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Johanna Zugmann: KARRIERE NEU DENKEN

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Johanna Zugmann:
KARRIERE NEU DENKEN
Ende, Wende, Neuanfang
176 Seiten, Verlag Ueberreuter, 2015

Heute ist nichts mehr, wie es gestern war, und was morgen sein wird, wird mit dem Gestern, ja mit dem Heute schon nichts mehr zu tun haben. Diese Erkenntnis wird im Laufe des Lebens jedem Menschen jeden Tag bewusst – und noch nie ging es so rasant weiter wie jetzt. Und das färbt natürlich auch in besonderem Maße auf die Arbeitswelt ab, die ja den Alltag am Laufen hält.

Die Journalistin Johanna Zugmann hat, bevor sie sich – wie es zeitgemäß ist – einem gänzlich neuen Berufsweg (Gastrosophie) zuwandte, jahrlang in der Presse Kolumnen über die sich wandelnde Arbeitswelt geschrieben. „Karriere neu denken“ fasst nun vieles davon zusammen und versucht (Motto: „Ende, Wende, Neuanfang“) dem Leser ein paar Tipps zu geben, wie er die berufliche Zukunft am besten in den Griff bekommt. Alte Modelle fahren da kaum mehr. Freilich – manchmal meint man bei der Lektüre, wenn da die Zukunft aufgeblättert wird, gänzlich den Boden der Realität unter den Füßen zu verlieren…

Zukunftsforscher prognostizieren, so lässt uns die Autorin wissen, dass künftig jeder Arbeitnehmer fünfmal den Beruf (!) und 22mal den Job wechseln wird. (Wahrscheinlich kann man nicht einmal mehr „beim Staat“ als Beamter in Ruhe alt werden.) Mobilität ist angesagt, gearbeitet wird immer und überall (schließlich hat man mindestens ein Smartphone dabei, auf dem man alles erledigen kann) – fixe Arbeitsplätze, fixe Arbeitszeiten werden out sein. Wer „Nine to Five“ denkt, hat schon verloren. Man wird nicht an der Stechuhr, sondern an der Leistung gemessen, Kontrollen sind out, Chefs dürfen das gar nicht mehr, wollen sie ihre Mitarbeiter nicht demotivieren. Wie man sieht – das Denkmodell von früher greift nicht mehr. Zumindest auf Buchseiten. In der Realität sieht es vielleicht derzeit noch ein wenig anders aus (zumindest für Arbeiter bei Amazon…).

„Erwerbstätige müssen selbst Regisseure ihres Berufslebens werden.“ Das klingt anstrengend, wird es wohl auch. Schuld ist natürlich die Globalisierung, die den Menschen immer noch mehr Mobilität abverlangen wird als früher. Wer schön zuhause bleiben will, weil er hier Familie und Freunde hat, wird’s mit der Spitzenkarriere schwer haben, die ihn vielleicht nach Kuala Lumpur oder Libreville führen sollte. Dafür, tröstet die Autorin, gäbe es „fast grenzenlose Karrieremöglichkeiten für gut ausgebildete, mehrsprachige, weltoffene und mobile Erwerbstätige“, weil heute auch weltweit rekrutiert wird.

Und jeder Mensch muss sich bewusst sein, dass das Berufsleben ein Kampf ist, denn niemand (offenbar nicht einmal ein Spitzenarzt oder Spitzenkoch) sei, so die Erkenntnisse, die das Buch vermittelt, von den Bestrebungen der Forscher und Softwareentwickler ausgenommen, ihn durch einen Roboter zu ersetzen… Der Mensch ist schließlich das Teuerste, was wir noch haben – darum verlassen viele Geschäfte ihre Shops im wahren Leben und gehen ins Internet. Zum Verpacken wird man in Bälde auch nur noch Maschinen benötigen…

Mit Handy und Computer hat man den Beruf nach Hause genommen. Arbeit frisst sich in die Freizeit, die Trennung ist längst aufgehoben. Flexibilität des Einzelnen ist das Zauberwort. Die Balance der Welt, work is work and life is life, war gestern (ist noch heute, gelegentlich vielleicht?). Weder Arbeitstier noch Freizeitmensch, sondern offenbar beides gleichzeitig (wie immer das gehen soll). Workstyle bestimmt Lifestyle. Zeitmanagement ist alles. Halbe Stunde Frühstück und 15 Minuten Mittagspause, mehr scheint nicht mehr drin zu sein.

