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MACERATA (Sferisterio) 2012: LA TRAVIATA/ LA BOHÈME / CARMEN

07.08.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

MACERATA (Sferisterio) : LA TRAVIATA/ LA BOHEME/ CARMEN am 3./4./5.August


Carmen. Totale mit Mauer. Foto: Festival Macerata

Kulturpolitik der Extreme: Auf den 80jährigen weltberühmten Altmeister Pier Luigi Pizzi folgte heuer der 40jährige,  auch Insidern unbekannte „Jungspund“ Francesco Micheli als künstlerischer Leiter des traditionsreichen Macerata Opera Festivals in der einzigartigen ehemaligen Ballspielarena Sferisterio.


La Traviata. Myrto Papatanasiu, Ivan Magri. Foto: Festival Macerata

Seine erste Saison gelang etwas durchmischt. Als erstes holte er offiziell unter dem edlen Motto, erfolgreiche Produktionen der „Marke Sferisterio“ wiederzubeleben (wahrscheinlich aber doch eher aus Kostengründen) die legendäre Traviata-Inszenierung von Henning Brockhaus in dem genialen Bühnenbild von Josef Svoboda aus dem Fundus. Der riesige Spiegel ist natürlich noch immer eindrucksvoll, aber das Ding hat doch schon dreissig Jährchen auf dem Buckel und war letztlich landauf, landab europaweit schon überall zu sehen. Das eigentliche Problem war aber nicht das Alter, das natürlich schon eine Rolle spielt, weil das Theater nun einmal weitaus mehr „eine Tochter der Zeit ist“ als etwa andere Kunstformen, sondern der Umstand, dass für die Wiederaufnahmeproben offenbar nicht genügend Zeit und/oder Liebe zur Verfügung stand. Und so irren die Darsteller/innen halt leider etwas orientierungslos in dieser äußerst dekorativen Umgebung herum und wissen nicht genau, was sie tun oder lassen sollen. Auch die Spiegelfolie wirft schon Falten.

Das Dirigat von Daniele Belardinelli stellte neue Langsamkeitsrekorde auf und war sterbenslangweilig. Myrto Papatanasiu (Violetta) und Ivan Magri (Alfred) waren zumindest gesanglich korrekt. Stimmlich u n d schauspielerisch voll überzeugt hat aber eigentlich nur Luca Salsi (Vater Germont).

(Die Produktion soll 2013 n o c h einmal wiederaufgenommen werden. Kann denn nicht einmal Schluss sein ?)


Alte „Hippie-Bohème“. Foto: Festival Macerata

Ganz zu vergessen war Leo Moscatos Neu-Inszenierung der „Boheme„.Von der italienischen Kritik fast als Gegenstück zu Damiano Michielettis Salzburger Aktualisierungs-Streich gefeiert, bot sie optisch doch nur den Anblick einer 70erJahre Vintage – Glumpert-Sondermülldeponie. Hässlich, dumm und anti-musikalisch – und in all ihrer Hippie- und Op Art-Haftigkeit noch viel konventioneller als jede herkömmliche Boheme-Inszenierung. Die Verlegung in eine andere Zeit nützt nämlich gar nichts, wenn man sich nicht um die Darsteller kümmert und dadurch in keinster Weise auch nur ansatzweise etwas von Charme und Tragik der erzählten Geschichten vemittelt wird.

Auf der musikalischen Ebene war die Bohème allerdings hochstehender als die Traviata. Paolo Arrivabeni dirgierte beherzt, der aufstrebende italienische Tenor Francesco Meli gab sein vielbeachtetes Rollendebut als Rodolfo und Carmen Giannattasio glänzte zumindest mit angenehmen Timbre und Bubikopf-Schick.

Somit war es Serena Sinigalglia vorbehalten, mit ihrer „Carmen“-Neudeutung für den größten und überraschendsten Erfolg des Festivals zu sorgen. Überraschend deshalb, weil die Regisseuse im Vorfeld durch ziemlich hanebüchene Interviews mit spätantikapitalistischen, spätfeministsischen, spätbefeiungskämpferischen Parolen von sich reden machte. Wie eine Art Emma Dante (die vor drei jahren die Carmen an der Scala „verbrochen“ hatte ) für Arme.


Carmen: Veronica Simeoni, Roberto Aronica. Foto: Festival Macerata

Ein Super- GAU stand zu befürchten, ein Super – GAGF (größtanzunehmender Glücksfall ) trat hingegen ein.

Von Anfang an besticht die intelligente und sensible Bühnenbildlösung: Maria Spazzi hat das „Alleinstellungsmerkmal“ des Sferisterios, die 100 Meter lange Backsteinmauer nahezu intakt gelassen, nur ein kleines Loch hineingebrochen, aus dem dann nach und nach die Zigeuner quillen. Der Bühnenboden ist mit im selben Farbton gehaltenem Sand bedeckt. Vereinzelt stehen Absperrgitter herum, die später dann zur Kneipe werden, zur Felsenschlucht etc. Diese „Installation“ evoziert mit geringen Mitteln unmittelbar und direkt den wüstennahen Charakter Südspaniens, die Armut,die Hitze. Bestechend.

Nicht minder großartig, was die Choreographin hier vollbracht hat: noch mit dem letzten Choristen und dem kleinsten Statisten ist offenbar so individuell gearbeitet worden, dass alle, aber auch wirklich alle zu wissen scheinen, was sie tun – und das auch noch gerne und mit Überzeugung.

Die Protagonisten sind sowieso umwerfend.Veronica Simeoni (Carmen) ist eine George Sand-ähnliche Bandenführerin im schwarzen Hosenanzug, Roberto Aronica (Don Jose) ein hin-und hergerissenes Riesenbaby, Gezim Myshketa (Escamillo ) ein nicht nur gewandmäßig schillernder Stiergangster , Alessandra Marianelli (Micaela)-endlich einmal nicht karikiert – eine toughe Katholenbraut.

Gesungen wird unter der nie populistsichen Versuchung erliegenden Leitung von Dominique Trottein sublimst.

Was diese Inszenierung aber so aussergewöhnlich und fast einzigartig (zumindest in diesem Fesivalsommer) macht, sind nicht allein das Bühnenbild, die Choreographien, die Sänger und viele liebevolle Regieideen (Carmen verwendet zb. zwei Bierflaschen als Kastagnetten, Don Jose kettet sie während der Blumenarie an ein Absperrgitter an, damit sie auch einmal spürt, was es heißt im Gefängnis zu sein etc.,etc.), sondern die Tasache, dass alles – jede Idee, jede Geste, jeder Gang, jeder Auftritt, jede Aktion – aus dem Geist der Musik heraus entwickelt ist und in ihrem Rhythmus und in ihrem Charakter erfolgt.

Das ist ja angesichts der zumindest seelischen Taubheit der meisten Opernregisseure mittlerweile so rar wie in fünfblättriges Kleeblatt oder ein weisser Elephant.

Eine Carmen wie schon lange nicht. Eine Carmen, die kein folkloristisches Klischee bedient und doch alle lokalkoloritischen Elemente(Fächer, Stierkampf, Zigeuner etc.) beinhaltet. Eine Carmen, die das Zeug hätte, zum modernen Klassiker zu werden (und angeblich nur 50 000 Euro gekostet hat).

Dr. Robert Quitta

 

 

 

 

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