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Nathalie MANFRINO – eine junge Sopranistin auf dem Weg nach oben

04.08.2014 | Allgemein, INTERVIEWS, Sänger

Nathalie Manfrino

Eine junge Sopranistin auf dem Weg nach oben

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Foto: Robin Francois

Im Mai und Juni trat in Bonn erstmals im deutschsprachigen Raum eine junge Sängerin in Erscheinung, die an nahezu allen französischen und italienischen Häusern einschließlich aller vier Pariser Opernhäuser Erfolge gefeiert hat und deren Engage­ment in Bonn dem Umstand zu verdanken war, dass die Titelrolle von Massenets „Thais“ wegen ihrer gleichermaßen lyrischen wie dramatischen Anforderungen kaum zu besetzen ist. Nathalie Manfrino hat die Partie in Frankreich und Italien gesungen und gilt in ihrem Heimatland gewissermaßen als Inkarnation der Thais. Speziell an dieser Künstlerin wird deutlich, daß die Sprachbarriere zwischen Frankreich und Deutschland noch immer eine nicht unerhebliche Rolle bei der Verpflichtung von Sängern für wichtige Produktionen spielt. Nur wenige Intendanten und Betriebsdirek­toren kennen die französische (und auch die italienische) Musiktheaterszene gut genug, um aus eigener Kenntnis und ohne Hilfe von Künstleragenturen beurteilen zu können, welche Solisten es zu holen lohnt. Da greift man lieber auf preiswertere und vielfach weniger attraktive Kräfte aus dem eigenen Land zurück.

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Thais“ in Torino/ Teatro Regio, mit Simone Alberghini. Foto: Teatro Regio

Dabei ist Nathalie Manfrino in Frankreich so etwas wie ein Shooting-Star, was man angesichts ihres enormen Erfolges im Bonner Opernhaus durchaus nachvollziehen kann. Sie bestreitet das französische und das italienische Fach, sei es Mirelle, Mar­guérite, Micaela oder Mimi, Violetta oder Tosca. Sie ist regelmäßig im französischen Fernsehen präsent und wird ab September die Mimi am Grand Théâtre de Bordeaux in einer Neuproduktion singen, welche live übertragen wird.

Sie besitzt sowohl einen französischen als auch einen italienischen Paß, weil ihr Vater Italiener war. Wenn man die schlanke Mittdreißigerin mit den schönen blonden Haaren sieht und vor allem ihr Temperament und ihren Charme erlebt, möchte man sie dennoch als geradezu typische Französin bezeichnen. Dass sie sich optisch für Rollen, die eine gewisse Erotik verlangen, eignet, versteht sich daher von selbst.

Nathalie Manfrino ist seit zehn Jahren im Geschäft, arbeitet frei und sieht ihre Posi­tion mittlerweile im Übergang zum schwereren Fach. Noch bis ins letzte Jahr hat sie (auch) noch Gilda, Norina und Adina gesungen. Die Stimme wird jedoch zunehmend schwerer, sodass man spontan auch daran denken könnte, ihr eine Marschallin, eine Ariadne oder eine Chrysothemis anzuvertrauen. Hinderungsgrund ist bislang aller­dings, daß sie noch keine deutsche Partie außer der Pamina im Repertoire hat und kein Deutsch spricht. Das möchte sie aber alsbald ändern. Sie formuliert das so:

„Wenn ich eine Rolle übernehme, möchte ich diese vollständig durchdringen. Ich möchte darstellerisch und natürlich auch musikalisch perfekt sein. Man kann in einer fremden Sprache auch singen, indem man den Text phonetisch erlernt. Das ist aber nicht mein Ziel. Ich möchte mit Rollen aus dem deutschen Fach erst dann auf die Bühne gehen, wenn ich den Text so gut verstehe, daß ich weiß, was ich singe und meine Interpretation darauf einrichten kann.“

Auf eine Sieglinde oder Elsa angesprochen, welche der Rezensent ihr aufgrund des vokalen Potentials ohne weiteres zutraut, meint sie, sie müsse im deutschen Fach nicht gleich mit Wagner einsteigen. Sie schwärmt noch heute davon, dass sie als junges Mädchen von den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss derartig faszi­niert worden sei, daß sie dadurch ihre Liebe zu diesem Komponisten und überhaupt zur klassischen Musik entdeckt habe. So gesehen liegt es in der Tat näher, es zu­nächst im Strauss-Fach zu versuchen.

Nathalie Manfrino besitzt schon seit vielen Jahren einen Vertrag mit einem großen internationalen Musiklabel. Das ist der Grund dafür, weshalb es von ihr zahlreiche Aufnahmen im Handel gibt. Eine wesentliche davon ist Alfanos „Cyrano de Berge­rac“, einem selten gespielten Werk, welches sie allerdings im romanischen Raum bereits etliche Male gesungen hat.

Wenn man ihre Stimme in einer Mozart-Partie, z.B. der Fiordiligi, hört, fällt auf, mit welcher schwebenden Leichtigkeit und welch einschmeichelndem Timbre sie sich im lyrischen Fach zu bewegen versteht. Bei den dramatischen Attacken – und das sei hier am letzten Akt der „Thais“ festgemacht -, beeindruckt besonders, daß die Stim­me stets gut trägt, die nötige Durchschlagskraft besitzt und dennoch die in die dreige­strichene Oktave reichenden Acuti sicher beherrscht.

Manchmal, meint sie, sei der Beruf aber auch sehr belastend. Sie erinnert sich an ein Verdi-Requiem in London, wo sie am Vormittag an einer vollen Klavierprobe und am Nachmittag an einer kompletten Orchesterprobe teilnehmen mußte. Das Konzert fand am Abend statt, sodaß sie praktisch am selben Tage drei Mal das gesamte Re­quiem singen mußte. Ein anderer Fall war ein Konzertangebot aus Kuala Lumpur. Das Konzert wurde inhaltsgleich an drei Tagen nacheinander gegeben. Hätte sie nicht ihre Bereitschaft gezeigt, an drei Abenden nacheinander aufzutreten, wäre sie nicht verpflichtet worden. Da war auch die „Traviata“ an der Opéra Royal de Versail­les, wo sie Freitagabend, Samstagabend und Sonntagnachmittag jeweils eine Aufführung in der Partie der Violetta und damit genaugenommen drei Aufführungen in zweieinhalb Tagen bestreiten mußte. Das sei zwar zu bewältigen, aber doch sehr anstrengend und der Stimme eigentlich nicht zuträglich. Als junge Sängerin habe sie aber keine Wahl gehabt. Entweder sie habe die Bedingungen akzeptiert oder das Engagement eben nicht bekommen. Sie meint allerdings auch, im Nachhinein seien solche Erfahrungen für einen jungen Sänger durchaus hilfreich.

Besonderes Glück hatte sie in einem anderen Fall. Weil sie zu jener Zeit die einzige freie Sängerin war, die die Roxane aus „Cyrano de Bergerac“ bereits gesungen hat­te, wurde sie angefragt, in Paris zusammen mit Placido Domingo in diesem Werk aufzutreten. So ein Angebot lehnt man natürlich nicht ab.

Wenn nicht alles täuscht, wird es dabei nicht bleiben, und Nathalie Manfrino wird demnächst auch in Wien und München zu hören sein.

           
Dr. Klaus Ulrich Groth (zugleich für die Übersetzung aus dem Französischen)

 

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