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HELEN UND KLAUS DONATH – ein ideal aufeinander eingespieltes Team

17.12.2013 | Allgemein, INTERVIEWS, Sänger

Coswig/Villa Teresa: IM GESPRÄCH: HELEN DONATH UND KLAUS DONATH – 15.12.2013

 Unbenannt

Sprühend vor Energie und Vitalität, mit offenem Herzen und in bester Stimmung betrat Helen Donath mit ihrem Ehemann, Dirigent, Korrepetitor, Begleiter am Klavier und „Lehrer“ Klaus Donath, den „Salon“, wo einst Eugen d‘Albert und die berühmte venezolanische Pianistin Teresa Carreno, eine seiner 6 Ehefrauen (auch von der sechsten wollte er sich noch scheiden lassen) 1891-85 ihre Gäste empfingen. Ganz im Gegensatz zu der kurzen, aber heftigen Künstlerehe der d’Alberts leben Helen und Klaus Donath harmonisch im gegenseitigen Einvernehmen und Musikverständnis. Sie ergänzen sich gegenseitig, treten noch auf, in der gleichen Qualität wie früher, nur nicht mehr so oft, und unterrichten beide, um ihr vielfältiges Wissen und ihre reichen Erfahrungen an die jüngere Generation weiterzugeben.

 Er wurde „einhellig“ als tonangebend benannt. Sie führte weitgehend das Gespräch und machte mit ihrem Charme und ihrer Herzlichkeit den Konzertraum zum „Wohnzimmer“ in gemütlicher Atmosphäre und das Publikum zu einer großen Familie, verbunden durch die Liebe zur Musik.

 „Sparen Sie Ihre Energie“ meinte sie wohlwollend zu dem überaus herzlichen Begrüßungsapplaus und umarmte die Leiterin der „Villa Teresa“, Christiane Matthé und die Moderatorin, Bettina Volksdorf vom mdr (Mittldeutscher Rundfunk) „stellvertretend“ für alle Anwesenden. „Haben Sie keine Scheu“ meinte sie in ihrer natürlichen, humorvollen Art und wünschte allen einen schönen 3. Adventssonntag.

 Beide Donaths waren getrennt angereist. Klaus Donath, dessen Vater aus der Oberlausitz (Seifhennersdorf), einer Mittelgebirgslandschaft in Sachsen stammt, hatte sie aus Miami, wo jetzt angenehme 20°C sind, nach Sachsen „gelockt“. Sie hatte vorher in New York gesungen, kam aber gern in diese „Ecke“ Deutschlands, die sie seit den 1960er Jahren kennt und „von Herzen liebt“.  Sie hat in Dresden schon die Pamina im Großen Haus (jetzt wieder Schauspielhaus) gesungen, bevor die Semperoper wieder aufgebaut wurde.

 Auf die Frage, ob es bei ihr auch deutsche Wurzeln gäbe, erläuterte sie im „Schnelldurchgang“ ihre umfangsreichen Familienverhältnisse. Sie wurde am 10.7.1940 in Corpus Christi (Texas), der „Sparkling City by the Sea (glitzernde Stadt am Meer)“ geboren, die neben Helen Donath noch weitere berühmte „Söhne und Töchter“ der Stadt, Musiker, Sängerinnen und Sänger, Schauspieler, Politiker und vor allem Sportler aufzuweisen hat. Im Gegensatz zu den meisten anderen Diven verheimlicht Helen Donath ihr Geburtsdatum nicht.

 Sie plauderte kurzweilig und charmant, so dass man gern stundenlang zugehört hätte, nicht nur wegen ihrer heiter-fröhlichen und immer optimistischen Art, sondern auch, weil sie Wichtiges zu sagen hatte, insbesondere hinsichtlich der jungen Sängergeneration, deren unbedingtes Karrieredenken oft kaum Zeit und Raum für das Reifen der Stimme, das Erkennen der eigenen Möglichkeiten und ihrer Grenzen und die ausgefeilte Gestaltung einer Rolle, eines Liedes oder einer Arie lässt. Oft muss man leider auch eine entsprechende Artikulation vermissen, obwohl doch die Musik (bis zur Spätromantik) eine andere Form der Sprache ist, die Gedanken, Emotionen und Leidenschaften (in überhöhter Form) ausdrückt, ganz zu schweigen vom Verständnis des Inhaltes und einer entsprechenden Gestaltung, die man heute leider in zunehmendem Maße vermisst (es gibt zum Glück auch Ausnahmen).

