für lange, lange, quälende Minuten weiß man nicht, wer unter den Heerscharen von silberglänzenden „pupi“ nun die Marionetten sind und wer die als Marionetten verkleideten Sänger…

Das klärt sich dann naturgemäß irgendwann, aber bis zum Ende des ersten Aktes ist man dermaßen irritiert und verwirrt, dass es einen auch nicht wundern würde, fänge eine von den in großen offenen Holzkästen baumelnden „echten“ pupi doch auch noch zu singen an.

Grossartig!

Das Gelingen dieser ab-normen Oper (ein Sopran, umgeben von sechs ! Tenören, ungewöhnliche dramaturgische Struktur, gewagte Instrumentierung) steht und fällt natürlich mit der Besetzung der Titelpartie.

Hier waren im Vorfeld Zweifel laut geworden, nicht nur von Fleming -Nostalgikern, sondern vor allem auch von Opernfreunden, die diese spanische, aus der pesareser Nachwuchschmiede “ Accademia Rossiniana “ hervorgegangenen Sopranistin Carmen Romeu bereits in anderen Rollen (zb. Desdemona im Rossinischen Otello) gehört hatten. Schöne Stimme, gute Sängerin, aber inadäquat für die für die Colbran geschriebenen Mörderkoloraturen, lautete das Vor- Urteil.

Und tatsächlich konnte man beim Anhören der Live-Übertragung von der Premiere(wobei aber sicher die Premierennervosität auch eine Rolle gespielt haben wird) solche Vorbehalte bestätigt fühlen. Auch einige nicht unberechtigte Buh-Rufe waren zu vernehmen.

Bei der von uns besuchten zweiten Vorstellung schien jedoch alles anders. Die mangelnde Höhe der Protagonistin war selbst bei gutem Willen nicht zu überhören, aber besonders im dritten Akt – einer der ungeheuerlichsten und kühnsten Hervorbringungen der gesamten Weltopernliteratur – wuchs dieses zierliche Persönchen, ganz in der tragischen Figur der von ihrem Lover verlassenen Magierin aufgehend, durch eine furiose Interpretation weit über sich hinaus und überzeugte auch die anfänglichen Skeptiker.

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Armida (Carmen Romeu) und Amor. Foto: Pesaro-Festival

Ausgezeichnet auch die letztlich(durch Doppelbesetzungen) nur v i e r Tenöre (Antonino Siragusa, Randall BillsVassilis Kavayas und Dmitry Korchak) die einem bis zuletzt – unglaublich perfekt auf Marionetten geschminkt – die Gänsehaut hinunter liefen liessen.

Überzeugend das die Geschichte der Kreuzzüge nachspielende Ballet con Michele Abbondanza im zweiten Akt.

Exzellent die concertati von Carlo Rizzi an der Spitze des wie immer hervorragenden Orchestra del Teatro Comunale di Bologna.

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Nicht in ganz so hohe Glücksregionen konnte einen die zweite, mit Spannung erwartete, Premiere entführen. Premiere im wahrsten Sinne des Wortes, denn Rossinis Jugendwerk AURELIANO IN PALMIRA war – mangels Fertigstellung der historisch-kritischen Edition (eine conditio sine qua non im Mekka der Rossini-Pflege)- in Pesaro n o c h  n i e aufgeführt worden.

Gleich bei der Ouvertüre schlackern den mit der Werksgechichte nicht vertrauten Zuhörern die Ohren: denn es handelt sich dabei doch tatsächlich um die allseits bekannte, ungemein populäre Ouvertüre zu – Il Barbiere di Seviglia. Allerdings in elegischem, nahezu tragischem Ton. Die Vermutung liegt nahe, dass der Meister, auf der Welle seines Erfolges reitend, seine greatest hits hier noch einmal recycelt hat.

Die historische Wahrheit ist jedoch eine andere. Aureliano kam zuerst – und wurde zum Flop !

