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MÜNCHEN/ Residenztheater: AUS DEM BÜRGERLICHEN HELDENLEBEN: DIE HOSE / DER SNOB. 1913 – von Carl Sternheim

22.02.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

MÜNCHEN/Residenztheater: Aus dem bürgerlichen Heldenleben: Die Hose. Der Snob.1913
von Carl Sternheim. Premiere am 21. Februar 2014

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Copyright: Matthias Horn

 Was ist ein Held im unheroischen, bürgerlichen Zeitalter? Mitten in der Inszenierung von Sternheims Dramen-Trilogie „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ am Münchner Residenztheater springt Regisseur Jürgen Kuttner auf die Bühne und schleudert dem Publikum seine Gedanken zum Thema in einem brillant kurzweiligen 10-minütigen Vortrag entgegen: Wenn denn heutzutage bewundert wird, wer sich mit pseudo-adeligen Attributen (Doktortitel, Weinkenner) schmückt oder pseudo-kritisch die Zeitläufte zu beeinflussen versucht (Zeit-Leser, Wutbürger), dann kann das wahre Heldentum eigentlich nur im Rückzug liegen –  im Heroismus des Denkens und Erkennens . Oder auch in dessen absurder Überdrehung: „Wenn Du denkst, dass Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst“ (Juliane Werding). Wenig später – mittlerweile ist mit „1913“ der dritte Teil des Zyklus‘ erreicht – erneut ein Monolog Kuttners. Diesmal geht es um aktuelle Verlautbarungen zur Sicherheitspolitik, über den Krieg als Chance „neuer Brachial-Heroisierung“ und einen schrägen Bundeswehr-Ikarus-Werbefilm aus den 60er Jahren. Kuttners Einlagen im Format eines „Stand-up-Dramaturgen“ besitzen Witz und Intelligenz – und kommen schnell auf den Punkt. Irgendwann während des vier Stunden währenden Theaterabends, fragt man sich, ob dies nicht die eigentlich geeignetere Form wäre, um bürgerliche Befindlichkeit umfassend und im historischen Kontext auf der Bühne zu analysieren.

Zu diesem Zweck hat sich das bewährte Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner aber den Sternheim-Marathon der drei zusammengehörigen Stücke „Die Hose“, „Der Snob“ und „1913“ vorgenommen. Und natürlich ist es alles andere als unerheblich und wirklich erstaunlich, welche Analogien man in den 100 Jahre alten Texten entdecken kann. Aber der Parforceritt durch drei Dramen, zwecks Spielbarkeit auch noch gehörig zusammengekürzt, wirkt doch ermüdend. So klang denn auch der Schlussapplaus: Weder euphorisch noch ablehnend, schlicht entkräftet.

Erzählt wird die Geschichte vom Auf- und Niedergang der Familie Maske – beginnend im kleinbürgerlichen Milieu der Eltern über den Neureichtum des Sohnes bis hin zur Selbstauflösung in der degenerierten Enkelgeneration.

Gerade im ersten Teil, der „Hose“, herrscht ein sagenhaftes Tempo, das keine Zeit für Innehalten oder das Ausspielen von Beziehungen lässt. „Ihr Mann ist Maschine“ sagt die Nachbarin einmal über Vater Maske und dasselbe gilt für das gesamte Geschehen und Gerede in Kurzszenen und abgehackten Sätzen – unterbrochen durch musikalische Attacken orientalischer Plastikmusik. Den ersten Teil haben Kühnel/Kuttner nämlich aus der wilhelminischen Plüschwelt in eine heruntergekommene Hütte des indischen Bollywood katapultiert (Bühne:Jo Schramm, Kostüme: Ulrike Gutbrod) Die Unterhose, die Frau Maske auf der Straße verliert, was ihr zwei ebenso erotisierte wie impotente Verehrer als neue Untermieter beschert, ist hier unterm Sari getragene Reizwäsche. Vor dieser ästhetischen Folie funktioniert die Handlung aber gar nicht mal schlecht: Geträumt und geplappert wird vom großen Liebesabenteuer, von großer Oper, das Leben entpuppt sich aber allerhöchstens als billiger Groschenroman im Talmiglanz-Schnellhefter. Gewinner ist Maske, der nach Außen hin gar nicht beansprucht, mehr zu wollen, als ihm „an seinem Platz“ zusteht. Oliver Nägele spielt ihn herausragend, ganz im leisen Understatement der Selbstzufriedenheit. Maskes Heldentum liegt in seiner Lebens-Pragmatik, die den Schein wahrt, aber ganz beiläufig auch moralische Grenzen überschreitet, wenn sich irgendwo etwas zum eigenen Vorteil mitnehmen lässt. Aber genau das ist es ja, was unter der Hand als Gewitztheit oder Bauernschläue durchgeht und bewundert wird. (Man darf sich mit seinen Konten im Ausland halt nicht erwischen lassen.)