 Helen Donath und ihre Familie haben französische, irische, armenische, syrische und … Wurzeln. Ihre Mutter war die 2. Frau des Vaters. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als Helen 2 Jahre alt (bzw. jung) war. Als sie 18jährig einen Gesangswettbewerb gewann, gratulierte ihr ihr Vater, aber wirklich kennengelernt hat sie ihn erst, als sie 65 war, dazwischen war er immer irgendwie verhindert. Er hatte u. a. auch deutsche Vorfahren und starb im Alter von 95 Jahren.

 Ihren Mann hat sie in Hannover bei einer Probe kennengelernt. Bei ihr war es Liebe auf den ersten Blick. Bei ihm auch, aber er hat es ihr erst gesagt, als sie schon 40 war. 1965 haben beide geheiratet und sind der Gegend um Hannover immer treu geblieben. Ihr (einziger) Sohn, Alexander Donath, ist Regisseur mit vielen Ideen. Er will nicht heiraten und keine Kinder haben, denn „der Planet ist ohnehin überfüllt“. Klaus Donath ist froh darüber, denn er möchte kein „Opa“ sein. Helen liebt kleine Kinder. Sie hat keine Angst, älter zu werden, denn sie hat jede Phase ihres Lebens gelebt und einen „Fundus an Erfahrungen“ gesammelt.„Wenn früh beim Aufstehen etwas weh tut, spürt man, dass man lebt. Wenn nichts mehr weh tut, ist man tot“ ist ihre Devise. Eine schmerzvolle Zeit ist auch eine lehrreiche Zeit“ meint sie humorvoll (mit entsprechender Mimik). So vital, so freudig, wie sie ist, möchte sie jede Energie zum Leben nutzen, es kann immer der letzte Tag sein. Deshalb sollte man jeden Tag bewusst leben.

 Sie singt noch, erst kürzlich in Deutschland beim Schleswig-Holstein-Festival, und gibt Meisterkurse. Sie ist noch „voll drin“, macht nur etwas weniger, verzichtet zugunsten junger Sängerinnen auf Engagements, singt aber auch noch, um jungen Leuten zu zeigen, dass Älterwerden kein Grund zum Aufhören ist. Sie hat vieles auch abgelehnt, singt und pfeift aber beim Kochen. Auf die Frage eines Agenten „Bist du Sängerin oder Hausfrau“ antwortete sie: „Ich bin singende Hausfrau“. Donaths wohnen jetzt „auf dem Dorf“. Da gibt es wirklich Ruhe und viel frische Luft. Scherzhaft meine sie: „Dort sind Kühe und Lamas meine größten Fans, wenn ich singe, antworten die Kühe mit einem dumpfen ‚Muhhh‘ “.

 Ihre prägenden Opernpartien waren Ännchen, Sophie, Agathe und die Mimi in 3 verschiedenen deutschen Übersetzungen (damals wurden fremdsprachige Opern meist auf Deutsch gesungen). An der Mailänder Scala musste sie französisch singen. Damals musste unbedingt wortgetreu gesungen werden, weil hohe Tantiemen für die Übersetzungen gezahlt wurden. Sie hat auch Octavian und Marschallin gesungen. Die Susanna könnte sie heute noch singen.

 … und sie ist auch offen für alles und bedauert sehr, dass die New Yorker Gotham Chamber Opera geschlossen werden soll, wo jungen Sängerinnen und Sängern eine Gelegenheit geboten wird, aufzutreten und neue, interessante Werke aufzuführen. In diesem Jahr hat Helen Donath in der Production „Baden-Baden 1927“ mitgewirkt hat – Design: Georg Baselitz.