Also benützte ihn Rossini – wie aus dem bis heute anhaltenden Erfolg des Barbiere zu erkennen ist: mit gutem Recht – als Steinbruch für seine nächsten Opern (darunter auch : Elisabetta, Regina d’Inghilterra)

Insofern ist die Begegnung mit dieser Rarität von allerhöchstem Interesse. Und Aureliano ist auch an sich, ohne diese Zusatzinformationen, ein bedeutendes und gelungenes Werk, das seinen ursprünglichen und leider auch anhaltenden Misserfolg (wie so oft) wohl ausschließlich einer unglücklichen Verkettung von Umständen zu verdanken hat.

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Zenobia auf dem Triumphwagen. Foto: Festival Pesaro

Bedauerlicherweise verdirbt einem Dirigent Will Crutchfield schon vom ersten Ton an die Freude an dieser Wieder-Entdeckung.Seine überdehnten, langsamen, schleppenden Tempi machen selbst dem wohlwollendsten Zuhörer alsbald ein fades Ohr.

Dabei ist die Sängerschar an und für sich hervorragend. Eine der derzeit besten Tenöre weltweit, Michael Spyres, gibt einen virtuosen Aureliano (= Marc Aurel, eine aufgeklärte Herrscherfigur, die ebenso wie sein Kollege Tito gar nicht anders kann, als ununterbrochen sinnloseste und unverständlichste Gnade zu üben), Lena Belkina hat einen gut geführten, schön timbrierten Mezzo (hier muss man allerdings gestehen, dass einen die Besetzung dieser für einen Kastraten geschriebenen Partie mit dem Countertenor Franco Fagioli vor Jahren in Martina Franca mehr beeindruckt hat) und der australische Sopran Jessica Pratt bewältigt die atemberaubenden Koloraturenläufe einwandfrei und tadellos. Dass sie dabei allerdings auch den warmherzigen Ausdruck einer Elisabeth Schwarzkopf, die eloquente Mimik einer Nicole Kidman und die dramatische Präsenz einer Montserrat Caballé ihr eigen nennt – und somit nach der hier schon oft vertretenen Meinung ihres Rezensenten auf einer Opernbühne eigentlich nichts verloren hätte, steht auf einem anderen Blatt.

Regisseur Mario Martone, der mit „Mathilde di Shabran“ vor einigen Jahren für eine denkwürdige ROF-Produktion gesorgt hatte, erschöpfte sich diesmal im geschmackvollen Arrangieren bunt kostümierter Protagonisten.

Nur dumm hingegen war seine einigen Hollywood – Filmen entlehnte Idee, auf den Schlussvorhang historische Fakten zu projizieren, die belegen sollten, was nachher „wirklich“ geschah: Ja, Zenobia soll sich mit dem römischen Kaiser nicht versöhnt haben, sondern im Triumphzug durch Rom geschleppt worden sein. Und ja, in derselben Weltgegend gibt es heute noch „blutige“ Kriege. Danke, für den Hinweis, Herr Professor Martone !

Was Sie aber vielleicht übersehen haben während ihrer vierstündigen Regie ist, das es sich bei Aureliano in Palmira um kein Bio – Pic handelt, geschweige denn um eine zeitgenössische Vertonung des syrischen Bürgerkriegs.

So blieben Martones eindrücklichste Einfälle, während der fast gesamten Spieldauer eine Martha Argerich-ähnliche Gestalt hinter ihrem Cembalo auf der Bühne zu platzieren, sowie ab und zu eine entzückende, äußerst talentierte und in anmutigster Weise grüne Blätter vernaschende – Ziegenherde auftreten zu lassen.

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Die Ziegen. Foto: Pesaro-Festival

Etwas bösartig formuliert könnte man sagen, dass einem diese wunderschönen Bilder als Inszenierung eigentlich schon gereicht hätten – bei gleichzeitiger Ertönung des Gesangs von hinter einem undurchsichtigen Vorhang.

 Robert Quitta, Pesaro

 

 

 

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