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MÜNCHEN/ Bayerische Staatsoper „Montagsstück“: DAS LIED VON DER ERDE von Gustav Mahler

München/ Bayerische Staatsoper/ „Montagsstück“ Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ am 9.3.2021

Abschied in Schönheit

Ein Werk vom Abschied

Gustav Mahler schrieb dieses Werk zu altchinesischen Gedichten, die Hans Bethge übersetzte und in der Sammlung „Die Chinesische Flöte“ veröffentlicht hat. 1908 wurde dieses als Symphonie bezeichnete „Lied von der Erde“ veröffentlicht. Vorherrschend ist eine melancholische Stimmung, die vom Tod von Mahlers Tochter beeinflusst ist. Melodie, Harmonik und Klang sind exotisch, was die drei Solisten Klaus Florian Vogt (Tenor), Christian Gerhaher (Bariton) und Gerold Huber (Klavier) auch unterstreichen.

Eine wilde Lebensgier beherrscht gleich das erste Stück „Trinklied vom Jammer der Erde“ in a-Moll. Krampfhaftes Aufbäumen durchbricht die lyrische Linie – grimmige Verzweiflung eines vom Leben Enttäuschten lässt sich nicht verbergen. Klaus Florian Vogt trifft hier den rastlos-beklemmenden Ton genau. Und Christian Gerhaher vermag die müde Ausweglosigkeit des Liedes vom „Einsamen im Herbst“ in d-Moll plastisch zu verdeutlichten.  Die Erzählung vom verlorenen Glück der Liebe endet in der müden Anfangsstimmung. Auch das unbestimmte harmonische Schwanken zwischen D-Dur und d-Moll arbeiten die beiden Künstler hinsichtlich Singstimme und Klavier hier eindringlich heraus. Dem Tenor-Lied „Von der Jugend“ in optimistischem B-Dur gewinnt Klaus Florian Vogt wiederum ein bezauberndes Pastellbild ab. Besonders die erfrischende Heiterkeit dieser Musik kommt dabei in immer höher steigenden Tonregionen imponierend zum Ausdruck. Friedvolle Heiterkeit leuchtet auf, bis die heimliche Freude das Lied „Von der Schönheit“ in G-Dur regelrecht vergoldet. Da sieht man die jungen Mädchen, die am Uferrande Lotosblumen pflücken, man meint, ihr Lachen und Gespräch zu hören. Zu Marschklängen tummeln sich dann plötzlich „schöne Knaben“, ein Ton sehnender Erregung ergreift auch Gerold Hubers Klavierspiel. Dem einen Reiter sendet die „schönste von den Jungfrauen lange Blicke der Sehnsucht nach“. Klaus Florian Vogt unterstreicht passend den seligen Rausch, der den Tenor bei  der Szene vom „Trunkenen im Frühling“  in A-Dur erfasst. Christian Gerhaher verdeutlicht im Schlussatz in erschütternder  Weise Abschied und Verzicht. Im zarten Naturbild spiegelt sich dabei die ergreifende Seelenstimmung des Einsamen. Schmerzlos und still löst er sich von allem Diesseitigen ab. Blaue Fernen lenken die Sicht auf einen sphärenhaften Ausblick, der dem schmerzlich-versöhnlichen Ausklang den Weg ebnet. Die ausgezeichnete Aufführung lässt deutlich werden, wie entscheidend gerade dieses Werk Gustav Mahlers auf die Moderne gewirkt hat, neue Tore werden hier gleichsam sanft, aber entschieden aufgestoßen. Das Schwanken zwischen c-Moll und C-Dur wirkt bei dieser Interpretation ergreifend. Und Christian Gerhaher lässt die letzten Worte „Ewig, ewig!“ wie einen sphärenhaften Nachhall immer wieder neu erklingen. Rhythmische Veränderungen der Motive zeigen im Klaviersatz ihre erstaunliche Wirkungskraft.

Auch wenn man die Orchesterfassung zuweilen vermisst, entfalten gerade die kammermusikalischen Passagen einen unbeschreiblichen Klangzauber. 

Alexander Walther

 

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