Im zweiten Stück, dem „Snob“, führt Sohn Christian (Johannes Zirner), das Erbe des Maske’schen Heldentums erfolgreich fort: Sein Lebensziel ist der gesellschaftliche Aufstieg vom kleinbürgerlichen Nichts zum Generaldirektor mit Adelstitel. Auch sein Handeln steht für die Erfüllung bürgerlicher Ideale. Von diesem steilen Weg wissen wir aber, dass er ohne den Einsatz moralischer Skrupellosigkeit praktisch nicht zu bewältigen ist. Wie Sohn Maske die eigenen Eltern und die unpassende Geliebte aus seinem Leben schiebt – „diese Liebe war ein Fehler in der Rechnung “, wie er dem Vater dessen Erziehungsleistung in Geld umrechnet, um ihn mit einer monetären Gegenleistung  abzufinden: Dieses Durchdringen und Ersetzen menschlicher Verpflichtungen durch Zahlen, Fakten und Finanzen klingt für heutige Ohren sehr vertraut. Und auch die unfassbare Irrationalität, alles zu tun, um in die Schein-Glamour-Welt der Reichen und Berühmten aufzusteigen, ist ja in jüngster Zeit zur Genüge belegt. (Man darf sich mit der abgeschriebenen Doktorarbeit oder der fremdbezahlten Hotelrechnung halt nicht erwischen lassen). Vielleicht wirkt diese Episode gerade deshalb so blass, weil uns die dargebotene Sichtweise so präsent ist.

Spannender kommt dann wieder der dritte Teil daher. „1913“ steht Christians Tochter Sofie (Hanna Scheibe) bereit, das imperiale Waffenunternehmen ihres Vaters zu übernehmen. Jetzt gilt es nur noch, den kranken Tattergreis zu entmachten, um die Geschäfte ohne jegliche Gewissensschranke fortführen zu können. Kühnel/Kuttner finden hier wieder zurück zu einleuchtenden Bildern einer Wellness-beseligten, sich selbst überdrüssig werdenden Gesellschaft. In der apokalyptischen Szenerie aus Bonsai-Bäumchen, bimmelnden Smartphones, Partybeschallung und Markenklamotten haben sich neben Sophie auch noch Tochter Ottilie und Sohn Philip eingenistet, um auf den Tod des Patriarchen zu warten. Bei Sternheim verkörpern die drei Kinder drei verschiedene Haltungen zur allesumfassenden Macht der Finanzen und des Konsums: Grenzenlose Profitgier, wegschauende Dekadenz oder revolutionäre Pose – zusammengefasst sind sie Abbild einer Welt am Abgrund, am Vorabend des 1. Weltkriegs. Am Ende steht der große Knall. Und die Frage, ob auch wir insgeheim auf einen solchen hoffen, auf dass er uns aus unserer unerträglich passiven und posenhaften Lage befreien möge.

Soweit der interessante Stoff, der sich aber in seiner ganzen ausufernden Länge auf der Bühne nicht befriedigend fassen ließ. Gerade der zweite Teil könnte durch eine Reduzierung auf Kuttner-Monolog-Format nur gewinnen. Leider blieb auch den Darstellern angesichts der Bewältigung wahrer Textmassen zu wenig Raum, ihr Können zu zeigen.  

Christine Mannhardt

 Weitere Aufführungen: 25.Februar, 4., 13., 23. und 29. März sowie 13. April

 

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