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NÖ Theaterfest / Reichenau: BANKIER BORKMAN

06.07.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Borkman Plakat 7103~1 
                                       Fotos: Renate Wagner

NÖ Theaterfest / Reichenau / Großer Saal: 
BANKIER BORKMAN von Henrik Ibsen
Premiere: 6. Juli 2915,
besucht wurde die Medienhauptprobe

Ibsens „John Gabriel Borkman“ (so der gängig bekannte Titel des Werks) ist ein wahrlich rabenschwarzes Stück. Im Hintergrund eine gewaltige Schuld, aus der beim Schuldigen Uneinsichtigkeit, bei den Betroffenen Haß resultiert. Einsamkeit, Starrsinnigkeit, brodelnde Abneigung der Ehefrau gegen den Gatten, hektisch-krankhafte Zuneigung zum Sohn und natürlich Lebenslügen aller Art: echter Ibsen. Da leuchtet kein Licht durch die Finsternis.

Dennoch wird der „Borkman“ extrem oft gespielt, aus für das Theater leicht einsehbaren Gründen – eine überschaubare Besetzung und drei zentrale Prachtrollen für nicht mehr ganz junge Schauspieler, und davon gibt es ja nicht so viele (die Rollen, nicht die Schauspieler). Wenn es erlaubt ist für die ganz Alten, sich zu erinnern – Balser, Wessely und Gold (alternierend mit Seidler) hat man in diesen Rollen gesehen, dann Frey, Almassy und Degischer, dann Pekny, Düringer und Wallner, dann Simonischek, Jesserer und Petritsch, dann  Lohner, Jonasson und Heesters, zuletzt waren es im Akademietheater Wuttke, Minichmayr und Peters, und Michel Piccoli kam im Gastspiel als Borkman. Nur, um klarzustellen, dass das immer vom Feinsten ist.

IMG_2105 alle drei

Und was die Besetzung betrifft, so kann Reichenau allemale mithalten. Regisseur Alfred Kirchner war es, der in seiner Konzeption (?) nicht allzu glücklich verfuhr – und die überdüsteren Bühnenbilder von Peter Loidolt, gelegentlich irisierend (und solcherart das Publikum blendend), machten die Sache schon durch den ewigen Zwielicht-Charakter unangenehm. Aber es sollte ja wohl auch eine Grottenbahn-Interpretation werden…

Das wird von der ersten Minute klar, wenn sich Gunhild Borkman, die vor Haß bebende Ehefrau des verbrecherisch-unglückseligen John Gabriel Borkman, auf der Bühne verrenkt. Tatsächlich muss Regina Fritsch (die als Darstellerin allerdings immer zu Extremen bereit ist, das weiß man aus langjähriger Erfahrung) diese Rolle dermaßen furienhaft überreizen, dass das Überkippen in die Lächerlichkeit nicht immer vermieden wird.

Die gewissermaßen „mildere“ Schwester (hat Kostümbildnerin Erika Navas ihr die rote Schleife ins Haar gesteckt, damit sie als der bessere Mensch kenntlich wird?) ist hier tatsächlich nicht dieselbe Furie (wie zuletzt im Burgtheater): Julia Stemberger versprüht als Ella Rentheim zwar gekränktes, aber gewissermaßen edles Frauentum. So, wie Chris Pichler die klassische Verführerin lasziv lächelt – wenn man Ibsen so spielt, wird er ziemlich banal.

IMG_2119 Schwab xx  IMG_2114 Fritsch  IMG_2041 Stemberger

Warum man in Reichenau das Stück „Bankier Borkman“ nennt (ein Übersetzer ist nicht angegeben), wird besonders angesichts von Martin Schwab nicht klar. Man kann die Rolle (Helmuth Lohner hat es zuletzt am klarsten gezeigt) tatsächlich als zynischen, reuelosen Wirtschaftsverbrecher darstellen, und so würden wir Borkman am besten begreifen. Schwab ist mit seiner wilden weißen Mähne und vor allem seinem hektischen Gehabe alles andere als der einstige Manager, sondern einfach ein alter Wirrkopf, der seine Träume nicht durchsetzen konnte, ein Schönfärber und Sich-in-den-Sack-Lügner, nicht mehr. Dabei wäre das ein gleichnishaftes Schicksal.

Da prunkt neben ihm Hans Dieter Knebel in der Rolle des Foldal mit der besten Leistung des Abends: Dem armen Kerl glaubt man alles, seine Naivität, seine Gutherzigkeit, seine Anständigkeit. Als hätte sich ein genuin-normaler Mensch in diese Welt der Kirchner’schen Kunstfiguren verirrt.

Nun, auch Fanny Altenburger als seine Tochter Frida ist sehr nett (als Musiker- und Schauspielerinnen-Tochter nimmt man an, dass sie selbst Klavier spielt), und Stefan Gorski zeigt hier, dass er den Nestroy-Preis als bester Nachwuchsdarsteller (für seine vorjährige Leistung in Reichenau) verdient hat – da kämpft ein junger Mann glaubhaft und ausgewogen gegen sein Borkman-Erbe, zwischen Anstand, Gefühl und dem richtigen Wissen, dass er sich befreien muss. Immerhin.

Keine Frage, ein starkes Stück bleibt es allemale. Aber es kam schon stärker und vor allem überzeugender von der Bühne.

Renate Wagner

IMG_2056 Familienszene

 

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