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NÜRNBERG: ANDREA CHENIER

29.04.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

NÜRNBERG: ANDREA CHENIER am 28.4.2013 (Werner Häußner)


Leidenschaftlich und authentisch: Andrea Chénier (Vincent Wolfsteiner) auf dem Ball der Gräfin de Coigny (mit dem Chor des Staatstheaters). Foto: Jutta Missbach

Bei der Gräfin de Coigny scheint die Kasse gefüllt zu sein: Der große Salon des Schlosses ist in neuestem, elegantem Stil gestaltet, die Kostüme zum Sommerfest sind vom Feinsten. Selbst an der Livrée der Bediensteten wurde nicht gespart. Edoardo Sanchi und Roswitha Thiel haben das Jahr 1789 stilvoll eingefangen, aber sogleich auch gebrochen: Gérard an der Spitze der Dienerschar lässt mit unterdrückter Wut Kissen in die Ecken schleudern, Picknickkörbchen werden hingeknallt. Unter den Dienstboten herrscht Frust.

Beste Bild-Voraussetzungen also für Regisseur Guy Montavon, die historisch authentische Tragödie des Dichters André Chenier zu erzählen. Luigi Illica, der Librettist, wusste, wie man eine solche Geschichte voller Emotionen aufbereitet: Liebe und Hass, Pathos und Rührung, leidenschaftliche Charaktere, ein in die Utopie weisendes Ende; dazu der erregende politische Hintergrund der Französischen Revolution. Und Montavon, Intendant in Erfurt, wollte dem Nürnberger Publikum in Umberto Giordanos Oper keine regielichen Mätzchen zumuten. Eine straffe Erzählung, nah am Text und in einem behutsam verfremdeten historischen Ambiente: danach stand ihm der Sinn.

Gelungen war das in dieser Koproduktion mit dem Theater Erfurt nur teilweise. Die Räume werden zwar zum Sinnbildlichen transzendiert: Der düstere, das Rokoko schon in strenge Geometrie fassende Saal könnte in seiner feierlichen Düsternis ein Raum der Toten sein. Die riesigen Blumen, die vom Himmel schweben, haben nichts Unbeschwertes, Frühlingshaftes, erinnern eher an Grabschmuck. Im zweiten Bild hängen pompöse blinde Spiegel und eine gebrochene Scheibe wie die Schneide einer Guillotine im Raum. Die revolutionäre Masse schwankt auf Tribünen wie auf Riesenschaukeln über dem festen Grund – wankelmütig und von wechselnden Impulsen hin- und hergetrieben wie das „Volk“ der Revolutionsjahre.

Solche Bilder wirken. Doch in der Personenregie bleibt Montavon an Wort und Vordergrund hängen, statt Charaktere subtil auszuleuchten: Das gelingt am ehesten noch mit dem leidenschaftlichen Titelhelden Vincent Wolfsteiner und der so anmaßenden wie realitätsblinden Contessa di Coigny der Christiane Marie Riedl. Die ausgestreckte Hand des jungen, hitzigen Dichters übersieht sie einfach – eine treffende Chiffre für die verstockte Aristokratie. Aber den aufrührerischen Lakai Gérard hat man in seiner explosiven Erregung, seiner berührenden Trauer um das sinnlos verbrachter Diener-Dasein seines alten Vaters und später in seinem Konflikt zwischen der aussichtslosen Liebe zu Maddalena de Coigny und seinem charakterstarken Ethos schon überzeugender gestaltet gesehen. Das liegt weniger an dem manchmal zu grobstimmigen Mikolaj Zalasinksi, der in seinen großen Szenen im Zweiten und Dritten Akt zu überzeugender musikalischer Form gelangt, sondern an Montavons begrenzter szenischer Charakterisierung. Auch der vierte Akt bleibt in melodramatischen Konventionen stecken, unter denen die Rezeption veristischer Opern oft zu leiden hat.

Giordano bietet in „Andrea Chenier“ glaubwürdige, musikalisch reich ausgestattete Rollen an. Mit Vincent Wolfsteiner hat Nürnberg einen Tenor, der von der vokalen Wucht der Partie nicht in die Knie gezwungen wird, der eine stolze, hochgewachsene Gestalt mit einer flexiblen, kraftvollen, treffend timbrierten und meist atemtechnisch abgesicherten Stimme verbindet. Ein zu Recht bejubelter Sänger-Darsteller.

Ekaterina Godovanets hat es als Maddalena schwerer: Sie verkörpert anfangs die unbeschwerte, ahnungslose, verwöhnte junge Adlige, später eine unter Terror und Traumata leidende, aber ungebrochene Frau. Godovanets setzt einen klangvollen Sopran ein, um in ihrer Rolle die psychologischen Feinheiten durch dynamische und farbliche Differenzierungen zu entdecken. Das gelingt ihr immer dann, wenn sie über die Lust am üppigen Ton hinausdenkt, das Vibrato kontrolliert und ihr Potenzial lyrisch bezähmt statt extrovertiert auszuspielen.

Auch Judita Nagyová berührt als Bersi in Momenten vokaler Konzentration; die Madelon Joanna Limanska-Pajak muss dagegen so vordergründig agieren, dass der peinliche Eindruck auch durch stimmliche Vorzüge nicht auszugleichen ist. Die kleineren Partien fügen sich mit dem soliden Chor unter Tarmo Vaask und den Darstellern der Statisterie reibungslos ins Ganze ein; die Darsteller zeigen Liebe zum gestalteten Detail wie der schönstimmige Javid Samadov als Roucher.

Die Staatsphilharmonie unter Philipp Pointner trägt zum Gelingen des Abends einen saftigen Sound bei. Großzügig bemessene Phrasierungen stützen die vokalen Linien, der Bronzeton der düsteren Tutti kann Wehmut wie Gefährdung ausdrücken. Für die filigranen Rokoko-Imitate im ersten Bild hat Pointner die gehörige Luftigkeit; für den Aplomb des Blechs im Finale die nötige Zurückhaltung. Hier wird kein kruder, auf schnellen Effekt ausgerichteter „Versimo“ abgeliefert, der Giordanos begrenzte Tiefenschärfe desavouiert; hier wird aus der Musik die pure, leidenschaftlich beglaubigte Emotion gewonnen, die auch außerhalb italienischer Opern-Arenen als große Kunst anerkannt werden sollte. Nürnberg hat’s getan und einen musikalisch mitreißenden Opernabend gewonnen.

 

 

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