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MARTINA FRANCA/ Festival: LA DONNA SERPENTE von Alfredo Casella/ ARMIDA von Tommaso Traetta/ LA LOTTA D’ERCOLE CON ACHELOO von Agostino Steffani

29.07.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

MARTINA FRANCA/FESTIVAL : LA DONNA SERPENTE von Alfredo Casella / ARMIDA von Tommaso Traetta/ LA LOTTA D’ERCOLE con ACHELOO von Agostino Steffani am 26.,27. und 28.7.2014

 40 Jahre nur Opern-Raritäten, und das in einer kleinen Stadt in Apulien.

Herzlichen Glückwunsch dem Festival della Valle d’Itria in Martina Franca zu diesem außergewöhnlichen Erfolg von Hartnäckigkeit, Qualitätsbewusstsein und Unverführbarkeit gegenüber jedem Anflug von musikalischem Populismus (Aida, Butterfly, Carmen und dergleichen hat man hier nie gehört und wird man hier nie hören)!

Zur Feier des erfreulichen Jubiläums präsentierte man ein vielleicht noch sperrigeres Programm als sonst.

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Zuzana Markova als „Donna Serpente“. Foto: Festival Martina Franca

Eröffnet wurde mit Alfredo Casellas „La Donna Serpente“(die Schlangenfrau), die nach der Uraufführung 1932 in der Versenkung verschwand.

Casella war einer der wichtigsten Persönlichkeiten des italienischen Musiklebens des 20.Jahrhunderts. Gefeierter Pianist, Erfinder der Settimanale Musicale Chigiana in Siena, Begründer der Vivaldi – Renaissance…allerdings (trotz – oder wegen ? – seiner jüdischen Frau) auch glühender Faschist. Als Komponist folgte er eher internationalen Tendenzen, vor allem den Einflüssen der französischen Schule (Fauré, Ravel, Debussy). Eigentlich hasste er die Oper, und davon legt „La Donna Serpente“ durchaus beredtes Zeugnis ab. Ursprünglich als Ballett geplant, überzeugen auch heute noch am meisten die rein orchestralen Teile davon. Der Stoff ist derselbe wie bei Wagners Jugendwerk „Die Feen“, basierend auf einem Stück des venezianischen Goldoni-Kontrahenten Carlo Gozzi.

Eine Frau aus dem Feenreich verliebt sich in einen gemeinen Sterblichen. Ihr Vater genehmigt die Verbindung, allerdings unter der Auflage, dass sie ihrem Gatten scheinbar die allerschrecklichsten Dinge (Kinder ermorden etc.) antun muss…ohne dass er sie verflucht. Das tut er verständlicherweise dann irgendwann trotzdem …und die Fee wird in eine Schlange verwandelt.

Man könnte diese Handlung natürlich auch anders inszenieren (ist die sogenannte Fee am Ende doch vielleicht w i r k l i c h böse, mehr Medea als Udine ?), aber Regisseur Arturo Cirillo hat sich dessen ungeachtet im Geiste Carlo Gozzis für eine „Fabelvariante“ entschieden: ein paar abstrakte szenische Elemente, äußerst farbenfrohe, exotische und fantasievolle Kostüme (Gianluca Falaschi), das ganze Geschehen keiner Zeit und keinem Ort in direkter Weise zuordenbar.

Fabio Luisi hatte den mastodontischen Orchesterapparat mit unfehlbarer Präzision unter Kontrolle, die Protagonisten hingegen distonierten ein wenig um die Wette.

Aber das eigentliche Problem des Abends war letztlich die Musik Casellas. Was interessierte ihn an diesem Thema ? Was wollte er für uns damit ausdrücken ? Und was verleitete ihn überhaupt, sich im Genre Oper zu versuchen ??

Das alles blieb letztlich ebenso im Unklaren wie der Sinn dieser aufwändigsten Unternehmung selbst.

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Roberta Mameli als „Armida“. Foto: Festival Martina Franca

Überzeugte bei “ La Donna Serpente “ die szenische Seite weitaus mehr als die musikalische, war das Verhältnis bei der zweiten Premiere des heutigen Festivals genau umgekehrt.

Zur „Armida“(Uraufführung 1761 am Wiener Burgtheater) des „lokalen Genies“ Tommaso Traetta (geboren  im benachbarten Bitonto) fiel der jungen französischen Regisseuse Juliette Deschamps nahezu nichts ein, und ihre Kostümbildnerin Vannina Sonnino entstellte die im wahren Leben eigentlich wunderschönen Protagonistinnen auf schon nahezu sadistische Weise mit Plateauschuhen, Goldbemalungen, Lockenwicklerperücken und Amateurreiterhosen.

Diese (Roberta Mameli als Armida, und Marina Comperato – die derzeit wohl besten Vertreterinnen ihres Faches in Italien) triumphierten zu guter Letzt jedoch über das ihnen angetane Böse: mit der schieren Kraft ihrer atemberaubend virtuosen und dennoch einfühlsamen Gesangskunst. Und Diego Fasolis legte ihnen gemeinsam mit dem Orchestra Internazionale d’Italia dafür den adäquaten Klangteppich zu Füssen.

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La Lotta d’Ercole con Acheloo“. Foto: Festival Martina Franca

 So blieb es der dritten, im intimen „Chiostro di San Domenico“ angesiedelten Produktion“ La Lotta d’Ercole con Acheloo “ von Agostino Steffani(1654 – 1728) vorbehalten, szenisch ebenso wie musikalisch zu überzeugen. Steffani, einem breiteren Publikum erst durch Cecilia Bartolis Cd “ Mission “ bekannt geworden, schreibt eine ungeheuer ausdrucksstarke, komplexe, abwechslungsreiche und diffizile Musik.

Antonio Greco und sein Ensemble Barocco werden ihm dabei voll gerecht, und die Regie Benedetto Siccas spielt sich ausnahmsweise nicht in den Vordergrund.

Das größte Wunder an dem Abend sind jedoch die blutjungen, aus der festivaleigenen „Accademia Celletti“ hervorgegangen Sänger und Sängerinnen(Dara Savinova, Federica Pagliuca, Riccardo Angelo Strano, Aurelio Schiavoni).

Obwohl teilweise zum ersten Mal überhaupt auf einer Bühne stehend, erfüllen sie ihre Rollen ohne jegliche Eitelkeit mit leidenschaftlichem, aber delikatem Leben.

Erhebend.

 Robert Quitta, Martina Franca

 

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