Es war die 12. Saison. Die Musik wurde 1927 auf Initiative von Kurt Weill in 4 Teilen von 4 verschiedenen Komponisten geschrieben. Darius Milhaud schrieb „Die Entführung der Europa“ (L’enlèvement d’Europe), Ernst Toch „Die Prinzessin auf der Erbse (The Princess and the Pea), Paul Hindemith Hin und zurück (There and Back), und Kurt Weill „Mahagonny Songspiel”. Dieses Stück wurde seit der Uraufführung anlässlich der Festspiele in Baden-Baden nicht mehr aufgeführt. Zwei Opernhäuser sollten doch für eine Stadt wie New York nicht zu viel sein.

 Helen Donath wurde auch schon die Isolde angeboten, aber die hebt sie sich für ihren „Abschied“ auf. Sie hat immer ihre Grenzen und Möglichkeiten ihres lyrischen Soprans ausgelotet auch konsequent „durchgezogen“. Als Despina debütierte sie erst 2000. Da war sie 60, was sie gleich zu einer kleinen Live-Einlage „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben!“ bewog. „Sie macht alles zur Bühne“, bemerkte da ihr Mann.

 Er war mit 8 Jahren im Kirchenchor hoher Sopran und sang später im renommierten Knabenchor Hannover. Er wollte lyrischer  Tenor werden, um die „Bildnis-Arie“ des Tamino in der „Zauberfllöte“ zu singen, aber er war naturgemäß bereits im Chor später schon Bariton. Er gehörte dann neben Horst Stein und Wolfgang Sawallisch, der eine sehr schöne Stimme hatte und gut singen konnte, zu den 3 Dirigenten, die etwas vom Singen verstanden.

 Jetzt sind beide ein ideal aufeinander eingespieltes Team. Er führte sie einst in das deutsche Lied ein, das ihr bis dahin unbekannt war. Sie haben hunderte Male „Das Veilchen“ von Mozart mit allen Details geübt. Allein für die zwei Worte „ein Veilchen“ brauchten sie 1 Std., bis die Betonung genau richtig „saß“. Auch aus diesem Strophenlied wollten sie „alles herausholen“ an Dynamik, Betonung und Verständnis des Inhalts, eine Tugend, die gegenwärtig leider in Vergessenheit zu geraten droht. Helen kannte die deutschen Lieder und Volkslieder nicht. Klaus hat es ihr als Mozart-Spezialist nahe gebracht. Beide wollten immer kunstvoll, aber nicht künstlich sein, immer etwas für die Menschen tun, und Helen möchte die Menschen mit ihrer Stimme umarmen.

 Abgesehen von einer kleinen „Schaupiel-Einlage“, in der sie eine kleine Alltagsszene – ihre Begegnung mit einer blasierten älteren „Dame“ – „nachspielte“, wurden die interessanten Ausführungen durch Musik vom Band in Live-Mitschnitten aus Dresden und München umrahmt. Man hörte Ausschnitte mit Helen Donath aus „Deutsche Volkslieder“ von Johannes Brahms, am Flügel Klaus Donath (Mittschnitt Semperoper, 1992), „Weihnachtsoratorium“ von J. S. Bach mit der Staatskapelle Dresden unter Peter Schreier (1986), und „Hänsel und Gretel“ mit großer Besetzung in München unter Kurt Eichhorn.

 Helen und Klaus Donath geht es nicht um Künstler oder Publikum, es geht um Musik. Da sollte alles Private bei der Erarbeitung und Aufführung im Dienst der Musik zurückbleiben. „Wir haben nur ein Leben“ und das möchten beide nutzen, um ihren reichen Fundus an Erfahrungen und Wissen an die nächste Generation weiterzugeben (was unbedingt nottut). Bedeutende Sängerinnen wie Arleen Auger, Lucia Popp und Margaret Price leben schon nicht mehr. Deshalb möchten Helen und Klaus Donath ihr Vermächtnis des künstlerisch wertvollen Gesanges weitergeben.

 Ingrid Gerk

 

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