Allerdings entdeckt man immer wieder auch Widersprüche: Wie passt denn da die Forderung nach „bewusster Auszeit von Handy und Internet“ dazu?

Übrigens: Jung ist zwar „in“, aber da die Menschen immer älter werden, müssen sie demnächst bis ins Hohe Alter arbeiten (das heißt natürlich: Wenn Arbeit da ist und sie die Hetzjagd aushalten). „Die heute 60jährigen sind die 45jährigen der Nachkriegszeit.“ Die Risikobereitschaft darf nie aufhören. Immer Neugierde, immer neue Herausforderung! Keine Angst vor Veränderung, auch nicht, den Job hinzuschmeißen! „Weil die Selbstveränderung und die laufende Standortbestimmung zum Lebens- und Karriere-Alltag dazu gehören.“

Das Leistungsprinzip jubiliert, kein Platz für Schwächlinge und jene, die halt nicht erstklassig sind. Wobei das Buch schon klarstellt, dass einerseits „je mehr Bildung, desto besser“ ist – aber die Überakademisierung funktioniert ja schon jetzt nicht: Man braucht schließlich nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer. Aber das lebenslange Lernen bleibt keinem erspart, weil sich das Wissen ja offenbar täglich vervielfacht. (Man bekommt richtig Kopfschmerzen bei der Lektüre…)

Kurz, man liest es durch viele Seiten hindurch: Die einzige Konstante der künftigen Arbeitswelt ist der permanente Wandel. Wobei sich da scheinbar ein wenig Idealismus einschleicht – ist das große Geldverdienen-Wollen eigentlich verpönt? „Im neuen Karrieredenken geht es nicht nur um Existenzsicherung und Aufstieg, sondern auch um Selbstverwirklichung und Wertorientierung.“ Bleiben Sie „authentisch“! Dann kann gar nichts passieren… Schließlich hat das „harmonische Lebensprojekt“ einen Namen: ICH!!

Nach mehr als 60 Seiten Theorie dann die Praxis, Interviews mit Leuten, von denen viele auf heutzutage noch nicht allseits übliche Art Karriere gemacht haben. Sehr sehr viele Manager unter ihnen, die Ideenschmieden und Beratungsfirmen und Werbefirmen gegründet haben (Beratung braucht man ja wirklich heutzutage). Trendforschen, Zukunftsdenken bringt Erfolg. Und natürlich die digitale Wunderwelt. Nicht schlecht, wenn man das, was man tut, gerne tut („Ziel sollte sein, für sein Hobby bezahlt zu werden“, meint Franz Schellhorn, Leiter der „Denkfabrik Agenda Austria“). Dass ein Bankvorstandsvorsitzender zugibt „Ich freue mich, wenn es Freitag ist“, wirkt nachgerade gestrig.

Übrigens gibt es auch ein Interview mit Angelika Kirchschlager – sehr nachvollziehbar dazu, wie schwierig eine Karriere in der Welt der großen Kultur ist. Dermaßen am Boden der Realität fühlt man sich in diesem Buch nicht immer.

Schöne neue Welt? Im Grunde ist es ein erschreckendes Buch. Dass der Mensch dabei ist, sich abzuschaffen, weiß man längst. In wie vielen Generationen wird man nur noch jene brauchen, die das Abschaffen anschaffen? Und was geschieht mit dem Rest? Man muss abwägen, was man in diesem Buch als Information brauchen kann und die praktikablen Tipps durchdenken. Daneben liest man es eigentlich als schreckliche Sci-Fi-Prognose, in der wenig Menschliches zu finden ist …

Renate Wagner

 

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