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GRAZ/ Oper: SALOME von Richard Strauss. Premiere

Biblische Blutspuren

11.11.2018 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Salome Johanni van Oostrom, Thomas Gazeli als Jochanaan, Pavel Petrov mit Kamera als Narraboth  Foto:W.Kmetitsch

OPER GRAZ

Richard Strauss  SALOME
Premiere   Samstag, 10.November 2018

Biblische Blutspuren

Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele hatte es als absolut großartig gefunden, dass Romeo Castellucci eine „Salome“ ohne einen Tropfen Blut machen wollte, eine „Vermeidung von allem Plakativen“. Florentine Klepper, die Regisseurin in Graz war einer solchen Vermeidung aus dem Weg gegangen: Statt des Kopfs des Jochanaan wird der Königstochter für ihren Schlussgesang gleich der ganze blutüberströmte Körper des toten Propheten hingeworfen, auf welchem diese sich sodann, von Linnen umhüllt, ihrer Sehnsucht nach den toten Lippen mit ihrem ganzen Körper hingibt.

Die Regisseurin geht in ihrer Geschichte und Deutung gleich aufs Ganze, zieht mit Videoprojektionen eine zweite Erzählebene mit dem inzestbeladenen Leben am Hofe des Tetrarchen ein, in welcher in einer, einem Glashaus ähnlichen Atmosphäre, Salome-Doubles die jeweiligen Stationen des Niederganges ihres Originals beobachten, wobei auch eine von ihnen mit ihrem eigenen Schädel in der Hand im Schlussbild erscheint. Und dann wird da heftig Party gefeiert und dazwischen läuft die biblische Story mit Jochanaan ab. Damit – so die Regisseurin – „öffnen wir einen Resonanzraum für Salomes Reise ins Innere des Systems“. Und aus tiefenpsychologischer Perspektive heraus wurde auch das Gefängnis Jochanaans nach oben, über das Schlafzimmer der Herodias verlegt – jetzt wird es klar, dass der Prophet diese ständig als Hure beschimpft bei dieser Lauschverbindung – „während der Tanz der Salome tief hinein in Salomes Unterbewusstsein führt“ so Frau Klepper. Dieser Tanz aber, der spielt sich ebenfalls in Videoprojektionen ab.

Und wenn das Geheimnis der Liebe – laut Originaltext – größer als das Geheimnis des Todes ist, so stecken aber die letzten Geheimnisse der Regie wie immer auch diesmal im Programmheft und nicht in der Logik der Bühne.

Gegen „Salome“ wäre der „Tristan“ ein Wiegenlied, das meinte angeblich Cosima Wagner. Nun, Oksana Lyniv kam mit diesem Strauss gut zurecht, meisterte die „musikalischen Ausbrüche so wie die zartesten Nuancen“ weil sie die Grazer Philharmoniker sichtlich und hörbar durch das Werk wie „Elfenmusik“ führte – ganz im Sinn einem Wunsch des Komponisten entsprechend und mit einem exakten Plan der Balance und der Lautstärke des Orchesters, vor allem im Sinne der Durchhörbarkeit der Singstimmen und schlussendlich mit einem genauen Konzept über die Hierarchie der einzelnen Motive. Ihre exakt abgezirkelten Einsätze verleiten allerdings manchen Kritiker oft zum Vorwurf des Eindrucks artifizieller Kühle, ein Eindruck, der sich aber hinsichtlich der aufmerksamen Sängerbegleitung und Abstimmung der Dynamik nicht unbedingt bestätigt.

Die Dirigentin steht immerhin am selben Pult wie der Komponist, der hier in Graz am 16.Mai 1906 die österreichische Erstaufführung seiner dritten Oper leitete, da die Zensurbehörde des Kaiserlichen Hofes eine Aufführung in Wien zu verhindern wusste mit dem Hinweis auf die „Darstellungen, die in das Gebiet der Sexualpathologie gehören“.

Glanzstück des Abends war eindeutig die ausdrucksstarke und mit einer Prachtstimme gesegnete Johanni van Oostrum, die sich mit Selbstverleugnung auf ihre blutige Aufgabe stürzte und vor allem eine hörenswerte Schlussszene hinlegte. Die begehrte Kindfrau wurde auch ständig von der Regie mit dem Hang zu narzistischer Selbstspiegelung in Form ständiger Selfies oder zu Aufnahmen mit der Videokamera gezeigt.

Thomas Gazeli, der zur großen Überraschung einem Zisternengefängnis aus dem Obergeschoss entstieg, sollte wortdeutlicher werden. Der Tetrarch im grünen Anzug benahm sich ebenso wie die übrige Entourage des Hofes wie einer mafiosen Bande zugehörig und nicht wie einer fürstlichen Hofhaltung – das Milieu des Librettos und die im Wortsinne ja glänzende musikalische Begleitung waren wieder einmal weit weit entfernt von der gebotenen Optik. Manuel von Senden sang mit seinem durchdringenden Charaktertenor wortdeutlich den Herodes, Iris Vermillion war die Herodias voll Ironie und Verachtung für den einst Geliebten. Den Narraboth gab Pavel Petrov und fiel mit seinem Tenor wieder äußerst positiv auf, auch Mareike Jankowski als Page konnte gefallen. Stellvertretend für die vielen Juden, Nazarener und Soldaten darf das Pauschallob Konstantin Sfiris entgegennehmen, der immerhin in dieser Saison sein 33.Jahr als Ensemblemitglied feiern darf.

Für die Kostüme – pelzig, glitzernd, elegant die Herodias, weiß und unschuldig Salome mit einer besonderen Stiefelkreation, heutig und nur mäßig elegant der Hofstaat, zerfetzt der Häftling – zeichnet Adriane Westerbarkey verantwortlich, die konstruktiv zerfledderte und daher wenig ansehnliche Bühne ist von Martina Segna, das Lichtdesign von Reinhart Traub diesmal ebenso wichtig wie die Videobespielung von Heta Multanen.

Das Publikum feierte Johanni van Oostrum stürmisch.

Peter Skorepa
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